Mittwoch , 23. September 2020
Ein Idyll Hinter der Bardowicker Mauer. Die Häuser der Fahrtknechte, Mitarbeiter der alten Saline, schmiegen sich an die Stadtmauer. Thomas Meier stellt die Aufnahmen freundlicherweise zur Verfügung. Foto: Hans Boy-Schmidt

Das große Rätselraten

Lüneburg. Es ist oft ein Rätselraten: Welche Ecke Lüneburgs könnte es sein? Wann entstand das Bild? Morgens schauen Hunderte bei Jesco von Neuhoff vorbei, um auf historischen Fotos ein paar Minuten Heimatkunde zu betreiben. Der 54-Jährige lädt in aller Herrgottsfrühe zu einem Bummel durch das vergangene Lüneburg aus. Wie auch andere nutzt er die Internetplattform Facebook wie einen virtuellen Marktplatz, auf dem man trefflich klönen und fachsimpeln kann. Fundstücke nennt er die eine Bilderschau, die er überwiegend mit alten Fotos bestückt, „Als Werbung noch Reklame hieß“ heißt der zweite Reigen, gefüllt mit Anzeigen, Firmenemblemen oder eben Ansichten.

Ein Bild, das Anfang/Mitte der 1950er Jahre entstand und den Sand zeigt. Der schwarze Wagen biegt ab in die Bäckerstraße – damals von die Bundesstraße 4. Die Engländer waren noch Besatzungsmacht an der Ilmenau. Auf dem Schild rechts ist der Vergrößerung das Wort Foot-Path zu erkennen: Fußgängerüberweg. Foto: Hans Boy-Schmidt

Der Lüneburger Werbefachmann ist nicht allein. Auch andere haben offenbar Schatzkisten mit Erinnerungen zu Hause und teilen ihre Kostbarkeiten digital – ein bisschen stolz – mit anderen. Niels Laugsch zeigt regelmäßig historische Aufnahmen bei Facebook, andere wie Ilona Prigge oder Thorsten Seiffart nehmen ihr Publikum mit zu aktuellen Spaziergängen durch die Stadt.

Klare Regeln im Internet-Forum

Drei Lüneburg-Spezialisten beim Fachsimpeln: Wolfgang „Wolle“ Göttgen, Thomas Meier und Jesco von Neuhoff (v. l.) stellen Ansichten der Stadt ins Internet. Ihr Publikum diskutiert, wo Bilder entstanden sind und welche Geschichten sich darum ranken. Foto: t&w

Für sie bietet Wolfgang Göttgen ein Forum. „Lüneburg gestern und heute“ hat er seine Ideen- und Inspirationsbörse genannt. „Ich bin Lüneburger, liebe die Vergangenheit und die Gegenwart“, sagt der 64-Jährige. Im November 2015 habe er die Plattform ins Leben gerufen, da seien so 3500 Fans dabei, auf seine zweite Bühne „Ich liebe Lüneburg“ blicken bis zu 5500 Gäste. „Wolle“ ist ein Mann der klaren Ansage: „Ich greife durch, wenn einer sich nicht vernünftig verhält. Dann schmeiße ich ihn raus.“ Werbung für Firmen habe da ebenso wenig verloren wie politische Hetze. Schon vorher greife ein Sicherheitsmechanismus: „Bevor ich jemanden aufnehme, schaue ich mir dessen Profil an.“

Wolle, aufgrund gesundheitlicher Probleme Rentner, besitzt einen riesigen Bekanntenkreis. Er hat als Discjockey für die Pupasch-Kette gearbeitet, erst in Lüneburg, dann 17 Jahre lang an den Landungsbrücken in Hamburg. Pupasch war eine Spielart der sogenannten Systemgastronomie: viel Party, viel Alkohol, viele Menschen. Für ihn sind diese Kanäle keine Einbahnstraße: „Da liefern einige zu, nicht alle kenne ich persönlich, habe aber über Facebook Kontakt.“

„Ich teile mich gern mit und stehe mein Leben lang im Mittelpunkt“, erzählt er. So tritt der Tausendsassa noch öfter auf: Er blättert sich durch Jahrzehnte der Lünepost, selbstverständlich geht‘s auch um Musik, mit Daten, aber auch einem Oldie-Kanal.

