Mittwoch , 23. September 2020
Im Keller des Restaurants „Teramo“ findet Wilma Laudan Feldsteine und andere Relikte vergangener Zeiten. Die 81-Jährige ist überzeugt: Hier wird einst das Schloss gestanden haben. (Foto: phs)

Auf den Spuren des Schlosses

Grünhagen. Die Vergangenheit birgt viele ungelöste Rätsel: das Ungeheuer von Loch Ness zum Beispiel, das fehlende Stück der Ebstorfer Weltkarte oder auch das verschollene Sommerschloss von Grünhagen. Das soll der zweite evangelische Abt des Lüneburger Michaelisklosters, Eberhard von Holle, in den Jahren 1578 bis 1580 anstelle eines früheren Sommersitzes errichtet haben – mit Wassergraben, Brücken und Türmchen. Archäologen und Historiker gehen davon aus, dass dort, wo heute das alte Forsthaus steht, einst der dekorative Vorhof mitsamt Wirtschaftsgebäuden und Parkanlagen seinen Platz hatte.

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit

Doch die Bewohnerin des Forsthauses, Wilma Laudan, glaubt, dass die gesamte Schlossanlage viel näher an der heutigen Bundesstraße gestanden haben muss, als allgemein angenommen wird. Seit Jahren studiert sie historische Unterlagen, stöbert in Archiven und klettert in staubige Keller, um einen handfesten Beweis für ihre These zu finden. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Und auch einer gegen die drohende Erblindung.

„Ich muss mich beeilen“, sagt Wilma Laudan. Ihre Augen werden unaufhaltsam schlechter, die Netzhaut ist angegriffen, irgendwann wird sie die Buchstaben in den Ordnern auf ihrem Schreibtisch auch mit der Lupe nicht mehr erkennen können. „Aber je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr interessiert es mich“, erzählt die zierliche Frau und schiebt sich mit ihren Fingern eine Strähne hinters Ohr.

Angefangen hat das alles vor rund vier Jahren. Damals wollte Laudan eigentlich bloß einen Weg in ihrem Garten anlegen. Dabei stieß sie in rund 40 Zentimetern Tiefe auf alte Pflastersteine und Scherben, deren Herkunft sie sich nicht erklären konnte. „Ich habe also zehn Kubikmeter Erde durchsieben lassen, um das alles aus dem Boden zu holen.“ Zum Vorschein kamen weitere Steinbruchstücke – manche graviert, andere glasiert. Damals war die 81-Jährige bereits im Arbeitskreis Geschichte aktiv, einer Gruppe von Ehrenamtlichen, die zur Historie Bienenbüttels forscht. Vom Schloss hatte sie schon gehört, auch, dass es direkt am Ufer der Ilmenau gestanden haben soll. Die Fundstücke aus dem eigenen Garten ließen sie neugierig werden. „Da fiel mir auf einmal der Keller ein“, erinnert sich Laudan, gleich nebenan, unter dem Restaurant „Teramo“, meint sie einst weitere Überbleibsel des Schlosses gesichtet zu haben. Wenn das stimmt, sind die bisherigen Standort-Theorien überholt.

Unterirdisches Tonnengewölbe

Der Restaurantbetreiber lässt die LZ einen Blick hinabwerfen. Zu sehen ist ein unterirdisches Tonnengewölbe, die rund einen Meter dicken Wände sind teilweise mit Feldsteinen befestigt und an einigen Stellen durch Kanäle unterbrochen – Laudan glaubt, dass sie früher der Durchlüftung dienten. „Jedenfalls ist der Keller nicht von 1710, wie der Rest des Hauses, sondern älter“, sagt sie. Nicht auszuschließen sei sogar, dass es sich dabei um den einstigen Schlosskeller handelt. „Das wäre ja auch viel logischer“, meint Laudan. „Die Leute hätten doch nicht ein Schloss ins Ilmenautal gesetzt, wenn sie es auch auf festen Boden hätten bauen können.“

Doch, das hätten sie, meint Uelzens Stadt- und Kreisarchäologe Dr. Fred Mahler. „Schloss- und Burganlagen hier bei uns in der Gegend wurden oft in die feuchten Niederungen gebaut.“ So habe man das Flusswasser für die Gräben abführen und sich vor ungebetenen Gästen schützen können. „Und das Verbauen von Feldsteinen im Keller ist zunächst nichts Ungewöhnliches.“ Jedenfalls reichen dem Experten die Funde von Laudan nicht aus, um die bisherige Theorie zum Standort zu verwerfen.

„Dort in der Erde ist nichts bedroht“

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts seien in der Ilmenauniederung Reste frühneuzeitlicher Balken gefunden worden. „Woher sollten die sonst stammen?“ Auch Mahler würde gern mehr über das Schloss erfahren, hatte zuletzt sogar weitere Untersuchungen angeregt, um eine 3D-Darstellung der Mauerreste im Boden zu erhalten. Doch es fehlte an Zeit und Geld. Auch Anfragen bei Hamburger Studenten scheiterten. „Die hatten anderes zu tun.“ Und so bleibt das Rätsel vorerst ungelöst. „ An dem Ort ist aber auch keine Gefahr im Verzug“, versichert Mahler. „Dort in der Erde ist nichts bedroht.“ Doch Laudan kann nicht abwarten. Sie werde weiter forschen, erklärt sie. „Ich kann nicht anders. Das ist eine Sucht.“

Von Anna Petersen