Samstag , 26. September 2020
Ist das nötig, oder kann das weg? Der Doppelpunkt wird zum Werkzeug für eine geschlechtergerechte Sprache. (Foto: t&w)

Von Bewohner:innen und Leser*innen

Lüneburg. Manche Satzzeichen erwischen einen unvorbereitet. Dieser Eindruck dürfte künftig wohl auch jene Menschen befallen, die mit d er Stadt Lübeck zu tun haben. Denn die Verwaltung hat den Doppelpunkt neu erfunden, lässt ihn nun mitten im Wort zu neuer Funktion reifen: In offiziellen Schreiben ist dann von „Bewohner:innen“ oder „Mitarbeiter:innen“ die Rede. So steht es dort im neuen Leitfaden für geschlechtergerechte Sprache. Lübeck folgt damit dem Beispiel anderer Städte wie Hannover, Flensburg, Dresden oder Berlin. Ein Vorbild auch für Lüneburger Verwaltungen und Institutionen?

In sozialen Medien erntet die Stadt Lübeck für ihren Schritt reichlich Häme, Unverständnis und Spott. Fragen wie „Kann sich Lübeck bitte um wirklich Wichtiges kümmern?“ bei Facebook und Twitter sind keine Einzelfälle, diverse Kommentare äußern Sorgen um die deutsche Sprache und verweisen auf Lübecks literarische Bedeutung („Den Buddenbrooks würden die Haare zu Berge stehen“, „Thomas Mann würde sich im Grab umdrehen“). Vereinzelt gibt es aber auch Lob für den Schritt („Tut gar nicht weh“, „Der echte Norden wird ein Stück moderner und diskriminierungsärmer“).

Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau (SPD) begründet das Vorgehen seiner Verwaltung damit, dass sie „alle Menschen ansprechen“ wolle – Frauen und Männer und jene, die sich nicht als Mann oder Frau beschreiben: „Lübeck als tolerante und weltoffene Stadt muss diskriminierungsfrei kommunizieren.“ Der „Gender-Doppelpunkt“ oder geschlechtsneutrale Bezeichnungen wie „Beschäftigte“ oder „Teilnehmende“ sollen also fortan verwendet werden.

In Lüneburg hält Oberbürgermeister Ulrich Mädge wenig von dem, was sein Parteikollege im Norden umgesetzt hat. Mädge stellt klar; „Eine solche Regelung ist für Lüneburg nicht geplant. Gleichstellung ist keine Frage der Formulierungen, sondern eine gelungene Gleichstellung erfordert entsprechendes Handeln. In Lüneburgs Verwaltung wird die Gleichstellung der Geschlechter gelebt – das ist es, worauf es ankommt.“

Wenige Meter weiter sagt Pressesprecherin Katrin Holzmann: „Ein solcher Leitfaden ist für den Landkreis Lüneburg derzeit nicht geplant. Gleichberechtigung wird in der Kreisverwaltung bereits umgesetzt und gelebt, etwa bei der Stellenvergabe, aber auch in allen weiteren Bereichen. Wir bemühen uns, in Schreiben und Textveröffentlichungen alle Geschlechter gleichermaßen zu berücksichtigen – auch ohne konkrete Vorgaben, wie es sie nun in Lübeck gibt. Darauf achtet auch unsere Gleichstellungsbeauftragte.“

Für Stellenanzeigen gibt es hinsichtlich der anzusprechenden Geschlechter seit Jahren klare Vorgaben, also auch für das Sprachrohr vieler Unternehmen, die Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg? Dort sagt Sprecherin Grit Preibischt: „Wir sind an dem Thema dran, aber aus meiner Sicht nicht als Beispiel für ,vorbildliches‘ Gendern geeignet. Dafür stehen wir noch zu sehr am Anfang und sind nicht in allem konsequent genug. Wir haben intern eine Regelung, die wir aber nicht nach außen kommunizieren.“ Doch wer aufmerksam zum Beispiel das IHK-Magazin „Unsere Wirtschaft“ liest, sieht hier und da auch das Binnen-Sternchen wie bei „Leser*innen“.

Weiter ist da die Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade . Sandra Jutsch, Leiterin Kommunikation und Marketing, erklärt: „Wir setzen das in der Tat bereits um. In unserem Haus wurde die Einführung der gendergerechten Sprache zum 1. Juli 2019 beschlossen. Es sollen zukünftig von der Verwaltung geschlechtsumfassende Formulierungen verwendet werden, zum Beispiel Beschäftigte. Wenn eine geschlechtsumfassende Formulierung nicht möglich ist, ist der Genderstar wie bei Antragsteller*innen zu verwenden. Nun sind wir dabei, diesen Beschluss in die Tat umzusetzen, zum Beispiel nach und nach unseren Internetauftritt oder unsere Broschüren anzupassen. Das erfolgt bei Printprodukten aber aus Kostengründen erst immer, wenn eine Neuauflage ansteht.“

Ein Vorreiter in Sachen Genderfragen ist stets die Leuphana. An der Uni gibt es auch eine Richtlinie des Senats zur Verwirklichung des Gleichstellungsauftrages. Dort heißt es unter dem Punkt „Geschlechtergerechte Sprache“ unter anderem: „Zur Benennung beider Geschlechter werden voll ausgeschriebene Parallelformulierungen verwendet. Die weibliche wird der männlichen vorangestellt. Beispiel: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; Studentinnen und Studenten.“ Alternativ könne die Unterstrichschreibweise genutzt werden wie bei Mitarbeiter_innen, Student_innen.
Auch auf ihrer Internetseite hat die Leuphana umfangreiche Handreichungen zum Thema zusammengestellt. „Verwenden Sie beide Formen, wenn Männer und Frauen gemeint sind“, lautet eine Empfehlung. Eine andere: „Verwenden Sie wenn möglich neutrale Formen, bei denen also weder der Singular noch der Plural ein Geschlecht impliziert.“ Und es heißt auch: „Formulieren Sie kreativ um.“ Als Beispiel wird genannt „Die Studenten sind berechtigt“ könnte zu „Wer studiert, ist berechtigt“ werden.

Ins Absurde getrieben wird die Angst vor sprachlicher Ausgrenzung an der Leuphana und vielen anderen Universitäten, wenn Konstruktionen wie „Mitarbeitende“ und „Studierende“ genutzt werden, selbst wenn im jeweiligen Zusammenhang der oder die Gemeinte aktuell gar nicht mitarbeitet und studiert. Autor Max Goldt hat es einmal so formuliert: „Menschen, die an einer Universität einem Studium nachgehen, heißen Studenten. Möglicherweise gibt es noch ganz vereinzelte Studiengänge, die als klassische Männerfächer gelten, zum Beispiel an den Bergbau-Universitäten in Freiberg (Sachsen) oder Clausthal-Zellerfeld. Wenn man in diesen Ausnahmefällen darauf hinweisen möchte, dass auch Frauen dort studieren, muss man Studenten und Studentinnen sagen. Wie lächerlich der Begriff ,Studierende‘ ist, wird deutlich, wenn man ihn mit einem Partizip Präsens verbindet. Man kann nicht sagen: ,In der Kneipe sitzen biertrinkende Studierende‘. Oder nach einem Massaker an einer Universität: ,Die Bevölkerung beweint die sterbenden Studierenden.‘ Niemand kann gleichzeitig sterben und studieren.”

Von Alexander Hempelmann