Freitag , 25. September 2020
Peter Orlamünde brennt schon seit seiner Kindheit für Kirchenmusik. (Foto: t&w)

Ein Leben für die Musik

Dahlenburg. Von seinem Wohnzimmer aus blickt Peter Orlamünde auf die Johanneskirche, in der er seit mehr als 50 Jahren die Orgel spielt. In Dahlenburg ist er ei ne Instanz, jeder hier kennt ihn.

Es ist Donnerstagvormittag. Orlamünde hat es sich in seinem Sessel gemütlich gemacht und lässt sein Leben Revue passieren. Viele richtige Entscheidungen habe er getroffen, sagt der 81-Jährige. Eine der prägendsten war, als Jugendlicher allein aus der DDR zu fliehen. Er war 14 Jahre alt, als er nicht nur von seiner Schule in Naumburg an der Saale, sondern von allen Schulen der DDR ausgeschlossen wurde. Allein seine Mitgliedschaft in der protestantischen Jungen Gemeinde machte ihn für die Stasi verdächtig. „Bei der Trauerfeier zum Tode Stalins sollen wir uns angeblich unangemessen verhalten haben, 20 Schüler und drei Lehrer wurden der Schule verwiesen“, erzählt Orlamünde. Das war im Jahr 1953.

Der Traum vom Musikstudium platzte

Wie die Gauck-Behörde später herausfand, waren damals 3000 Schüler von so einem Ausschluss betroffen. „Das Abitur wäre für mich in der DDR nicht mehr möglich gewesen. Mir wurde geraten, in die Landwirtschaft zu gehen.“ Doch das kam für den ehemaligen Musiklehrer nicht infrage, für ihn stand schon früh fest, dass er Musik studieren wollte. „Mir war das in die Wiege gelegt, schon mein Vater war Kantor. Als Knäblein saß ich mit ihm auf der Orgelbank, für mich gab es nichts anderes.“ So floh er über Westberlin. Ein schwerer Schritt, er ließ seine Eltern und drei Schwestern zurück. „Erstmal ging gar nichts, später durfte ich sie dann einmal im Jahr besuchen“, erzählt Orlamünde. Im Westen erhielt er als anerkannter Flüchtling ein Stipendium, sein Abitur machte er an einem Internat in Nordrhein-Westfalen.

„Solange mich die Gicht nicht erwischt, will ich weiterspielen.“ – Peter Orlamünde, Organist

Der Traum vom Musikstudium wurde schließlich in Karlsruhe wahr, anschließend war er drei Jahre lang erster Hornist im Sinfonieorchester in Salvador in Brasilien, dann nahm er ein Engagement am Westdeutschen Kammerorchester in Soest an. Später besuchte er die Kirchenmusikschule in Bayreuth, wo er seine Frau Ulrike kennenlernte. „Die Wohnsituation dort war sehr schlecht“, erinnert sich Orlamünde. „Als mir dann die Stelle als Kantor inklusive Diensthaus hier in Dahlenburg angeboten wurde und wir beide hier als Lehrer anfangen konnten, war das ein großes Glück.“ 30 Jahre lang arbeitete das Ehepaar an der Haupt- und Realschule. Jahre, auf die Orlamünde gern zurückblickt. Längst ist er in Pension, doch ein Leben ohne die Kirchenorgel kann er sich noch nicht vorstellen. „Ich lebe mit der Musik, in der Musik und für die Musik“, sagt der Pädagoge. „Das ist eben nicht nur Beruf, sondern Berufung. Ein Segen.“

Dahlenburg ist Peter Orlamündes Heimat geworden

Solange er die Finger noch bewegen kann und ihn nicht die Gicht erwischt, will er weitermachen. Er schüttelt den Kopf. „Wenn ich mir vorstelle, dass ich die Glocken der Kirche höre und jemand anders spielt die Orgel, das ertrage ich nicht.“ Obwohl die Zeiten schwerer geworden seien: „Seit mehr als einem Jahr haben wir keinen Pastor mehr, mich jede Woche auf eine neue Vertretung einstellen zu müssen, das ist mühsam.“

Die 1969 von ihm gegründete Kantorei hat er schweren Herzens bereits 2017 abgegeben. „In den Hochzeiten hatten wir 50 Mitglieder“, schwärmt Orlamünde. „Ich hatte einen Stamm von fleißigen und begabten Sängern, mit dem ich Werke aus verschiedenen Epochen erarbeiten konnte. Wir sind auch viel gereist mit dem Chor.“ Ein Höhepunkt war für Kirchenmusiker Orlamünde ein Auftritt im Dom in seiner Heimatstadt Naumburg. „Das war sehr emotional.“

Drei Chöre und etwa 20 Klavierschüler

Zeitweise leitete Peter Orlamünde drei Chöre: den Kirchenchor, den Schulchor und den Dahlenburger Männerchor. Parallel dazu unterrichtete er etwa 20 Klavierschüler. Und das alles neben seiner Tätigkeit als Lehrer und Organist.

Wie er das alles geschafft hat, weiß er auch nicht mehr. „Es war immer was los. Ich habe eben einfach Freude daran“, sagt er und zuckt mit den Achseln. Seine Faszination für die Orgel kann er rational nicht erklären. „Es ist einfach ein besonderes, ein sehr komplexes Instrument“, sagt Orlamünde, wissend, dass der Klang der Orgel nichts für jeden Geschmack ist. „Für die Orgel sind einfach wunderschöne Stücke geschrieben worden, von Johann Sebastian Bach oder auch Heinrich Schütz“, gerät er ins Schwärmen.

Durch die Musik ist Dahlenburg zu Peter Orlamündes Heimat geworden. „Es ist zwar nicht die große weite Welt, aber wir haben hier alles. Lüneburg liegt vor der Tür, Hamburg mit der Elbphilharmonie und der Oper, mehr braucht es doch wirklich nicht.“ Auch die Zuganbindung lobt er, der regelmäßig mit der Bahn seine Tochter und seine Enkelkinder im fränkischen Coburg besucht. „Über Langeweile können wir uns weiß Gott nicht beklagen.“

Von Lea Schulze