Donnerstag , 24. September 2020
Helga und Samuel Wagner freuen sich auf ihren Empfang. (Foto: t&w)

60 gute Jahre

Neetze. Die 60 Jahre Ehe waren allesamt gut, da sind sich Helga und Samuel Wagner einig. „Nein, eine Krise gab es nie“, sagt Helga Wagner. „Natürlich hatten wir uns mal in den Plünnen, aber abends haben wir uns wieder vertragen.“ Das sei heutzutage anders. „Inzwischen rennt man bei jedem Streit gleich auseinander, diskutiert nicht mehr“, meint sie. „Das ist schade.“

Ihr elf Jahre älterer Mann wohnte in der Nachbarschaft, als sie sich kennenlernten, erinnert sich die 79-Jährige. „Ich habe ihn oft gesehen, wenn ich aus der Schule kam, später trafen wir uns dann beim Tanzvergnügen – und verliebten uns.“ Dass er damals ein Motorrad hatte, erzählt sie stolz. „Eine Maico, ich durfte immer hinten mit drauf.“

Maico, das war später auch Samuel Wagners Spitzname beim Fußball. Besonders der TuS Neetze habe ihm den Neuanfang 1954 leicht gemacht, sagt er. Samuel Wagner kam als Jugendlicher zusammen mit seiner Mutter als Flüchtling aus Bessarabien, der heutigen Ukraine. Mit dem Planwagen kamen sie in Bardowick an, zogen dann nach Westergellersen, wo er Schuster lernte. Bald fing er an, beim Viehhändler Sander in Neetze zu arbeiten. Mit 27 traf er Helga Wagner, sie war damals erst 16. „Er fand mich gleich toll, aber ein bisschen mussten wir mit der Hochzeit noch warten, ich war zu jung“, erzählt Helga Wagner. Jung gefreit hat nie gereut, auf sie trifft die alte Redensart zu: 1962 kam der erste Sohn Carsten zur Welt, 1964 und 1966 folgten Liane und Maik, auch das eigene Haus ließ nicht lange auf sich warten. Dass das in Neetze stehen musste, war für die Ur-Neetzerin Helga Wagner selbstverständlich.

Der Fußball prägte lange die Freizeit des Paares

Aus dem Dorfleben sind die Eheleute kaum wegzudenken. Kein Winterball ohne die Wagners, auch bei Veranstaltungen der Feuerwehr und des Sozialverbandes sind sie stets dabei. „Meine Eltern sind hier bekannt wie ein bunter Hund“, sagt Tochter Liane. Das liegt nicht zuletzt am Fußballfieber der Wagners: Viele Jahre lang war Samuel Wagner Trainer und Jugendleiter der Fußballsparte des TuS Neetze, spielte mit 48 Jahren noch in der 1. Mannschaft. Auch Wagners Sohn Carsten begann hier seine Fußballkarriere, bevor er 1969 zum LSK wechselte und dort seine Karriere als Torjäger „Schnecke“ begann. Der Fußballaufstieg ihres Sohnes, die vielen Wochenenden auf dem Platz, für die Wagners mit die schönste Zeit ihres Lebens. „Dieses Spiel, als der LSK 1:0 zurücklag gegen Neumünster. Dann kam Carsten rein, hat drei Tore geschossen und der LSK ist aufgestiegen in die Oberliga“, schwärmt Helga Wagner. „Das war damals unser Leben.“

Profivereine wurden auf auf den jungen Mann aufmerksam, Carsten unterschrieb bei Eintracht Braunschweig. Sogar eine Wohnung hatte er schon dort. Dann verletzte er sich, musste die Profikarriere aufgeben. „Ich war damals so froh, dass er seine Ausbildung als Elektriker abgeschlossen hatte. Das stand kurz auf der Kippe, wegen eines Angebots von Werder Bremen“, erinnert sich Helga Wagner. „Wir haben damals mit Carsten gelitten, aber das Leben ging weiter.“

Geld für die schönen Dinge des Lebens sauer verdient

Später sind die Wagners viel gereist, nach Gran Canaria, Fuerteventura, am liebsten erinnern sie sich an ihre Urlaube in Ungarn am Plattensee zurück, dort hatte Tochter Liane einst ein Ferienhaus. Das Geld für die schönen Dinge des Lebens hat sich das Ehepaar sauer verdient: Weil Samuel Wagner nicht viel nach Hause brachte, war auch seine Frau stets berufstätig. „Ich hatte das Glück, dass meine Mutter bei uns wohnte und auf die Kinder aufgepasst hat“, erklärt sie. 42 Jahre lang hat sie bei Spargel Strampe gearbeitet, 20 Jahre in der Fernverpflegung Neetze gekocht und Essen ausgefahren, 10 Jahre lang eigene Quelle-Agentur geführt. „Das war manchmal hart, aber wir wollten uns etwas leisten können.“

„Eine gute Ehe ist die, in der der Mann nichts zu sagen hat.“– Samuel Wagner

Das Geheimnis einer guten Ehe steht für die Wagners fest: „Eine gute Ehe ist die, in der der Mann nichts zu sagen hat“, sagt Samuel Wagner und schmunzelt, seine Frau pflichtet ihm bei. „Ich hatte immer die Hosen an.“ Die größte Herausforderung ihrer Ehe haben die Wagners seit 2014 zu meistern, die Demenzerkrankung von Samuel Wagner. Zweimal die Woche kommt ein Pflegedienst. Es sei schwer, sagt Helga Wagner, doch zahle sich das Leben auf dem Dorf aus: Nachbarn, Bekannte, Freunde und allen voran die Familie, sie alle helfen wo sie können. Nun freuen sich die Wagners auf ihren Empfang zuhause, „bei der Goldenen Hochzeit hatten wir etwa 50 Gäste, mit so vielen rechnen wir wieder“ sagt Helga Wagner. Am Sonntag wird dann noch einmal im kleinen Kreis gefeiert.

Von Lea Schulze