Eher sporadisch mit seiner „Sonntagspostkarte“ meldet sich Rolf Herklotz. Oftmals ein Unikat. Herklotz, Jahrgang 1951, erzählt: „Meine Mutter ist in der Wandfärberstraße aufgewachsen. Mein Vater, Heinz Herklotz, war direkt nach dem Krieg für meinen Großvater Max tätig. Der hat die Spielwarenkette Hänsel und Gretel gegründet, dazu Großhandel Herklotz & Co und die Spielwaren-Einzelhandelskette aufgebaut. Mein Vater war erst Buchhalter, später Steuerberater für die von Stern‘sche Buchdruckerei und die Landeszeitung.“

Fans freuen sich auf die Sonntagspostkarte

Johanneum, Lehre bei der Sparkasse, Studium, Ausbildungsleiter bei einer Bank, gesundheitliche Probleme. „1997 ging ich in Frührente wegen Krebs.“ Er lebte in Kanada und auf Teneriffa, genoss „das neu geschenkte Leben“: „Über Facebook habe ich Kontakte in aller Welt aufrechterhalten und bin dort auf die Lüneburg-Gruppen gestoßen. Weil ich keine aktuellen Fotos mehr machen konnte, habe ich dort meine Postkarten gepostet.“

Neben eigenen Fotografien aus den 1960er Jahren nutzt er geerbte Bücher. Inzwischen in Ostfriesland zu Hause, ist der Austausch über das Internet eine Brücke in die Heimat.

Hans Boy-Schmidt fotografierte vor Jahrzehnten in Lüneburg. Seine Bilder wurden auch in der Tourismus-Werbung genutzt. Der Blick aufs Rathaus stammt wahrscheinlich aus den 1950er Jahren. Foto: Hans Boy-Schmidt

Auf eine besondere Quelle greift Thomas Meier zurück. Sein Großonkel ist der verstorbene Fotograf und Maler Hans Boy-Schmidt, er war von 1950 bis 1974 Vorsitzender des Bundes Bildender Künstler in Lüneburg. Er hat der Familie einen Nachlass ungezählter Fotos der Region hinterlassen. Meier, Studiendirektor an den Berufsschulen, ist selber begeisterter Fotograf. Er stellt die Bilder Schmidts bei Facebook ein, regelmäßig echte Hingucker: „Ab und an ist es wirklich etwas Neues.“

Auch Meier ist ein waschechter Lüneburger, aufgewachsen am Schwalbenberg, gehörten die Gleise und die Gelände der Schrotthändler am alten Güterbahnhof zu seinem Revier. Es sind auch ein bisschen die LG-Gene, die ihn motivieren, andere an seinen An- und Aussichten teilhaben zu lassen.

Für sie ist es eine Herzensangelegenheit

Wie auch für andere ist Jesco von Neuhoff ein wesentliches Bindeglied der Salz-Connection. Für Jesco ist die Lüneburger Geschichte eine „Herzensangelegenheit“. Er freut sich, wenn plötzlich ältere Herrschaften in seinem Laden an der Kastanienallee stehen, ihm Broschüren zur Firmengeschichte oder Fotoalben zeigen – ein Fundus für neue Bilderschauen.

Dass es um ein Miteinander und nicht um einen Wettkampf der schönsten Bilder geht, steht für Jesco fest, auch wenn er selbstbewusst sagt: „Ich war der Anschieber für die Foren.“ Er träumt von einem Stammtisch der Lüneburg-Fans gern im Museum. Aber da hat er noch nicht angerufen: „Ich habe viel zu tun.“

Von Carlo Eggeling