Sonntag , 27. September 2020
So sah es auf der Baustelle der BHZP vor einem Jahr aus. Seitdem hat sich durch den Baustopp nicht mehr viel getan. Foto: t&w

Neuer Anlauf für Tierzuchtanlage

Ellringen. Nr. 21 „BHZP Ellringen“ – dieser Punkt auf der Tagesordnung lässt die Emotionen hochkochen. Denn es geht um ein Millionenprojekt, das Gerichte beschä ftigt, Anwohner und Tierschützer gleichermaßen in Wallung bringt und die Ratsmitglieder schon lange verfolgt. Am Mittwochabend in Dahlenburg befasste sich der Bauausschuss mit der Tierzuchtanlage für Schweine, die bisher nicht realisiert wurde. Denn das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hatte den Bebauungsplan für unwirksam erklärt. Der Landkreis verhängte daraufhin im Januar 2019 einen Baustopp. Das könnte sich bald ändern.

Gute Argumente für das Vorhaben

Um zu verhindern, dass die halbfertige Stallanlage zur „Investitionsruine“ wird, arbeiten die BHZP GmbH und der Flecken am Erlass eines neuen Bebauungsplans. Dazu wurde von der BHZP eigens ein neues Planungsbüro beauftragt, dessen Planer Christian Pogoda nun im Bauausschuss die Änderungen gegenüber der alten Planung vorstellte. Für Pogoda alles andere als eine leichte Aufgabe, denn bezahlt wird er von der BHZP – und damit galt der Experte für viele der knapp 40 Zuhörer als befangen. „Wir hätten uns vom Flecken die Begleitung der Planungen durch einen unabhängigen und neutralen Gutachter gewünscht“, kritisierte Ratsherr Thomas Behr (Grüne) und setzte nach: „Das ist doch eine Farce, was hier abgeht.“

39 Stellungnahmen und Einwendungen von Bürgern zum Vorentwurf gingen im Rathaus ein – manche mit einem Umfang von bis zu 46 Seiten. Die Einwände reichen von der grundsätzlichen Ablehnung von Massentierhaltung über die Sorge vor Immissionen bis hin zum Grundwasserschutz. Viel Arbeit also für Christian Pogoda und seine Kollegen, alles zu bewerten, einzuordnen und abzuarbeiten.

„Es gibt gute Argumente für das Vorhaben“, verteidigte der Planer das Projekt, nannte wirtschaftliche und soziale Aspekte, von denen auch die Kommune profitiere. Und er betonte: „Es gibt kein gesetzliches Verbot für Schweinezuchtanlagen, sofern die Auflagen und Genehmigungen erfüllt sind und eingehalten werden.“ Dass der ursprünglich vom OVG kassierte und von ihm überarbeitete B-Plan nun genehmigungsfähig ist, daran hat Pogoda keine Zweifel.

Lebhafte Debatte

Andere sehen das anders: Als „nicht mehr zeitgemäß“, bewertet Sabine Kamp (SPD) das BHZP-Großvorhaben: „Auch angesichts des Tierschutzes sollten wir uns alle fragen, ob wir solche Ställe wirklich noch wollen?“ Kräftigen Gegenwind gab es für den Planer – und die BHZP – auch in der Einwohnerfragestunde: Für die ist laut Geschäftsordnung zwar nur eine halbe Stunde vorgesehen, doch angesichts der vielen Zuschauer wich Ausschussvorsitzender Ulrich Schulz (CDU) von dieser Regel ab. So konnte sich eine lebhafte Debatte entwickeln, die schnell deutlich machte, dass von den anwesenden Zuhörern die meisten das Großprojekt kritisch sehen.

Sorgen bereiten Anwohnern aus Ellringen etwa Gesundheitsgefahren durch Keime, die aus dem Schweinestall in die Luft entweichen könnten. Die Antwort des Planers war wenig beruhigend. Es gebe diesbezüglich keine belastbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse und auch keine Grenzwerte, die einzuhalten seien. „Vermessen“, empfand ein Anwohner, „dass ein nicht unabhängiger Gutachter ohne wissenschaftlichen Background behauptet, dass für mich keine Gefahr besteht.“

Was passiert mit der Gülle?

Auch was mit der Gülle der 6500 Schweine passiert, wenn die Anlage in Betrieb ist, war ein heiß diskutiertes Thema. Die Gülle soll zwar über diffussionsdichte Druckrohre in die Biogasanlage gepumpt werden– keine Antwort konnten Planer und Gemeindevertreter darauf geben, ob auf Feldern später das Substrat aus der Biogasanlage aufgebracht werden soll.

Fazit: Der Vortrag des Planers überzeugte die BHZP-Gegner nicht. „Der Landkreis hat den Klimanotstand ausgerufen“, mahnte ein Zuhörer, demnach sollten jetzt alle politischen Entscheidungen im Kreis auch auf ihre Klima-Auswirkungen hin bedacht werden. Und der im Bau befindliche Großstall, da sind sich die Gegner einig, ist alles andere als klimaneutral. Der Ausschuss empfahl dem Rat mit fünf zu zwei Stimmen die Planänderung und die öffentliche Auslegung. In einer Woche wird das Thema erneut die Dahlenburger beschäftigen: Am Donnerstag, 6. Februar, wird der Fleckenrat über den Bebauungsplan „BHZP Ellringen“ entscheiden. Beginn der Sitzung ist um 19 Uhr im Sitzungszimmer der Sparkasse.

Von Klaus Reschke

Hintergrund

BHZP will Marktposition ausbauen

BHZP – die vier Buchstaben stehen für Bundes Hybrid Zucht Programm – eine Tierzuchtanlage für Schweine. Das Unternehmen mit Sitz in Ellringen will seine Marktposition ausbauen, deshalb die in die Jahre gekommenen Stallanlagen durch moderne ersetzen, gleichzeitig die Kapazitäten am Standort Ellringen nahezu vervierfachen. Die im Bau befindliche Stallanlage ist für 746 Sauen, vier Eber, 2393 Ferkel und 3168 Jungsauen konzipiert.

Seit mehr als 37 Jahren schafft das BHZP die züchterischen Grundlagen für die deutsche Schweinehaltung und entscheidet, wie fett oder mager, wie stressresistent oder -anfällig, wie groß oder klein die Schweine auf den Bauernhöfen im Land sind.

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