Sonntag , 25. Oktober 2020
Der Bach Roddau ist eines der Fließgewässer, das künftig zum Naturschutz „Hohes Holz“ bei Radbruch gehört. (Foto: t&w)

Mehr Schutz für Lebensraum Bach

Bardowick. Das „Hohe Holz“ westlich von Radbruch steht bereits unter Naturschutz. Jetzt plant der Landkreis Lüneburg, das Gebiet um das Waldstück Möhren sowie die Bäche Hausbach, Roddau, Düsternhopenbach und Bornbach zu erweitern und dafür ein neues Regelwerk in Kraft zu setzen. Welche Folgen das für Anwohner, Landwirte, Grundeigentümer oder auch Spaziergänger hat, war jetzt Thema bei einer Informationsveranstaltung des Landkreises im Kulturraum am Markt in Bardowick.

Der Kreis muss auf Druck der EU tätig werden: Grundlage ist die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH), die zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen den Aufbau eines europaweiten ökologischen Netzes („Natura2000“) fordert. Das verpflichtet den Kreis, die anerkannten FFH-Gebiete zu geschützten Teilen von Natur und Landschaft zu erklären. Das Naturschutzgebiet „Hohes Holz mit Möhren und Gewässern“ ist Teil des FFH-Gebietes „Gewässersystem der Luhe und der unteren Neetze“.

Karte von 1833 belegt alte Bachläufe

Maja Züghart vom Fachdienst Umwelt präsentierte eingangs eine Karte aus dem Jahr 1833, auf der die Bäche noch in zahllosen Schleifen durch die Landschaft mäandern. „Wir haben ganz aktiv in die Landschaft eingegriffen, damit wir hier siedeln und den Boden bewirtschaften können“, sagte sie. „Eventuell haben wir des Guten zu viel getan, da wäre ein Gegensteuern sinnvoll.“

„Wir haben aktiv in die Landschaft eingegriffen … Eventuell haben wir des Guten zu viel getan.“
Maja Züghart, Fachdienst Umwelt

Schützenswert seien Grünland und Wälder, darunter Auewälder mit hohem Grundwasserstand, die etwa für Seeadler, Kraniche und Schwarzstörche wertvolle Lebensräume seien. Mit dem Schutz der Fließgewässer sollen zudem die Bedingungen nicht nur für Biber, Fischotter, Bachneunauge und Kammmolch verbessert werden, sondern auch für viele Insekten. Wie Züghart anhand von Fotos illustrierte, sind die Bachläufe allerdings mittlerweile zu großen Teilen begradigt. „Die haben eher den Charakter eines Grabens, das ist ernüchternd.“ Etwas besser sehe es beim Hausbach aus, der allerdings in heißen Sommern stark trocken falle. Und: Dass Komposthaufen oder Gartenschuppen nicht auf das eigene Grundstück, sondern direkt ans Bachufer gesetzt werden, sei nicht im Sinne eines natürlichen Gewässers. Züghart bezeichnete die Verordnung als „ersten Schritt“.

Nabu geht Entwurf nicht weit genug

Man werde im Umgang mit den Bächen auch wegen der zunehmenden Trockenphasen umdenken müssen: „Dafür brauchen wir einen Managementplan.“ Das Schutzgebiet soll einen Fünf-Meter-Bereich beidseitig der Bachläufe umfassen. Bisher durfte bis auf einen Meter an den Bach herangeackert werden, künftig sollen 2,5 Meter unberührt bleiben. Auf den weiteren 2,5 Metern ist der Einsatz von Dünger und Pestiziden verboten. Das weckte den Widerspruch bei einigen Landwirten, von „kalter Enteignung“ war die Rede. Züghart widersprach: „Das ist aus unserer Sicht ein guter Kompromiss. Wir haben den Streifen so schmal wie möglich gehalten.“ Auf die Frage nach Entschädigungszahlungen antwortete sie: „Die wird es nicht pauschal geben.“

Sollte jemand „sehr stark betroffen“ sein, könne das aber im Einzelfall geprüft werden. Und Fachdienstleiter Stefan Bartscht schlug den Landwirten vor, Teile von Gewässerrändern an die Gemeinden für Ausgleichsmaßnahmen zu verkaufen. Die Wege im Wald und an den Bachläufen dürften weiter benutzt werden, stellte Züghart auf Rückfrage weiter klar. Allerdings gelte eine Anleinpflicht für Hunde.

Anderen geht der Entwurf nicht weit genug: Jörg-Dietrich Kaufmann vom Nabu-Kreisverband kritisierte, dass pro Hektar Wald nur zwei bis sechs Altbäume statt vorher zehn erhalten werden müssen. Nabu-Vorsitzender Thomas Mitschke ergänzte, es könne doch nicht sein, dass in einem Schutzgebiet noch nicht einmal die Jagd auf bedrohte Arten eingeschränkt werde. „Sie machen sich zu Erfüllungsgehilfen der Jagdlobby.“

Die Verordnung befindet sich derzeit im öffentlichen Verfahren, Stellungnahmen können noch bis zum 29. Februar abgegeben werden. Mit einem Kreistagsbeschluss wird im Sommer gerechnet.

Von Ute Klingberg-Strunk