Sonntag , 27. September 2020
Für die Richter dauern die Fälle am Arbeitsgericht oft nur wenige Minuten, doch für Betroffene bedeuten sie nicht selten einen tiefen Einschnitt in ihrem Leben. Foto: Adobe Stock

Kampf gegen die Kündigung

Lüneburg. Zu welchen Konditionen er die Pizzen ausfuhr, wusste er nicht so genau. Mit dem Chef hatte er alles nur mündlich abgesprochen und dachte, er habe einen Vollzeitjob, als er am 1. Juli vergangenen Jahres bei dem Lüneburger Lieferservice begann. Eine Gehaltsabrechnung hat er ebenfalls nie gesehen, irgendwann wurde er einfach nicht mehr eingesetzt. Angeblich in der Probezeit. Aber wie lang ist eine Probezeit, wenn man nicht mal einen Arbeitsvertrag besitzt?

Eine Viertelstunde hat Finn Altmüller eingeplant, um dieses Problem zu lösen. Gleich neun Verhandlungen in nur zweieinhalb Stunden hat der Vorsitzende der 1. Kammer am Lüneburger Arbeitsgericht an diesem Vormittag zu bewältigen. Zumeist geht es um Arbeitnehmer, die sich gegen ihre Entlassung wehren. „Güteverhandlung“ ist das überschrieben, was für Richter und Anwälte das tägliche Brot, für die Menschen auf der anderen Seite des Tisches dagegen ein tiefer Einschnitt in ihr Leben, oftmals verbunden mit Existenzängsten, ist.

Zwei Versionen vom Arbeitsalltag

Ziel dieses ersten Zusammentreffens von Arbeitgeber und Arbeitnehmer vor Gericht ist es, ein aufwändiges, monate-, wenn nicht jahrelanges Verfahren durch mehrere Instanzen mit all seinen finanziellen Risiken zu vermeiden. Manchmal ist die Ausgangssituation einfach zu verworren, doch der Regelfall ist ein anderer: Beide Seiten wollen eine schnelle Klärung, die Angelegenheit hinter sich lassen und nach vorne blicken.

So auch im Fall der Verkäuferin eines Lüneburger Drogeriemarktes. Seit März 2013 ist sie dort tätig, verdient mit Urlaubs- und Weihnachtsgeld rund 1500 Euro bei 80 Arbeitsstunden im Monat. Vier Abmahnungen hat sie bekommen, dann die außerordentliche und ersatzweise eine ordentliche Kündigung. Weil sie mehrfach zu spät zur Arbeit erschien und Krankmeldungen nicht fristgerecht vorgelegt habe, sagt die Anwältin des Unternehmens, die eigens am Tag zuvor aus dem Ruhrgebiet angereist ist.

Richter Finn Altmüller reicht das nicht, er hakt nach. Und die Verkäuferin schildert eine ganz andere Version: Dienstzeiten seien wenige Stunden zuvor und telefonisch verändert worden, nicht immer habe sie so flexibel reagieren können. Und bei Krankmeldungen habe sie am Tag des Arztbesuchs in der Filiale angerufen, die Bescheinigung habe ihre Mutter tags darauf vorbeigebracht. Und nicht zuletzt hat der Betriebsrat der Kündigung widersprochen.

Am Ende steht ein Kompromiss: Sämtliche Vorwürfe werden fallengelassen, die Kündigung erfolgt zum 29. Februar 2020, die Frau erhält zudem eine Abfindung in Höhe von 4500 Euro. Dabei orientiert man sich an der inoffiziellen Faustregel 0,5 Monatsgehälter pro Beschäftigungsjahr.

Pizzabote bekommt 1800 Euro Nachschlag

An eine Abfindung will die nächste Klägerin gar nicht denken – ihr reicht es, wenn sie ihr Gehalt erhält. Bis 14. Oktober hat sie als Reinigungskraft für eine Putzfirma gearbeitet, die mittlerweile liquidiert wurde. 1050 Euro stehen aus, für die Frau hart erarbeitetes Geld. Die ehemalige Firmeninhaberin protestiert, die Mitarbeiterin habe schlecht über die Firma geredet. Richter Finn Altmüller beeindruckt das wenig, er macht der Chefin die Rechtslage klar. Diese gibt nach, nicht ohne noch Drohungen auszusprechen: Sie werde jetzt auch klagen.

Und der Pizzabote, der nie einen Arbeitsvertrag oder eine Gehaltsabrechnung sah? Er habe doch selbst eines Tages im Streit mit dem Chef seine Sachen gepackt und gerufen „Ich kündige“, behauptet der Rechtsanwalt des Unternehmens. Doch selbst wenn das stimmt, was ist eine solche mündliche Kündigung überhaupt wert? Und was ist mit den mehr als 100 Monatsstunden, in denen die angebliche Teilzeitkraft Pizzen ausfuhr und für die sie unter dem Strich Geld deutlich unter dem Mindestlohn erhielt? Der Vorsitzende Richter schlägt ein „Gesamtpaket“ vor: Die noch offenen Gehälter werden nachgezahlt, der restliche Urlaubsanspruch finanziell abgegolten, 1800 Euro bekommt der junge Mann. Der Arbeitgeber akzeptiert.

Etwas über zehn Minuten hat dieser Fall gedauert, der nächste wartet schon draußen: Ein Schlachthofmitarbeiter, der in seiner ersten Krankheitswoche umgehend die Kündigung erhielt.

Von Thomas Mitzlaff