Sonntag , 27. September 2020
Unter Planen zieht sich ein Treppenhaus an der alten Stadtmauer im Liebesgrund empor. Dort wurden Proben gezogen. Foto: t&w

Das Ringen um jeden Stein

Lüneburg. Die weißen Klötze stemmen sich wie Wehrtürme an die 340 Meter langen Reste der Stadtmauer – für eine Abwehr sind die eingehausten Treppenhäuser und Gerüste auch tatsächlich da: gegen den weiteren Verfall. Wissenschaftler und Baufachleute ziehen Hinter der Bardowicker Mauer und im Liebesgrund Bohrkerne aus der meterdicken Befestigungsanlage. Wenn man so will, bereiten sie sich auf den Kampf vor, sie wollen den Verfall des Jahrhunderte alten Bauwerks stoppen. Bei der Städtischen Gebäudewirtschaft betreuen der technische Leiter Stephan Cohrs und sein Kollege Frieder Küpker das 2018 gestartete Projekt. Sie ziehen eine Art Zwischenbilanz.

Auch für Laien ist zu erkennen, wie angegriffen die Mauern sind. So waren in der Vergangenheit Hinter der Bardowicker Mauer Steine aus der alten Anlage in die Tiefe gefallen. Niemandem ist etwas passiert, gleichwohl ließ die Verwaltung Bereiche aus Sicherheitsgründen sperren. Seit langem ist klar, dass das unter Denkmalschutz stehende Gemäuer saniert und restauriert werden muss. Ende vorvergangenen Jahres hatten Fachleute die voraussichtlichen Kosten in einem hohen einstelligen Millionenbereich veranschlagt.

Am Anfang steht die Bestandsaufnahme. Dazu muss man wissen, dass es sich letztlich um zwei Bauwerke handelt: Zwischen Park und Stadtseite hatten die alten Lüneburger zwei Befestigungsringe gebaut, dazwischen eine Gasse, die später überbaut und verfüllt wurde, im 19. Jahrhundert entstand die Lindenallee, über die Fußgänger heute in Richtung Graalwall flanieren.

„Unerwartete Ergebnisse“

Da man schlecht hinter das Mauerwerk blicken kann, behelfen sich die Bauleute mit Kernbohrungen. Projektleiter Küpker sagt: „Wir hatten zum Teil ganz unerwartete Ergebnisse. So wussten die Ingenieure zwar, dass der Part zur Stadt hin aus zwei Mauern bestand und dazwischen Gipsgestein liegt, doch die „Füllmasse“ ist mit 2,60 Meter Breite etwa doppelt so dick wie gedacht. Das ermöglicht für die Sanierung ein anderes Vorgehen: Fachleute können durch die Fassade Anker treiben, die sie tief im Erdreich befestigen. So wird das Mauerwerk festgehalten. Bei einer geringeren Dicke wäre es laut Küpker sehr fraglich gewesen, ob man dieses Verfahren hätte anwenden können.

Die Fachleute untersuchen den Zustand Hinter der Bardowicker Mauer an fünf Stellen, sie sprechen von Musterachsen. Die Ziegel weisen unterschiedliche Schäden auf, Maurer haben die Steine zu verschiedenen Zeiten gesetzt, obendrein laufen Regen und Tauwasser unterschiedlich ab. Der Ansatz: Aus den fünf Teilen entsteht ein Gesamtbild, daraus ergeben sich Ansätze der Sanierung.

Unkonventionelle Wege zum Erfolg

Cohrs betont: „Der Charakter der Mauer soll als Gesamtensemble erhalten bleiben. Aber wir werden Steine austauschen müssen, weil sie zerbröseln.“ Dabei haben er und sein Kollegen im Blick, dass ihre Vorgänger nach damaligem Wissensstand bei Sanierungen zum Beispiel Zement eingesetzt hatten. Aus heutiger Sicht ein Fehler, weil der sich nicht mit alten Materialien verträgt. Nun wollen die Ingenieure von heute auf Gipsmörtel arbeiten – so wie die Ahnen, die den Befestigungsring anlegten. Die ließen wahrscheinlich den Gips aus den Steinbrüchen am Schildstein und am Kalkberg brennen. Heute produzieren Firmen den Baustoff nach vergleichbaren Verfahren.

Während zur Stadt hin die Außenhaut der Mauer erhalten geblieben ist – auch wenn sie immer wieder überarbeitet wurde –, sieht es am Liebesgrund anders aus. Die äußerste Schicht ist dort verschwunden, die Steine wirken weißstichig. Die Farbe stamme vom Gips, erläutern die städtischen Baumänner. Hier wollen sie anders vorgehen: keine Verblendung, sondern eine Art dünne Schutzschicht aus Gips, die Winter und Wetter trotzt.

Doch das sind alles Überlegungen. Aus der Analyse sollen Konzepte entstehen. Die bewegen sich auch außerhalb von DIN-Normen, denn für das Vorgehen müssen die Experten nach eigener Einschätzung auch unkonventionelle Wege gehen. Später loten die Kollegen im Bauamt aus, ob sie Fördermittel einwerben können. Für diese Arbeiten sind in 2020 rund 180.000 Euro veranschlagt. Entscheiden muss am Ende die Politik, wie wertvoll ihr das große Stück Stadtgeschichte ist. Eins ist klar: All das dauert Jahre.

Von Carlo Eggeling

Eine kleine Zeitleiste

Lüneburg zeigt sich wehrhaft

Um das Jahr 1250 legt die Stadt Gräben und Wälle mit Holzzäunen an.
1397 erhält Lüneburg das Recht, eine Landwehr anzulegen.
Um 1400 folgt ein Ring aus Steinmauern. Hinter der Bardowicker Mauer entstehen Türme an einer Mauergasse. Hier liegen der Wollenweberzwinger und der Goldschmiedezwinger.
Um 1550 wird der äußere Mauerzug, an dem Rundtürme stehen, mit einem gedeckten Gang mit der Stadt verbunden.
Um 1650 wird die Bastei zur mächtigeren Bastion ausgebaut, von dort aus kann man von nun an mit Kanonen auf Gegner schießen.
Im 18. Jahrhundert beginnt Lüneburg, die Befestigungen zu schleifen. Gegen die Bardowicker Mauer setzen Arbeiter Pfeiler als Stützen.
Im 19. Jahrhundert wird die Lindenallee auf dem Wall zum Promenieren angelegt.
Zwischen den 1960er- und 70er-Jahren werden schließlich Teile der Mauer verblendet.

Quelle: Stadt Lüneburg