Sonntag , 27. September 2020
Die Holztheke war für Birgit Bothe mehr als nur ein Platz zum Bierzapfen – sie war auch Seelsorge und Touristinfo. Foto: phs

Das offene Ohr gab es inklusive

Bienenbüttel. Als Birgit Bothe am Donnerstag in ihrer blauen Arbeitsjacke vor der Bienenbütteler Ilmenauhalle steht, da ist nicht sie es, die die Tür zur Gaststätte öffnet, sondern ein Mitarbeiter vom Bauhof. Die 52-Jährige lacht laut auf – ein Lachen, das nicht über ihre feuchten Augen und auch nicht über das Zittern in ihrer Stimme hinwegtäuschen kann. Denn zehn Jahre lang war sie es, die hier das Sagen hatte – morgens als Erste den Raum betrat und abends als Letzte ging.

Doch seit Kurzem ist Schluss: Zum Jahreswechsel musste Birgit Bothe den Betrieb des Restaurants „Zur Ilmenau“ einstellen – aus Sicherheitsgründen. Wie berichtet, wurde im September das endgültige Aus für den Hallenbereich des Gebäudes beschlossen. Der Grund: Mängel an der Dachkonstruktion, Wasser tropfte aufs Spielfeld.

Bis zu 400 Gäste an den Wochenenden

Unklar war zunächst, ob auch das angrenzende Restaurant und die übrigen Nebenräume von den Schäden betroffen sind. Nach weiteren Untersuchungen an den Nebentrakten hätten sich Politik und Verwaltung jedoch dazu gezwungen gesehen, auch das Bistro aus Sicherheitsgründen zu sperren, erklärt Bürgermeister Merlin Franke. Der Pachtvertrag mit Birgit Bothe wurde fristgerecht zum Jahresende gekündigt. Zwar steht noch eine letzte Kontrolle aus – das Bauamt sieht aber kaum Hoffnung, dass sich das Blatt noch einmal wenden wird.

„Schon ein komisches Gefühl“, murmelt Birgit Bothe, als ihr Blick auf die leere, holzvertäfelte Bar fällt. Das war ihr Reich. Hier hat sie Geheimnisse gehütet, gescherzt, gelacht und hin und wieder auch mal ein Machtwort gesprochen. Wenn Birgit Bothe die Stimme erhob, hat sich niemand widersetzt.

„Hier galt immer Zusammenhalt“

Immer auf dem Tresen: der HSV-Wimpel vom Fußball-Fanclub. „Das war der erste Verein, der sich hier breitgemacht hat“, erinnert sich die ehemalige Wirtin. Dann die Gilde, die Sportler und die Wohnmobilfahrer vom Stellplatz vor der Tür. „Ach ja, und meine Skater“, die hätten oft bis morgens um 3.30 Uhr gesessen – obwohl offiziell schon um 21 Uhr geschlossen war. „Hier galt immer Zusammenhalt.“ Sie hält kurz inne, schluckt. „Das fehlt mir so.“

In der Mehrzweckhalle von 1974 haben regelmäßig Events stattgefunden: Flohmärkte, Berufsmessen, Schützenfeste, Fasching, Abschlussbälle, Hochzeiten… Bis zu 400 Gäste bewirteten Birgit Bothe und ihr Mann Hans-Günther, der Koch, an manchen Wochenenden. Seinen Anfang nahm das alles im Jahr 2009. Damals war das Ehepaar Bothe in Bienenbüttel bereits als Betreiber des Waldbad-Kiosks bekannt. Die Gastronomie in der Ilmenauhalle schien den beiden ein sicheres zweites Standbein zu sein.

Als sie sich 2017 aus dem Waldbad zurückzogen, bauten sie das Geschäft in der Halle aus: Fortan gab es an fünf Tagen pro Woche Hans-Günther Bothes berühmte Schnitzel, ein offenes Ohr und Ausflugstipps inklusive. Die Holztheke war für Birgit Bothe mehr als nur ein Platz zum Bierzapfen – sie war auch Seelsorge und Touristinfo.

Kartons packen, Schlüssel abgeben

Als die Verwaltung sie über das Aus der Ilmenauhalle informierte, da habe sie es zunächst nicht glauben wollen, erinnert sich die Frau mit den roten Haaren. „Das konnte nicht sein.“ Die Bothes machten einfach weiter, als wäre nichts passiert. Weihnachten haben sie es nochmal richtig krachen lassen, Silvester auch – und dann? „Dann habe ich angefangen zu weinen“, erinnert sich Birgit Bothe. Das war am 3. Januar, als sie die Stammgäste zum Abschiedsumtrunk einlud. Schließlich Sachen sortieren, Kartons packen, Schlüssel abgeben. „Als der Kämmerer zur Übergabe kam, sagte ich: Gib mir bitte die Schlüssel, ich will selbst abschließen.“ Ein allerletztes Mal noch.

Wie es für die Wirtsleute jetzt weitergeht, ist derzeit ungewiss. Gern würde Birgit Bothe in der Gastronomie bleiben – am liebsten wieder im Schwimmbad-Kiosk einsteigen, aber ob das was wird, vermag im Augenblick noch niemand zu sagen. Vonseiten der Verwaltung jedenfalls gibt es dazu keine Stellungnahme. Solange wird Birgit Bothe die blaue Fleecejacke mit dem gelben Werbe-Aufdruck für das Restaurant „Zur Ilmenau“ weiter tragen. „Das ist meine zweite Haut“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. Manch einer findet das eigenartig, aber Birgit Bothe kann nicht aus ihrer Haut.

Von Anna Petersen