Freitag , 25. September 2020
Immer wieder werden in Lüneburg und Umgebung Landmaschinen aufgebrochen und ausgeschlachtet. Foto: Adobe Stock

Tatort Acker

Lüneburg. Die Täter gehen genauso präzise vor wie die Apparate, die sie stehlen. Im Nu klettern sie auf das Dach der Fahrerkabine des Treckers, ein paar Handgriffe und das Steuerungssystem ist ausgebaut. Weil die Diebe gern bei Händlern zugreifen, bei denen die Schlepper in Reihe vor der Tür stehen, machen sie reichlich Beute. Ende November lief es für zwei der Spezialisten des Kommandos Klau allerdings schlecht. Und zwar bei einem Diebstahl bei einem Händler in Barum bei Bad Bevensen: Die Polizei hatte das Duo im Visier. Ein Mobiles Einsatzkommando griff nach einer Verfolgungsfahrt auf der B4 am Suderburger Kreuz zu. Die Beamten beschlagnahmten damals Gerätschaften im Wert von rund 25.000 Euro. Das Amtsgericht erließ Haftbefehl gegen die 34 und 42 Jahre alten Polen. Doch für die Fahnder der Zentralen Kriminalinspektion (ZKI) ist der Fall nicht zu Ende. Denn es dreht sich um eine ganze Serie von Diebstählen.

Zahl der Diebstähle hat sich vervierfacht

Längst hat auf Feldern High tech Einzug gehalten. Bauern können ihre Maschinen mittels GPS-Technik zentimetergenau steuern. Das bedeutet, sie müssen weniger Diesel in den Tank schütten, können Dünger minimieren, Saatgut genau platzieren. Genauso effektiv scheint der Markt für geklaute Steuerungsgeräte zu funktionieren. Denn die Beute dürfte weltweit verschoben werden.

Jörn Brummerloh ist Chef des Bereichs Bandenkriminalität bei der ZKI. Die Ermittler dort beschäftigen sich unter anderem mit schwerster und organisierter Kriminalität. Der Hauptkommissar sagt, die Diebstähle der im Durchschnitt 8000 bis 10.000 Euro teuren GPS-Steuerungseinheiten aus Landmaschinen vor allem der Marke John Deere hätten sich in Niedersachsen binnen eines Jahres vervierfacht: „Das bewegt sich im hohen zweistelligen Bereich.“ Darauf sei das Landeskriminalamt in seiner Analyse aufmerksam geworden, zwischen Elbe und Harz waren vor allem – als Agrarschwerpunkte – die Regionen Lüneburg und Oldenburg betroffen: Die Lüneburger zogen den Fall an sich.

Es ließ sich ein Muster erkennen

Es dauerte etwas, bis die Fahnder, die sich mit anderen Dienststellen bundesweit austauschen, einen „Anfasser“ hatten: Im Zusammenhang mit einem Diebstahl in Giebelstadt bei Würzburg gaben Zeugen Hinweise auf ein Auto. Eben dieses Auto tauchte später in Uelzen wieder auf. In dem kleinen Ort in Bayern waren im September Elektronikteile im Wert von 35.000 Euro verlustig gegangen. Die Beamten glichen andere Ein- und Aufbrüche bei Landmaschinenhändlern ab, es ließ sich ein Muster erkennen. Überdies sicherten und prüften sie Spuren – der Klassiker der Polizeiarbeit: DNA-Material, Fingerabdrücke, Schuhabdrücke. Treffer.

Inzwischen gehen Brummerloh und seine Kollegen, die das Verfahren „Acker“ bearbeiten, davon aus, dass das schweigsame Duo aus Uelzen für rund zehn Diebstähle infrage kommen dürfte, und das bundesweit: so in Eutin, Osnabrück, Rostock und Zwickau. So prüft man, ob die Polen zu einer Bande gehören. Doch zu Hintermännern und Auftraggebern hält sich die Polizei bedeckt, wahrscheinlich, weil die Ermittler wenig Konkretes haben. Brummerloh sagt: „Wir sind dabei.“ Seine Truppe steht unter Druck. Ein halbes Jahr nach der Festnahme müssen Beschuldigte in der Regel vor Gericht stehen. Das bedeutet für die Polizei und für die Staatsanwaltschaft, die Fälle, die sie anklagen, müssen ziemlich wasserdicht belegt sein.

