Freitag , 25. September 2020
Kai Rosenhagen ist nach über drei Monaten in der Arktis zurück in der heimischen Küche. Foto: t&w

„Mal eben einkaufen ist nicht“

Bardowick. Der Tisch fürs Abendessen ist bereits gedeckt, es duftet nach frischgebackenen Wecken – ohne Rosinen, denn die mag Kai Rosenhagens Tochter nicht. Im Wohnzimmer stapelt sich Wäsche, die noch zusammengelegt werden muss, fünf Katzen wollen versorgt werden. Haushalt, das ist Rosenhagens Baustelle, wenn er auf Heimaturlaub ist. Der 45-jährige Bardowicker ist Koch, hat einst im Josthof in Salzhausen gelernt. Inzwischen verdingt er sich seit Jahren als Schiffskoch, hat schon etliche Kreuzfahrten begleitet, war in der Karibik, Dubai und Madeira. Mitte des Monats ist er von einem ganz besonderen Einsatz zurückgekehrt: Länger als drei Monate hat er die Küche auf dem Forschungsschiff „Polarstern“ in der Arktis geleitet, seit dem 9. Januar ist er wieder in heimischen Gefilden. Die „Mosaic“-Expedition ist etwas bislang Einzigartiges: 140 Millionen Euro kostet die etwa 2500 Kilometer lange Reise mit der Eisscholle, 19 Nationen sind beteiligt, über die Dauer von 390 Tagen sollen 600 Experten im Wechsel an Bord des Eisbrechers arbeiten. Stets dabei sind etwa 100 Wissenschaftler und Crewmitglieder.

Sie lassen sich mit dem Forschungseisbrecher im ewigen Eis einfrieren, um Daten zu sammeln, die helfen, den Klimawandel besser zu verstehen. „Mein alter Vertrag lief aus und ich war auf der Suche nach einer neuen Herausforderung“, erzählt der gebürtige Vögelser, wie es ihn in die Arktis verschlug.

Um 4.45 Uhr geht der Wecker

Seine Tage im Arktischen Meer, in dem es im Winter bis zu minus 45 Grad werden können, begannen jeden Morgen mit dem Klingeln des Weckers um 4.45 Uhr, um 5 Uhr gesellte er sich zu der Bäckerin, die in der Küche um diese Zeit bereits das Brot für das Frühstück vorbereitete. Regulär endete sein Dienst um 19.30 Uhr, „aber wir waren eigentlich immer auf Standby.“ In der freien Zeit hat Rosenhagen eigentlich meist geschlafen. „Ab Oktober ist es da stockduster bis April. Man ist fast immer müde, weil der Körper in der Dunkelheit nun mal auf Schlafen gepolt ist. Das Leben auf dem Schiff besteht aus Schlafen, Essen und Arbeiten.“ Ein Highlight: Immer freitags trafen sich Teile der Crew zum Fußballspielen bei Flutlicht auf der Eisscholle. In Polarkleidung natürlich: doppelte Unterwäsche, doppelte Socken, Sturmhaube und dicke Boots. „Man hat sich gefühlt wie ein Marshmallow“, erzählt Rosenhagen lachend.

Gegessen habe die Mannschaft am liebsten gutbürgerlich. „Morgens stand schon mal Wurstgulasch auf dem Speiseplan oder Currywurst und Pommes, Eierspeisen sowieso. Sowas brauchten die“, erklärt Rosenhagen. „Wir mussten die Crewmitglieder mit Power versorgen, damit sie Stunden draußen auf der Scholle ausharren konnten. Viele sind den ganzen Tag dort geblieben, bei minus 26 Grad. Das zehrt den Körper wahnsinnig aus, das hat man ihnen am Abend auch angesehen.“

Mehrere Monate Dunkelheit

Auch ihn hat die Expedition an seine Grenzen gebracht: Monatelange Dunkelheit und kaum Kontakt zur Außenwelt waren eine psychische Herausforderung. „Wenn ich es mal geschafft hatte, eine Nachricht abzusetzen, dann kam meist zeitversetzt 24 Stunden später eine Antwort.“ Im Vorfeld der Expedition gab es für alle Crewmitglieder nicht nur den üblichen Seefahrtgesundheitscheck, sondern einen Test, der mehr in den Menschen hineinblickt. Zurecht, wie Kai Rosenhagen findet. Die Erfahrung auf der „Polarstern“ möchte er aber nicht missen, Rosenhagen schwärmt von den Sternen und den Polarlichtern. „Man findet zu sich selbst und lernt sich neu kennen. Und 110 Leute auf so engem Raum, das ist schon was anderes als auf den Riesenkreuzern mit Tausenden von Menschen.“

Richtig brenzlige Situationen habe er nicht erlebt, aber es sei schon manchmal sehr spannend gewesen. „Schneestürme, bei denen man die Zelte nicht mehr sehen konnte, Eisbären ganz nah an uns dran.“ Auch als Koch sei die Erfahrung einmalig gewesen, sagt Rosenhagen. „So gut haushalten zu müssen, diese Situation gibt es sonst nie. Mal eben einkaufen ist eben nicht.“ Abgelegt hatte die „Polarstern“ im September in Bremerhaven mit zwei Dritteln Fertiggerichten und Tiefkühlware an Bord. „Weißkohl, Rotkohl, Sellerie und Zwiebeln, sowas hält sich lang, viele andere Sachen aber nicht. Volle und gute Portionen zu machen und gleichzeitig zu schauen, dass man am Schluss nicht vor dem Nichts steht, das war schwer.“ So freute Rosenhagen sich nach Familie und Freunden auch am meisten auf frische Tomaten und Gurken, erzählt er schmunzelnd.

Ins Arktische Meer muss er nicht unbedingt nochmal, aber bald wieder aufs Schiff will er ganz sicher. „Ich brauche das einfach. Meine Kinder sind 16 und 19, die kennen es nicht anders, nennen mich Papa, der Weltenbummler. Und auch meine Frau hat gerade wieder gesagt: Sieh zu, dass du wieder aufs Schiff kommst.“ Die nächste Route steht schon fest, wohin es geht, will Rosenhagen aber noch nicht verraten.

Von Lea Schulze