Dienstag , 29. September 2020
In den Niederlanden sind die „Tovertafeln“ schon weit verbreitet. Studien von dort zeigen, dass die Spiele Demenzkranke aktivieren und sie positiv beeinflussen. Bald soll es sie auch in Lüneburg geben. Foto: privat

Zwei Zaubertische für Demenzkranke

Lüneburg. Auf dem Tisch liegen Meisenknödel, ein paar kleine Vögel sitzen daran und picken langsam die Körner heraus. Als die Seniorin erstaunt ihre Hand hebt, um den Vogel zu streicheln, bleibt dieser sitzen. Sie lächelt glücklich und beginnt, mit dem Tier zu sprechen.

So beschreiben Susanne Meißner und Diana Schnitzer die Situation, als sie zum ersten Mal mit einer demenzkranken Bewohnerin des Seniorenzentrums Alte Stadtgärtnerei eine geliehene „Tovertafel“ ausprobieren. „Tovertafel“ ist niederländisch und bedeutet Zaubertisch. Denn die Vögel und die Meisenknödel sind nicht echt: Sie sind Teil eines von acht Spielen, die durch einen Lichtprojektor auf einen Tisch projiziert werden können. So sollen Demenzkranke miteinander in Aktion kommen und neue Lebensfreude erlangen.

Der Förderkreis der Gesundheitsholding, die Fundskerle, sammelt Spenden, um jeweils einen dieser Projektoren für die Memory-Station des Klinikums und für das Seniorenzentrum Alte Stadtgärtnerei anschaffen zu können. „Ich war vor dem Treffen im Seniorenzentrum sehr skeptisch“, gesteht Ergotherapeutin Susanne Meißner, die das Projekt in der Klinik begleiten möchte. Sie kannte bereits ähnliche Angebote, diese hätten sie jedoch nicht überzeugt, da sie zu viel von den Nutzern gefordert hätten. „Aber die Tovertafeln sind anders. Die Spiele ermutigen die Menschen zum Mitmachen, die Bedienung ist intuitiv, und es gibt große Erfolgserlebnisse“, schwärmt sie.

Bandbreite reicht vom Puzzle bis zum Fußball

Neben den Meisen gibt es ein Puzzle, Noten, die beim Antippen eine Melodie spielen, Drachen, die mit den Händen in Bewegung gebracht werden können oder auch einen Fußball, den sich die Senioren gegenseitig zuspielen können. Für die Nutzung braucht es lediglich den Projektor mit den Spielen, ein spezieller Tisch ist nicht notwendig.

„Diese Spiele haben einen hohen Aufforderungscharakter“, findet Diana Schnitzer, die die Pflegerische Leitung auf der Memory-Station im Klinikum Lüneburg innehat. „Demenziell Erkrankte sind nicht selten depressiv und apathisch. Bei unserem Test mit der Seniorin haben wir aber gesehen, dass die Tovertafeln die Menschen aufwecken.“

Aus Sicht der Pflegekräfte sind die „Tovertafeln“ eine gute Möglichkeit, um die Bewohner spielerisch in Bewegung zu halten – physisch wie psychisch. Aber auch für die Angehörigen sollen die Zaubertische eine Hilfe sein. „Ich erlebe so häufig Situationen, in denen Angehörige beim Besuch nicht wissen, was sie unternehmen sollen“, sagt Diana Schnitzer.

Traurig, weil sie verloren haben

Typische Spiele wie „Mensch-ärger-dich-nicht“ würden häufig zu Konflikten führen, „da wissen die Senioren dann nicht mehr welche Farbe sie hatten oder sind traurig, weil sie verloren haben.“ Bei den Spielen der Tovertafeln könne nichts schiefgehen, und es entstehe eine positive Grundstimmung zwischen Angehörigen und Betreuten. „Das erleichtert die Situation für beide Seiten“, meint Susanne Meißner.

Claudia Bitti von den Fundskerlen zeigt sich froh darüber, dass das neue Spendenprojekt der Fundskerle bei den Einrichtungen so gut ankommt. „Die Idee kam von unserem Fundskerl Jan Orthey von Lünebuch, ich war sofort begeistert. Aber es ist natürlich toll, dass auch die Experten so hinter dem Projekt stehen.“

Jetzt müssten nur noch die Spender überzeugt werden. „Auf unserer Internetseite gibt es ein Video, in dem zu sehen ist, wie viel Spaß die Tovertafeln bringen“, sagt Claudia Bitti. Sie hofft, bis zum Frühsommer die insgesamt 14.400 Euro für beide „Tovertafeln“ zusammen zu haben.

Wer mehr erfahren oder das Projekt unterstützen möchte, findet weitere Informationen auf www.fundskerle.org im Internet.

Von Lilly von Consbruch