Dienstag , 20. Oktober 2020
Der pensionierte Dannenberger Polizist Norbert L. (72) ist angeklagt, die Töchter seiner heutigen Ehefrau missbraucht zu haben. Foto: be

Ohrfeige für die Tante

Lüneburg. Wann hat das Umfeld der Dannenberger Familie etwas von dem Vorwurf zweier Schwestern erfahren, dass ihr Stiefvater sie vor Jahren sexuell missbraucht haben soll? Eine Frage, die sich das Landgericht am Mittwoch von Zeugen beantworten ließ. Unausgesprochen stand im Hintergrund die Frage, wie glaubwürdig die Belastungszeugen sind. Erkennbar wurde eine Familie, die zerbrochen ist.

Das Schweigen im Wohnmobil

Die Tante der Schwestern erfuhr kurz vor der Konfirmation eines ihrer Söhne von den Vorwürfen gegen ihren Schwager. „Ich hab dann auf dem Fest meine Schwester und meinen Schwager zur Seite genommen und ihnen in unserem Wohnmobil gesagt, was im Raum stand. Beide saßen bedröppelt da, fassungslos.“ Und schwiegen.

Das erstaunte den Vorsitzenden Richter Thomas Wolter, der eher ein wütendes Dementi erwartet hätte. Doch Norbert L. schwieg. Nachdem die Schwägerin versichert hatte, ihren Nichten ohnehin nicht zu glauben.

Am Todestag der Oma kochten die Gefühle über. Die Ältere der beiden Schwestern passte ihre Mutter und ihren Stiefvater in einer Straße ab, beschimpfte sie: „Und der Kinderschänder läuft immer noch frei rum.“

Die Tante hielt dagegen: „Sei ganz vorsichtig mit solchen Anschuldigungen.“ Es wurde geschubst. „Dann fing ich mir eine Ohrfeige von meiner Nichte.“

Die Jüngere der beiden Schwestern hatte sich zuvor per WhatsApp ihrer Cousine offenbart: „Nobby hat mich betatscht. Und das hat er auch mit meiner Schwester gemacht. Deshalb kommt sie nicht mit Nobby klar.“ Kein gutes Haar ließ die Cousine an der älteren Schwester: „Sie ist in meinen Augen ein bösartiger Mensch. Sie wollte die Familie zerstören. Und ihre Eltern wieder zusammenbringen.“

Zusammenbruch auf Grillparty

Ex-Freunde der älteren Schwester sagten aus, wie sie von den Vorwürfen erfuhren. So sei die junge Frau weinend auf einer Grillparty zusammengebrochen, dann weggelaufen. Auf die Frage des ihr hinterhergelaufenen Partners, was denn los sei, habe sie nur gesagt: „Mein Stiefvater! Mein Stiefvater!“

Beim Sex mit ihrem damaligen Freund sei sie in Tränen ausgebrochen. Dann offenbarte sie sich: „Die ersten sexuellen Erfahrungen hat sie nicht freiwillig gemacht, sondern mit ihrem Stiefvater“, gab er am Mittwoch wieder, was sie ihm gesagt hatte.

Von Joachim Zießler

Mehr dazu:

Quälende Erinnerungen

Die ignorierte Brücke des Richters