Dienstag , 22. September 2020
Der Streit, den Renate und Hans Röhr seit Jahren mit einem ihrer Mieter haben, füllt mittlerweile Aktenordner. (Foto: A/t&w)

Der Geist der Güte verglühte

Lüneburg. Eigentlich sollen Güteverhandlungen die Justiz entlasten. Dabei versucht Justitia, die Streitenden mit sanftem Druck zu einer Einigung zu bewegen, ohne dass ein Urteil gesprochen werden muss. Für diesen sanften Druck hätte Richterin Judith Lademacher gestern in Raum 209 des Amtsgerichts allerdings herkulische Kräfte aufbringen müssen. Zu zerstritten sind Renate Röhr und ihr Mieter Olaf F. Ihr Zerwürfnis füllt die Aktenordner, die sie vor sich auf den Tischen aufgebaut hatten. Und es wird für noch mehr bedrucktes Papier sorgen. Als nächstes steht ein Termin beim Mediator an.

Schon lange schwelt der Konflikt zwischen Vermieterin und Mieter (LZ berichtete). Es geht unter anderem um die Miethöhe, die Wasser-Abrechnungen, einen ungenehmigten Hühnerstall und die Weigerung des Mieters, Renate Röhr zum Ablesen der Zählerstände ins Haus zu lassen.

Auslöser für die Güteverhandlung war der Versuch von Renate Röhr, die Kaltmiete für die in der Elbmarsch gelegene 100-Quadratmeter-Wohnung von 500 Euro auf 560 zu erhöhen. Es wäre die erste Erhöhung seit dem Einzug der Mieterfamilie vor 13 Jahren gewesen. „Und seither haben sich die Mieten verdoppelt“, betonte Rechtsanwalt Wolfgang Preuße, der Renate Röhr vertritt. Der erste Vorstoß für eine Mieterhöhung war vor drei Jahren vom Gericht gestoppt worden, weil es im Landkreis keinen Mietspiegel gibt.

Richterin Lademacher sah nun allerdings keine formalen Gründe mehr, die einer Mieterhöhung im Wege stünden.

Olaf F. hingegen inhaltliche: „Vorher sollte überhaupt mal etwas an der Wohnung gemacht werden, etwa das Dach repariert.“

Das erzürnte Renate Röhr: „Das kleine, mittlerweile abgedeckte Loch betrifft ihn überhaupt nicht, sondern nur die Wohnung der Mieter nebenan.“

Olaf F.: „Die Fenster sind uralt. Die ganze Wärme entweicht nach draußen.“

Röhr: „Man kann die Jalousien runterlassen.“

Olaf F.: „Versprechen wurden nicht eingehalten, etwa, dass der Hof gepflastert wird.“

Röhr: „Das stimmt nicht.“

Olaf F.: „Man bekommt Faxe, in denen man gemobbt wird.“

Röhr: „Ich bin es, die aufs Übelste beleidigt wird.“

Die Richterin schlug drei Wege vor, um mehr Güte in die Güteverhandlung zu bekommen: 1.) die Mieterhöhung würde geringer ausfallen oder später kommen; 2.) ein Mediator würde sich des Streits annehmen; 3.) ein Sachverständiger würde festlegen, wie hoch die Miete in dem Ort sein dürfte.

Zunächst stimmte Olaf F. zu. Dann ließ ihn die Information, dass das Sachverständigengutachten 2500 Euro kosten würde, die der Verlierer des Verfahrens tragen müsse, umdenken: „Was ist noch mal ein Mediator?“

Richterin Lademacher erklärte, dass der Vermittler versuchen würde, „Grund in ihre gesamte Auseinandersetzung zu bringen, denn die Fronten sind offenbar schon sehr verhärtet.“ Dabei sollte alles angesprochen werden, was das Verhältnis vergifte. Dann mahnte die Juristin: „Das Ganze birgt aber nur dann eine Chance, wenn Sie bereit sind, aufeinander zuzugehen.“

Nach kurzem Zögern stimmten die Kontrahenten der Option zu. Die Richterin schloss die Güteverhandlung.

Nur, um dann mitzuerleben, wie der Geist der Güte verglühte.

Olaf F.: „Sie hat gesagt, sie hat Fotos von unseren heruntergelassenen Jalousien gemacht. Das darf sie nicht!“

Renate Röhr: „Das Haus gehört mir. Ich kann da fotografieren, so viel ich will. Und wenn alles nichts hilft, kündige ich wegen Eigenbedarfs.“

Selbst die zwölf Aufgaben des Herakles wirken leicht angesichts der Aufgabe, die auf den Mediator zukommt. Sollte er scheitern, wird der Prozessflut, die auf die Gerichte zurollt, noch ein weiterer Tropfen hinzugefügt.

Von Joachim Zießler