Freitag , 25. September 2020
Ein eingespieltes Team: Schäferhündin Abby mit ihrem Ausbilder Daniel Goosmann. Foto: t&w

Übung macht den Blindenhund

Lüneburg/Ebstorf. Wenn andere Abby blöd von der Seite anmachen, läuft sie einfach stur geradeaus. Abby hat zu tun. Abby hat keine Zeit, sich den weißen Jack Russell Terrier vorzuknöpfen, der da auf dem Gehweg steht und um ihre Aufmerksamkeit bellt – auch, wenn sie es vielleicht gern wollte. Aber nein, hier wimmelt es nur so vor Gefahren: Busse, Fahrräder, Menschen – Abby muss arbeiten. Sie hat einen wichtigeren Auftrag: ihren Menschen sicher ans Ziel bringen.

Dieser Mensch, das ist Daniel Goosmann. Der ist eigentlich gar nicht auf Abbys Hilfe angewiesen, hängt aber trotzdem an ihrem Geschirr und lässt sich von ihr durch das städtische Treiben führen. Schon in wenigen Wochen soll die Schäferhündin das mit einem Blinden tun – Goosmann ist Abbys Ausbilder, sie seine Azubine. Manchmal werfen ihm die Menschen schräge Blicke zu, wenn er, der vermeintlich Blinde, Abby nach dem Training aus dem Geschirr lässt und mit dem Auto davonfährt. Wenn er schimpft, weil wieder irgendwer auf die Idee kommt, seinem Hund heimlich ein Leckerli zuzustecken. Goosmann sieht alles – und solche Dinge gar nicht gern. „So ein Blindenhund ist ja auch nur ein Mensch“, sagt er. Soll heißen: Auch Abby ist nicht mit absoluter Sicherheit immun gegen Ablenkung. Im Ernstfall kann das böse enden.

Absoluter Gehorsam ist Voraussetzung

Es ist Freitagmittag. In der Lüneburger Innenstadt ist ordentlich was los: Schüler rennen über die Gehwege, Männer und Frauen schieben sich mit vollen Taschen durch die Einkaufsstraßen. Goosmann will sich setzen. „Abby, rechts, such Bank!“ Die braune Hündin schaut sich kurz um, peilt eine Bank an und springt mit den Vorderbeinen auf die Sitzfläche. Ziel erreicht! Goosmann flüstert ihr zur Belohnung ein paar liebevolle Worte ins Ohr. Futter gibt es nur für besonders schwierige Aufgaben, wenn es zum Beispiel gilt, eine Ampel anzuzeigen: „Alles lässt sich leidenschaftlicher anspringen, wenn eine Bockwurst dranhängt.“ Weiter geht‘s in Richtung Café. Wenn Goosmann die Straßenseite wechseln möchte, gibt er Abby das Kommando „Such Bord“. Dann betritt sie die Kantsteine mit den Vorderpfoten und blockiert ihr Herrchen mit der Schulter. Goosmann kann sich nun vorsichtig mit den Füßen bis zur Kante vortasten. Das macht er, obwohl er gut sehen kann, damit die Situation für Abby authentisch ist. Schwierig wird es, wenn die Bordsteine fehlen, wie es in Lüneburg öfter der Fall ist. „Das ist totaler Schrott für Blinde“, sagt der 50-Jährige, denn für jemanden, der nicht sehen kann, sei eine ertastbare Abgrenzung hilfreich. Abby bleibt im Zweifel einfach an der Straße stehen und zeigt einen Bordstein an, den es gar nicht gibt.

Ist die Straße gefährlich?

Das ist das Besondere an der Ausbildung: „Wir brauchen absoluten Gehorsam, aber die Hunde müssen trotzdem selber denken.“ Ist die Straße gefährlich? Müssen wir noch warten oder können wir schon losgehen? Wie bahne ich uns einen Weg durch die Menschenmenge? Diese Entscheidungen trifft Abby allein. Das liegt ihr deutlich besser als der Schutzhundesport, für den sie ihre früheren Besitzer begeistern wollten. Abby war für diese Aufgabe nicht aggressiv genug – ein Glück: So führte sie ihr Weg mit einem Jahr zu Daniel Goosmann. In seinem Feriendorf bei Ebstorf hat er zu diesem Zeitpunkt bereits neun Hunde ausgebildet und einen neuen Kunden, der seit Monaten auf einen tierischen Helfer hofft.

Die Suche nach dem „Richtigen“ ist gar nicht so einfach: Ein geeigneter Hund sollte gesund sein, neugierig, arbeitswillig, freundlich, nicht zu jung und nicht zu alt. Ein Welpe kommt für Goosmann nicht infrage, nicht zuletzt, weil sich viele Knochen- und Gelenkbeschwerden erst mit einem Jahr diagnostizieren ließen. Abby ist jetzt zwei Jahre alt und seit rund elf Monaten in der Ausbildung. Die ersten Wochen lernte sie ausschließlich, geradeaus zu laufen, dann die Kommandos „rechts“ und „links“, schließlich das Anzeigen von Treppen, Gegenständen und Gefahren – jetzt, im letzten Lehrmonat, muss sie das alles gleichzeitig können, im Gelände genauso wie in der Stadt.

Inzwischen wird auch mit geschlossenen Augen geübt

Am Café angekommen, lässt Goosmann Abby aus dem Geschirr und verschwindet in Richtung Tresen, um die Bestellung aufzugeben. Abby hält das für einen guten Zeitpunkt, um die Redakteurin anzubetteln. Da kommt Goosmann um die Ecke geschossen: „Du hast Pause, keine Freizeit“, ermahnt er seinen vierbeinigen Lehrling. Auch Freizeit ist regelmäßig drin, aber eben nur, wenn das Herrchen das auch genehmigt – draußen im Feld oder im Garten.

Klare Regeln müssen sein. Das ist der Preis für einen Auftrag, den Goosmann für einen der schönsten hält, der diesen Tieren passieren kann. „Du bist bei einem Menschen, für den du so wichtig bist, dass du immer dabei sein kannst und viel Raum einnimmst.“ Langeweile gibt es nicht.

Abbys und Goosmanns gemeinsame Zeit ist bald um. Inzwischen ist das Vertrauen so groß, dass auch unter realen Bedingungen geübt wird – mit geschlossenen Augen. Wenn das sicher klappt, werden die beiden noch vier Wochen mit Abbys neuem Herrchen trainieren und schließlich eine Prüfung ablegen. Dann heißt es Abschied nehmen. Doch von Wehmut keine Spur: „Der Hund merkt dann, dass er wirklich gebraucht wird“, meint Goosmann. Ziel erreicht!

Von Anna Petersen