Montag , 28. September 2020
Günther Ehlers in seiner alten Werkstatt. Der Elektro-Ingenieur hat dort einige Kriminalfälle aufgeklärt. Der Sachverständige brachte die Polizei nach dem Mord in Tellmer auf die richtige Spur. (Foto: t&w)

Tödlicher Kabelsalat in Tellmer

Lüneburg. Es sah aus wie ein Unfall, als Elfriede G. in ihrem Bett gefunden wurde. Ein defektes Stromkabel dürfte der Frau einen tödlichen Stromschlag verpasst haben, war die erste Vermutung der Kripo, die immer dazugerufen wird, wenn eine Todesursache unklar ist. Doch dann kamen Zweifel auf nach dem rätselhaften Tod im Herbst 1989 in Tellmer, dem beschaulichen Dorf bei Amelinghausen. Die Polizei schaltete den Lüneburger Sachverständigen Günther Ehlers ein, der Fall bekam eine neue Richtung. Der Gutachter lieferte Indizien – nach dem mutmaßlichen Mörder fahndet die Polizei bis heute.

Alles sieht nach einem gewöhnlichen Fall aus

Ehlers lebt in einem Einfamilienhaus auf dem Kreideberg. Mit seinen 92 Jahren noch immer ein hellwacher Geist. Der Elektro-Ingenieur war über lange Jahre Partner der Polizei, ein Experte für Mord und Brandstiftungen. Er hat ein daumendickes Fachbuch geschrieben, auch der Fall aus Tellmer findet sich – anonymisiert – darin. Ein ganz ausgeklügelter Mord.

Ehlers und alte LZ-Artikel erzählen die Geschichte so: Elfriede G. liest gern eingekuschelt vor dem Einschlafen ein Buch; um es richtig mollig zu haben, stopft sie sich ein Heizkissen in den Rücken. Licht spendet ihr eine Klemmlampe mit einem verschwenkbaren Arm. Am 17. September 1989 liegt die 59-Jährige tot in ihrem Bett. Ihr Stiefsohn Gurmukh findet den Leichnam, der Lampenschirm liegt auf ihrem Gesicht. Verstört ruft der 27-Jährige die Polizei. Die vermutet, ein durchgescheuertes Kabel der Leuchte mit einer 60-Watt-Birne habe der Frau einen Elektroschlag versetzt. Alltag, solche tragischen Todesfälle ereignen sich öfter.

Auf Umwegen zum Sachverständigen geworden

Für eine Bestätigung ziehen die Ermittler Ehlers hinzu. Der ist auf Umwegen zum Sachverständigen geworden. Er hatte zunächst für das inzwischen in der Avacon aufgegangene Energieunternehmen Hastra gearbeitet, die „lieh“ ihn ab und an an die Polizei aus. „Ich hatte so viel damit zu tun, dass ich mich selbstständig gemacht habe“, erinnert sich der Fachmann. Seitdem ist er dem Verbrechen wissenschaftlich auf der Spur.

„Ich habe die Leuchte in meiner Werkstatt untersucht“, erzählt der alte Herr. „Einfach gesagt, stand die Lampe nur dann unter Strom, wenn man sie nach unten zog.“ Die Isolierung sei abgeschabt gewesen. Einiges deutet auf Verschleiß: „Doch ich hatte Zweifel und habe mir alles unter der Lupe angesehen. Mir war klar, die Schäden waren nicht durch Gebrauch, sondern durch ein Werkzeug entstanden.“ Anruf bei der Kripo.

Ein Kommissar fährt mit Ehlers ins Landeskriminalamt nach Hannover: „Die Kollegen haben meine Annahme bestätigt. Ich habe dann vor Ort weiter untersucht.“ Denn eines ist klar: Hätte das Opfer die Lampe nur berührt, wäre nichts passiert: „Man steht dann zwar unter Spannung, Lebensgefahr besteht erst, wenn Strom durch den Körper ins Herz fließt.“ Es musste also noch etwas geben, doch was?

„Es gab Spuren, die darauf hinwiesen, dass die Isolierung mit einem Messer entfernt worden war.“ – Günther Ehlers

Ehlers schaut sich mit den Tatortermittlern der Polizei erneut in Tellmer um. Schnell entdecken sie das Gegenstück: das Heizkissen. „An einer Anschlussleitung war deutlich zu erkennen, dass die braun-isolierte Ader sowohl hinter dem Stufenschalter als auch vor dem Heizkissen jeweils auf ein, zwei Zentimeter Länge blank lag. Die beiden anderen Adern, schwarz und blau, waren unbeschädigt.“ Merkwürdig: „Es gab Spuren, die darauf hinwiesen, dass die Isolierung mit einem Messer entfernt worden war.“

