Donnerstag , 29. Oktober 2020
Ellen Kutter hat an der Leuphana Lehramt studiert. Die Zeichnungen entstanden während eines Praktikums an einer Grundschule. Foto: Neumann

Raum zum Fehlermachen

Lüneburg. „Es fühlte sich an, als würde alles schiefgehen.” Als Ellen Kutter 2018 ihr Praktikum absolvierte, lief vieles zunächst nicht wie geplant. Nun, knapp zwei Jahre später wurde der ehemaligen Leuphana-Studentin der Preis deutscher Kunsterzieher in Braunschweig verliehen. Für ihre Masterarbeit „Ästhetische Operationen in geregelten Kontexten – performative, fotografische und zeichnerisch präzisierte Zugriffe“ verarbeitete die 25-jährige ihre Eindrücke aus vier Monaten an einer niedersächsischen Grundschule.

In ihrem ersten Projekt gab sie ihren Erst- und Zweitklässlern die Aufgabe, eine Leinwand zu gestalten und am nächsten Tag weiterzureichen. Inspiration gaben ihr die geschlitzten Bilder Lucio Fontanas. „Ich wollte etwas ganz Offenes machen“, erklärt sie. Was darauf folgte, überraschte die damalige Studentin. „Dass alles erlaubt war, stellte ein Problem für die Kinder dar.“ Eine Mutter versteckte aus Angst vor Konsequenzen die Arbeit ihres Sohnes, nachdem er die Leinwand mit einem Stift durchstochen hatte. Viele trauten sich gar nicht erst, das Bild frei zu bearbeiten. „Das darf man doch nicht“, war oft die Reaktion. Dies bedauert Kutter. „Weil es für alles eine Anleitung gibt, geht den Kindern der Mut zur Kreativität verloren.“

Erklärungen gab es nicht

Am meisten erstaunte Ellen Kutter, wie reguliert der Schulalltag der Sechs- bis Achtjährigen war. So war es schulweit System, falsches Benehmen der Kinder mit einem sogenannten Klammermandala zu ermahnen. Wer im Sitzkreis nicht richtig sitzt, der muss eine Klammer ziehen. „Das Verhalten der Kinder wurde auf richtig und falsch reduziert – Erklärungen gab es nicht.“

Aber Kutter hatte eine Idee. In ihrem nächsten Projekt ließ sie die Kinder absichtlich unerlaubte Sitzhaltungen einnehmen und fotografierte sie dabei. Anschließend wurde diskutiert. „Wir brauchen Raum für Fehler“, so Kutter. Die Auswirkungen von PISA seien überall spürbar. „Das Bildungssystem ist zu leistungsorientiert – die Lehrer sollen nicht mehr erziehen, nur noch beibringen. Das Menschliche sollte wieder in den Vordergrund treten.“

Kreativer Umgang mit Verboten

Was bei den Kindern nicht gern gesehen war, verhalf der damaligen Lehramtsstudentin zu ihrem Preis. Ihre Masterarbeit beschäftigt sich ausführlich mit Regeln – auch auf philosophischer Ebene. Besonders gelobt wurde sie für ihren kreativen Umgang mit Verboten. Das Fotografieren der Kinder, wie ihr Kollegen erklärten, war nämlich nicht erlaubt. Sie sollte die Bilder löschen. „Also habe ich die Kinder gemalt.“ Wo aus Kutters Verbot eindrucksvolle Graphitzeichnungen entstanden, betrieben die Kinder ihre eigene kreative Problemlösung: so gelang es den Kindern während Kutters Praktikum, heimlich die Sensibilität einer elektronischen „Lärmampel“ herunterzudrehen. Warum die Ampel bei hoher Lautstärke nicht mehr Alarm schlug, bemerkten die Erwachsenen erst spät.

Von Xenia Neumann