Samstag , 8. August 2020
Gemeinsam helfen sie betroffenen Lüneburgern beim Weg aus der Verschuldung: (v.l.) Holger Hennig, Else Lorenz, Anke Gottwald, Stephan Warzawa und Gisela Kindler. Foto: t&w

Wenn Geldsorgen den Alltag dominieren

Lüneburg. Bis zum Jahr 1985 beriet Anke Gottwald hauptsächlich arbeitslose Menschen und schwangere Frauen. Ihr fiel auf, dass die beiden Gruppen häufig eines ge meinsam hatten: viele Schulden. „Die Überschuldung wurde zum Massenproblem, es reichte nicht, diese Beratung nebenbei anzubieten“, erinnert sich die Sozialarbeiterin heute. „Deshalb haben wir die Schuldnerberatung ins Leben gerufen.“ In diesem Jahr feiert die soziale Schuldnerberatung des Lebensraums Diakonie ihr 35-jähriges Bestehen.

Wohnen, Strom und Essen stehen an erster Stelle

Das kostenfreie Angebot richtet sich an überschuldete Familien und Einzelpersonen, die in ihrer Situation Hilfe brauchen. „Das Wichtigste ist für uns die Existenzsicherung“, verdeutlicht Stephan Warzawa, Kaufmännischer Vorstand des Vereins. Das bedeute, dass zunächst die wichtigsten Dinge abgesichert werden: Wohnung, Strom und Ernährung.

Erst dann werde versucht, gemeinsam ein Ziel zu formulieren. „Es muss nicht immer auf eine Privatinsolvenz hinauslaufen“, meint Anke Gottwald, „manchmal sind auch Ratenzahlungen möglich oder wir suchen andere Wege der Regulierung. Immer darauf abgestimmt, was die jeweilige Person leisten kann.“

Da die Schulden häufig von anderen sozialen Problemen begleitet werden, setzt die Schuldnerberatung des Lebensraums Diakonie auch dort an. „Wir wollen nicht nur das Problem der Schulden lösen, sondern vor allem den Schuldner stabilisieren“, meint Holger Hennig, Leiter der Kirchenkreissozialarbeit in der Region Lüneburg. Den Klienten in seinem Inneren erreichen, um eine Verhaltensänderung zu erzielen und somit das Problem an der Wurzel zu packen: Das sei das Leitbild der sozialen Schuldnerberatung. Denn Anke Gottwald weiß: „Das mit den Schulden kann man immer lösen.“

„Wir haben schnell gemerkt, dass die Überschuldung kein vorübergehendes Problem ist“, blickt die Beraterin auf die Anfänge zurück. „Im Gegenteil: Es nahm immer weiter zu.“ Die Möglichkeit, ein Girokonto zu überziehen, sowie Kredite mit „Wucherzinsen“ verschlimmerten die Situation. „Es wurde immer leichter, sich den Konsum auf scheinbar sichere Art und Weise zu leisten.“

Deutlicher Anstieg der Fallzahlen

Gleichzeitig gab es aber Veränderungen, die die Situation für Schuldner verbessert haben. „Die Einführung der Privatinsolvenz im Jahr 1999 oder das Recht für jeden auf ein Basiskonto waren hilfreiche Meilensteine in unserer Arbeit“, sagt Anke Gottwald.

Und trotzdem sehen sie und ihre Kollegin Gisela Kindler einen deutlichen Anstieg der Fälle, über 200 Klienten beraten sie bereits jetzt im Jahr. „Die schlimmsten Fallen sind Handyverträge oder Internetshops“, erklärt sich Gisela Kindler diesen Zuwachs. Dazu würden viele Migranten kommen, die durch fehlende Sprachkenntnisse in Verträge hineingeraten, die sie in den finanziellen Ruin treiben. „Das könnte in Zukunft noch mehr werden“, mutmaßt Anke Gottwald. Aber auch die Altersarmut wird in den nächsten Jahren einen größeren Raum einnehmen, erwarten die beiden Beraterinnen.

Dass die Schuldnerberatung die Finanzierung durch den Landkreis verloren hat, hält den Verein nicht davon ab, die Arbeit fortzusetzen. „Es ist natürlich eine Herausforderung“, meint Stephan Warzawa, „aber wir sehen, dass unser Angebot immer noch dringend gebraucht wird, deshalb machen wir weiter und suchen nach Lösungsmöglichkeiten für die Finanzierung.“

Von Lilly von Consbruch