Mittwoch , 30. September 2020
Gutachter Dr. Martin Vieregg aus München (r.) hat ein Gutachten zum Bahnausbau nach Alpha-E an die Vertreter der Bürgerinitiativen gegen Neubautrassen überreicht. Foto: dth

Neuer Denkanstoß kurz vor knapp

Uelzen/Lüneburg. Allem Anschein nach geht der Entscheidungsprozess bei der Deutschen Bahn auf die Zielgerade, wie und wo der Schienenausbau zwischen Lüneburg und Uelzen realisiert werden könnte. Dabei könnten Ortsumfahrungen unter anderem von Lüneburg und Deutsch Evern eine wichtige Rolle spielen. Kritiker sehen darin eine „verkappte Neubautrasse“, die quer durch die Dörfer ginge. Das wäre eine Abkehr von der sogenannten Alpha-E-Lösung. Kurz vor Toresschluss kamen nun am Freitag fünf Bürgerinitiativen (BI) mit einer eigens beauftragten Studie um die Ecke, um neue Denkanstöße zu liefern.

Der Verkehrsexperte Dr. Martin Vieregg verfasste damit auf rund 70 Seiten ein Gutachten, das belegen soll, dass das umstrittene Bahnprojekt „Alpha-E im Sinne der Region machbar“ sei. Im Zweifelsfall sogar ohne den heißdiskutierten dreigleisigen Ausbau zwischen Lüneburg und Uelzen, dafür aber mit mehr Personennah- und weniger Güterverkehr auf der Einzelstrecke.

Dialog mit der Region zu möglichen Varianten

„Wir sagen nicht, dass es das Ei des Kolumbus ist“, erklärte Kurt Wiedenhoff von der BI „Pro-Lebensraum Eimke Wriedel“ bei der Präsentation der Studie im Bahnhof Uelzen. „Aber es entspricht mehr dem Konsens in der Region.“ Er nutzte die Pressekonferenz für einen Appell: „Bahn, Bund und Kommunen, schaut euch dieses Gutachten an. Und prüft es wohlwollend. So wohlwollend, wie wir unser Sparschwein geplündert haben, um die Aufgaben der Bahn zu übernehmen und den Bahnausbau neu zu denken.“ Die BIs haben nach eigenen Angaben einen fünfstelligen Betrag für die Beauftragung des Verkehrsberatungsbüros Vieregg-Rössler ausgegeben.

Für den Bahnausbau zwischen Lüneburg und Uelzen führt die DB seit rund einem Jahr einen intensiven Dialog mit der Region zu möglichen Varianten, um mehr Verkehr auf die Schiene zu bekommen. An den Gesprächen in Hannover in der sogenannten „Gläsernen Werkstatt“ – unter Ausschluss der Presse – nehmen regelmäßig Vertreter von Kommunen und Bürgerinitiativen aus der Region sowie von Bahn, Bund und Land teil. Im Gegensatz zu den dort vorgetragenen Untersuchungen hat Vieregg in seiner Studie bereits den geplanten Deutschland-Takt, in dem der Nah- und Fernverkehr bundesweit aufeinander abgestimmt werden soll, berücksichtigt.

Laut Vieregg ergäben sich daraus sogar noch strengere Fahrzeitvorgaben für den Fernverkehr zwischen Hamburg und Hannover, und zwar 14 Minuten statt der bisher von der DB angestrebten 11 Minuten. Vieregg: „Dieses Problem muss man aber in den Bahnknotenpunkten lösen und nicht allein mit dem Ausbau auf der freien Strecke.“

Mit Tempo 190 durch den Lüneburger Bahnhof

So macht Vieregg für die südliche Ausfahrt des Hamburger Hauptbahnhofs Vorschläge, die einen weitreichenden Umbau bedeuteten. Ebenso für das Gleisnetz des Bahnhofs Lüneburg, allerdings „nur auf Bahngrund“. So könnte etwa mit dem leichten Versetzen der Ilmenaubrücke ein alter „geometrischer Fehler“ behoben werden, um höhere Einfahrtgeschwindigkeiten im Kurvenbereich zu ermöglichen, mit dann bis zu 190 km/h durch den Bahnhof Lüneburg.

Voraussetzung sei zudem ein teilweise viergleisiger Ausbau zwischen Ashausen und Lüneburg, der dann auch „einen S-Bahn-artigen Nahverkehr zwischen Lüneburg und Hamburg“ ermöglichen würde. Überdies macht Vieregg eine Variantenbetrachtung auf, in der die Zweigleisigkeit zwischen Lüneburg und Uelzen erhalten bliebe und stattdessen der Ausbau südlich von Uelzen stattfände.

„Für die Hansestadt bleiben viele Fragen offen“

Eine erste kritische Reaktion auf die Vieregg-Vorschläge kam am Freitag von Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge. Tempo 190 und einen viergleisigen Anschluss nach Ashausen hält er für unrealistisch. „Für die Hansestadt bleiben viele Fragen offen.“ Bedeutender seien DB-Gutachten über Machbarkeit und Nutzen verschiedener Varianten.

Frank Limprecht, Leiter Großprojekte Norddeutschland der DB Netz, zeigt sich indes gesprächsbereit: „Die vorliegende Studie des Münchner Verkehrsberatungs-Büros Vieregg-Rössler werden wir prüfen und die Inhalte fachlich in der Gläsernen Werkstatt diskutieren.“

Von Dennis Thomas

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