Das reicht nicht, die Beweiskette benötigt ein weiteres Glied. Das findet sich ebenfalls in den Kabeln. Wieder in die Werkstatt, die eher ein Labor ist. Ehlers guckt in Fachbücher, überlegt. Dann hat er eine Idee. Alte mit Textilfasern ummantelte Leitungen können bröckeln. Aber das ist hier wenig wahrscheinlich: „Ich habe die Aderisolierungen erhitzt und mechanisch belastet.“ Also immer wieder geknickt, wie es im Alltag üblich ist: „Doch auch danach sahen die Leitungen einwandfrei aus.“

Ehlers hat den Stromkreislauf geschlossen, konkret und im übertragenen Sinne: Elfriede G. ist ermordet worden. Doch von wem? Ihr Mann scheidet als Verdächtiger schnell aus. Ehlers: „Der handelte mit Hunden und war zur Tatzeit in der Tschechoslowakei.“ Hat Adoptivsohn Gurmukh seine Mutter so perfide elektrisiert?

Alles deutet auf einen teuflischen Plan

Die Polizei nimmt den aus Indien stammenden Mann ins Visier. Es dauert.

Stromschlag
Eine Lampe und das manipulierte Kabel des Heizkissens – eine tödliche Kombination, die Gurmukh Singh ausgedacht hatte. Die LZ hatte damals über den Fall berichtet. (Foto: t&w)

Im Februar 1990 berichtet die Landeszeitung schließlich über neue Erkenntnisse: „1987 adoptierten der beliebte, inzwischen pensionierte Dorfschullehrer G. und seine Frau Elfi den Inder Gurmukh Singh, einen Sikh aus der indischen Provinz Punjab. In seiner Heimat war er Bau-Ingenieur. Seine Ausbildung wurde in der Bundesrepublik nicht anerkannt, deswegen verschaffte ihm sein gutmütiger Adoptivvater eine Lehrstelle als Bauzeichner. Ohne Wissen seiner neuen Familie brach Gurmukh die Lehre ab, kaufte ein Auto, suchte sich eine eigene Wohnung und wollte in Suderburg/Kreis Uelzen an der Fachhochschule studieren. Dafür brauchte er Geld und erzählte seinen Adoptiveltern von seinen Plänen. Es kam zum Streit. Der Lüneburger Oberstaatsanwalt Ernst Liebeneiner: Gurmukh habe gedroht, Sozialhilfe zu beantragen, wenn er das nötige Geld nicht bekomme. Über das Sozialamt wären die Eltern dann zwangsweise zur Kasse gebeten worden. Für den Staatsanwalt steht fest: Elektrofachmann Gurmukh heckte einen teuflischen Plan aus.“

Eine Spur weist nach Stuttgart

Offensichtlich hat die Staatsanwaltschaft an der Burmeisterstraße die Öffentlichkeit erst spät informiert. Und wohl auch zu spät gehandelt. Erst am 19. Dezember 1989, ein Vierteljahr nach der Tat, beantragt sie einen Haftbefehl beim Amtsgericht. Gurmuk Singh ist über alle Berge. Er hat seine Habe in einen grünen Golf gepackt, flüchtet nach Stuttgart, vermutlich, um von da aus in seine Heimat zu fliegen. Die Polizei finden den Wagen mit dem Kennzeichen LG - E 884 in einem Parkhaus.

Die Polizei macht, was sie macht, wenn sie nichts oder zu wenig hat: Sie wendet sich an Aktenzeichen XY ungelöst. Doch auch TV-Hilfssheriff Eduard Zimmermann vermeldet: „Kein Erfolg.“ Die Justiz stellt einen internationalen Haftbefehl aus.

Gurmukh fällt später in seiner Heimat auf. Ehlers hört über seine Freunde bei der Polizei, dass er dort wegen eines anderen Deliktes verhaftet worden sei. Es kommt zu einer Kontaktaufnahme mit Deutschland.

Und damit sind wir drei Jahrzehnte später wieder in Lüneburg. Wiebke Bethke, Sprecherin der Staatsanwaltschaft, bestätigt, dass ihre Kollegen vor Jahren ein Rechtshilfeersuchen nach Indien geschickt haben: „Doch Indien liefert seine eigenen Staatsbürger nicht aus.“ Die andere Möglichkeit wäre, den Fall über ein Hilfeersuchen in Indien vor einem dortigen Gericht zu verhandeln. Aufwändig, teuer, betagte Zeugen, Urteil ungewiss. Also keine wirkliche Option. Noch besteht ein europäischer Haftbefehl gegen den mutmaßlichen Täter. Der Ansatz: Verlässt Gurmukh Singh Indien, kann er in einem Nachbarland festgenommen und an die Bundesrepublik ausgeliefert werden. Ein Fünkchen Hoffnung für die Gerechtigkeit. Denn Mord verjährt nicht.

Die LZ blickt in einer neuen losen Reihe auf alte Verbrechen. Auch im nächsten Teil spielt Günther Ehlers eine Rolle.

Von Carlo Eggeling