Samstag , 8. August 2020
Wohl fühlen sich Frischlinge, wie auf diesem Archivbild aus dem Wildpark Müden, auch im Schnee. Doch profitieren sie besonders von der aktuell viel zu warmen Witterung, zum Leidwesen der Jäger. Foto: Wildpark Müden

Schlafloser Winter

Lüneburg. Bernhard Stilke meint, sie schon gesehen zu haben: die erste blühende Rose in diesem Jahr. Doch für das Vorstandsmitglied des BUND-Regionalverbands Elbe-Heide ist das alles andere als ein Grund zur Freude. Denn wenn es jetzt noch einmal richtig kalt werden sollte, gefriert der Saft im Stängel, die Rinde platzt, und die Rose ist angreifbar für Schadstoffe und Insekten. „Das wird den Rosenstock extrem schwächen“, befürchtet Stilke.

Das betrifft nicht nur die Rosen. Die milden Temperaturen in diesem Winter stellen die Tier- und Pflanzenwelt auf den Kopf. Mit bislang durchschnittlich 5,5 Grad steuert der Januar geradewegs darauf zu, der wärmste seit 1983 zu werden. „Wir liegen auf Rekordkurs“, stellt Wetterexperte Reinhard Zakrzewski mit Blick auf die regionalen Temperaturwerte fest. Schnee im Januar hält er für fast ausgeschlossen. „Es liegt sogar im Bereich des Möglichen, dass wir in diesem Jahr überhaupt keine Flocke sehen.“

Wärme führt zu unruhigen Nächten

Des einen Freud, des anderen Leid: „Die Brut der Schadinsekten kommt bei den milden Temperaturen gut durch“, weiß Stilke. So hätten etwa die Fledermäuse unter Milben zu leiden. Die Tiere sind vom milden Winter doppelt geplagt: Die Wärme reißt sie immer wieder aus dem Schlaf, erklärt der Experte aus Lüneburg. „Wenn es ganz schlecht läuft, sind die jungen Tiere so geschwächt, dass sie von Krankheiten befallen werden, von denen sie sonst nicht betroffen waren.“ Tollwut zum Beispiel.

„Dieses Wetter geht an keinem Tier vorbei“, meint auch Kreisjägermeister Hans-Christoph Cohrs. Zu den Profiteuren zählten unter anderen die Wildschweine. Ihr Nachwuchs erblickt hauptsächlich in diesen Wochen das Licht der Welt. „Die Jungtiere werden bei der Wärme wohl alle gut durchkommen“, schätzt Cohrs. „Und wir werden hier weiterhin viele Wildschweine haben.“

Dabei hatte man im Landkreis in jüngster Vergangenheit immer wieder versucht, die Bestände durch intensive Bejagung zu reduzieren – unter anderem, um der Afrikanischen Schweinepest (ASP) zu begegnen. „Wir rechnen damit, dass die Krankheit auch hier in Deutschland ausbrechen wird – wir wissen nur nicht, wann“, sagt Cohrs. „Wir befinden uns also in einer Präventionsphase.“

„Ganze Bienenvölker können verhungern“

Derweil macht sich Andreas Kiehl Sorgen um seine Bienen: „Die kommen total aus dem Rhythmus“, sagt der zweite Vorsitzende des Kreisimkervereins Lüneburg. Sind die Temperaturen dauerhaft zu hoch, legen die Tiere Brutnester an, „weil sie erwarten, dass jetzt das neue Bienenjahr beginnt“. Das kostet Energie. Die Folge: Das Futter, das die Bienen im Herbst einlagern, wird im Winter viel zu schnell aufgebraucht. „Ganze Bienenvölker können auf diese Weise verhungern“, warnt Kiehl.

Ab zirka zwölf Grad verlassen die Bienen ihre Wohnungen, diese Temperatur wurde im Landkreis Lüneburg in diesem Monat auch bereits überschritten. Nur finden die Bienen derzeit noch nicht genug Nahrung in der Natur, um ihre Brut zu versorgen. Darum wiegt Imker Andreas Kiehl jetzt jede Woche all seine sechs Bienenvölker, um sicherzustellen, dass diese auch noch ausreichend versorgt sind. Wenn nicht, muss er zufüttern. „Eine Phase mit zwei oder drei Monaten Frost wäre ideal“, sagt er. Doch an nicht mal fünf Tagen lagen die Temperaturen in diesem Jahr unter null Grad.

Von Anna Petersen