Samstag , 19. September 2020
Sie rufen zur Mahnwache gegen Altersarmut auf (v.l.): Barbara Ahlers, Peter und Gudrun Bruns. (Foto: t&w)

Senioren rufen zu Mahnwachen auf

Lüneburg. Der Freitag wird zum Demo-Tag: Nachdem vor allem Schüler freitags für Klimaschutz auf die Straße gehen, wollen sich nun am 24. Januar bundesweit Senioren zu Mahnwachen unter dem Motto Fridays gegen Altersarmut treffen, auch in Lüneburg. Barbara Ahlers, ihr Mann Detlef (beide 60) und das Ehepaar Gudrun (71) und Peter Bruns (66) zählen an der Ilmenau zu den Initiatoren. Sie sind sich einig, das Rentensystem benachteilige viele. Manche so sehr, dass sie weggeworfene Pfandflaschen aus Mülleimern angelten oder bei der Tafel um Lebensmittel anstünden. Die Mahnwache solle ein Signal an die Politik senden, einen anderen Kurs einzuschlagen. Es ist ein großes Thema, Umfragen zeigen: Viele Bürger haben Angst, im Alter finanziell nicht zurechtzukommen.

Die Frage stellt sich, wie groß und wie verbreitet die Not wirklich ist. Detlef Ahlers sagt, es gebe 20 Millionen Rentner in Deutschland. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes aus dem vergangenen Frühjahr waren rund 1,08 Millionen Menschen in Deutschland auf Grundsicherung angewiesen. Das seien 1,9 Prozent mehr als im Jahr davor. Erwerbsminderungen machen im Zahlenwerk 48 Prozent aus, Altersarmut 52 Prozent: Rund 560 000 Menschen jenseits der 65 sind aus finanziellen Gründen ein Fall für die Sozialhilfe – etwa 150 000 mehr als vor zehn Jahren. Sozialverbände gehen davon aus, dass zudem viele Bedürftige nicht um staatlich Hilfe bäten, weil sie in Sorge sind, dass sich das Sozialamt das Geld von den Kindern wiederholt.

Senioren verstecken ihre Armut

Ähnlich argumentieren die vier Lüneburger. Viele würden sich schämen und daher gar nicht erst zur Sozialbehörde gehen. Außerdem sei das nicht zumutbar, findet Gudrun Bruns: „Es gibt eine Schamgrenze, man will nicht beim Amt um Hilfe betteln. Man hat ein bisschen Würde.“ Das Quartett will denen, die sich nicht äußern wollen oder können, „eine Stimme geben“.

Peter Bruns ist zudem der Meinung, dass es ungerecht ist, wenn eine Rente erneut versteuert werden müsse, Krankenkassenbeiträge erhoben würden: „Wir haben unsere Einkommen alle schon einmal versteuert.“ Nun mache der Staat zum zweiten Mal Kasse. Barbara Ahlers ergänzt: „Es kann nicht sein, dass jemand nicht von seiner Rente leben kann, wenn er ein Leben lang eingezahlt hat. Und das werden mehr.“

Im Internet finden sich diverse Vorwürfe linker Organisationen und von der Gewerkschaft ver.di gegen die neue Freitags-Bewegung: Einige der Aktivisten stünden der AfD nahe. Das bestreiten führende Köpfe auf Bundesebene, das bestreiten die lokalen Mitstreiter. Man sei weder links noch rechts: „Wir sind die Mitte.“ Der Ton bekommt im Gespräche einen rauhen Klang, es ist ein großer Unmut gegen „die da oben“ vorhanden. „Was wir machen ist ein early warning“, sagt Detlef Ahlers. Die frühe Warnung sei ein „Hinweis in angemessener Art und Weise, dass sich etwas tun muss. Was danach kommt, weiß niemand“. Es sei ein Impuls in Richtung der Regierungsparteien, noch ziehe man keine Gelbwesten wie in Frankreich an.

Unmut über Politiker

Auf die Frage, welche Forderungen sie konkret stellen, bleiben die vier Aktiven vage. Ahlers sagt: „Die Situation ist nicht akzeptabel, in Europa gibt es andere Rentensysteme. Wir haben Politiker, die Vorschläge machen müssen.“ Sonst könne man die auch „nach Hause schicken“.

Die vier erwarten für Freitag, 15 Uhr, rund 30 Teilnehmer zu ihrer Mahnwache auf dem Markt. Man wolle still mit Kerzen auf das Problem aufmerksam machen. Ob es still bleibt, ist die Frage. Auf den Facebook-Seiten der Lüneburger Antifa blicken deren Macher und Mitglieder skeptisch auf das Treffen: „Antifaschist*innen sollten diese Veranstaltungen kritisch im Auge behalten und gegen rassistische Positionen und rechte Unterwanderungsbestrebungen einschreiten.“

Von Carlo Eggeling