Banden agieren arbeitsteilig

Wenn die Lüneburger Beamten auch einen Arm einer Krake abgeschlagen haben mögen, die anderen sind weiter aktiv. Vor allem in Flächenländern berichtet die Polizei immer wieder von solchen Taten. Neben Landmaschinenhändlern sind Bauern direkt betroffen. Diebe plündern Maschinen nachts auf Äckern oder in Unterständen aus. So registrierte beispielsweise das sächsische Landeskriminalamt im Jahr 2017 16 Fälle von ausgeschlachteten Traktoren, immer kam es dabei zu mehreren Taten innerhalb weniger Tage im gleichen Gebiet.

Nicht nur Deutschland ist betroffen, sondern gesamt Westeuropa, berichtet Brummerloh: „Besonders Frankreich.“ Weil das Problem zumindest erkannt ist, arbeiten Polizisten zusammen, die zentrale Behörde Europol sei eingeschaltet. Nach dem Eindruck der Fachleute läuft es ähnlich wie beim Klau rund ums Auto. Da agieren Banden arbeitsteilig: Erst kommen Kundschafter, die feststellen, wo welche Marken zu finden sind, dann folgen die, die entweder Airbags, Navis oder Lenkräder ausbauen oder mit dem Auto türmen, um es auszuweiden oder nach Osteuropa zu bringen. Dort geht die „Verwertung“ weiter.

Kriminelle Gruppen grasen Wald und Flur regelrecht ab

Für das landwirtschaftliche Phänomen stellen Fahnder verschiedene Überlegungen an. Eine davon: Die Steuerungselemente von Treckern und Co. dürften wahrscheinlich oftmals irgendwo in Lettland, Litauen, Polen oder Weißrussland landen. Ein paar mögen schließlich Traktoren in Kornkammern Russlands oder der Ukraine auf die richtige Spur setzen. Doch es geht auch in eine ganz andere Richtung. Das legen Recherchen in Internetportalen nahe: Danach könnten die GPS-Systeme Farmern in den USA, Kanada und Australien als Helfer zur Seite stehen. Brummerloh sagt: „Die Landwirte müssen nicht unbedingt wissen, dass die Teile gestohlen sind. Sie kaufen sie gutgläubig.“

Es geht aber nicht nur um die Spitzentechnik für die Maschinen. Kriminelle Gruppen grasen Wald und Flur regelrecht ab, sie verschwinden mit Anbauten von Treckern, zapfen Diesel ab, fahren sogar mit schweren Maschinen davon. Ob in Dahlenburg, Rosche oder im Amt Neuhaus – der Acker als Tatort. Eins haben Ermittler beobachtet: Im Winter machen Täter mit ausländischen Wurzeln gern mal Pause. Aber das Frühjahr steht vor der Tür.

Von Carlo Eggeling

Tipps der Polizei

Was Landwirte tun können

Schlepper und anderes Gerät sollte nicht auf dem Acker stehen bleiben, sondern auf den Hofstellen gesichert oder mindestens gut ausgeleuchtet und einsehbar abgestellt werden.

Teure GPS-Technik ist einfach abzubauen – der Bauer sollte sie mit nach Hause nehmen und sicher aufbewahren.
Landwirte sollten sich die Individualnummern der im Trecker befindlichen Geräte notieren, das hilft später bei der Fahndung

Wer zu ungewohnten Zeiten Autos in der Nähe von Höfen oder Äckern beobachtet, sollte die Kennzeichen notieren und die Polizei informieren./box]