Sonntag , 1. November 2020
Lea Schulze (l.) und Lilly von Consbruch haben es sich im Cube gemütlich gemacht. Foto: t&w

Lüneburgs ausgefallenster Schlafplatz

Lüneburg. Laute Schreie durchschneiden die Stille. Lea springt auf ihren blauen Fellpuschen einen Schritt zurück und wedelt wild mit den Armen. Erst als sie im Halbdunkel erkennt, dass nur ich es war, die sie so erschreckt hat, verstummt sie. Zum Glück ist niemand hier, der diesen Krach gehört hat. Wir sind ganz allein – mitten in der Nacht im Museum Lüneburg.

Um 18 Uhr betreten meine Kollegin Lea Schulze und ich das Foyer. Uns wird schnell klar, dass wir wohl die skeptischsten Übernachtungsgäste sind, die Museumsdirektorin Heike Düselder bisher hier empfangen hat. Das liegt allerdings nicht daran, dass wir uns nicht darauf freuen würden, in dem Sleeperoo Cube inmitten der Ausstellung zu übernachten. Sondern daran, dass wir uns Sorgen machen: Befällt uns Panik, wenn wir in dem Gebäude eingeschlossen sind? Ist es nicht total gruselig, zwischen den ganzen Ausstellungsstücken zu übernachten? Und was ist, wenn wir plötzlich Hunger haben, aber nicht mehr rauskommen?

Weg wollen wir nun aber auch nicht mehr, zu gemütlich sieht unser Schlafplatz aus, der sich in der Abteilung „schichten & schieben“ zwischen lauter Kalk- und Sandsteinen befindet. Unsere Kuscheltiere Trudi die Gans und Buschel der Hase dürfen schon mal auf der 1,60 Meter breiten Matratze probeliegen, wir wollen erstmal unser Willkommensgeschenk, die „Chillbox“, genau unter die Lupe nehmen.

Im Schlafanzug das Museum erkunden

Das Paket ist liebevoll gepackt: Ein Rotwein, Apfelsaft, Kekse, Wasser, Popcorn, Früchtepapier. Dass wir nicht zur typischen Zielgruppe des Cubes zählen, haben Lea und ich schon geahnt. Durch die Einhorn-Kondome in der Chillbox sind wir uns dessen nun sicher. Hauptsächlich wird das Angebot von Paaren in Anspruch genommen, unglaublich romantisch sollen diese Nächte sein. Das glaube ich gerne, wage aber zu bezweifeln, dass das bei Lea und mir der Fall sein wird. Dafür ahne ich, dass wir hier auch ohne Romantik einen spannenden Abend erleben werden.

Ausnahmsweise dürfen Lea und ich noch einen Rundgang durchs Haus machen und uns die ganze Ausstellung anschauen. Bis 21 Uhr findet im Museum noch eine Veranstaltung statt, erst danach werden die Türen abgeschlossen. Diese Chance nutzen wir natürlich: Im Schlafanzug erkunden wir das Museum.

Die beiden LZ-Volontärinnen haben die Ausstellung im Museum eine ganze Nacht lang für sich allein. Foto: t&w

Im Obergeschoss, zwischen den ausgestopften Tieren, bin ich plötzlich unheimlich froh, mir den Raum heute Nacht nur mit den Steinen teilen zu müssen. Bei der Vorstellung, die Tiere könnten zum Leben erwachen wie im Kinofilm „Nachts im Museum“, rutsche ich auf meinen grünen Wollsocken lieber schnell in den nächsten Raum.

Die Außenwand wird scharfgeschaltet

Wir tasten uns langsam voran, schließlich wissen wir nie, was sich hinter der nächsten Tür verbirgt. Und eine Sache wollen wir unbedingt vermeiden: Mit unserem Outfit in die laufende Veranstaltung hineinzuplatzen. Also öffnen wir jede Tür ganz vorsichtig und prüfen, ob die Luft rein ist. Solange, bis wir wieder unten im Foyer angekommen sind.

Um 21 Uhr verabschiedet sich Heike Düselder von uns, schließt die Ausstellungsräume ab und sagt: „Ich schalte die Außenwand jetzt scharf.“ Was für ein Wort: Scharfschalten. Vor meinem inneren Auge sehe ich Scharfschützen vor dem Museum stehen – wenn ich raus will, werde ich erschossen. Nicht unbedingt ein Gedanke, der mich beruhigt.

„Sie befinden sich im sichersten Hotelzimmer der Welt.“ – Heike Düselder, Direktorin des Museums Lüneburg

Aber die Scharfschaltung betrifft lediglich die Alarmanlage, und im Notfall dürfen wir das Gebäude natürlich verlassen. Herein kommt jedoch niemand. „Sie befinden sich im sichersten Hotelzimmer der Welt“, versichert uns die Museumsdirektorin. Das wiederum beruhigt mich.

Jetzt sind wir allein. Das Foyer und der Raum mit den millionenalten Steinen „gehört“ nur uns. Plötzlich sehen wir überall Schatten, hören Geräusche und zucken vor unseren eigenen Spiegelbildern zurück. Hoffentlich erlaubt sich niemand einen Spaß und steht vor den großen Fenstern, um uns zu erschrecken. Obwohl – ein bisschen Spaß muss sein. Also verstecke ich mich hinter der Tür und warte, bis Lea vorbeikommt. Für einen kurzen Moment ist die Stille im Museum durch Leas Schreie durchbrochen. Hätte sie mich so erschreckt, hätte ich vermutlich die ganze Nacht nicht mehr schlafen können. So aber war es ziemlich lustig.

Mit einem Schrecken geht‘s ins Bett

Lea allerdings kann danach nicht mehr ruhig sitzen bleiben, bei jedem kleinsten Geräusch zuckt sie zusammen. Sogar die Glocke des Spiels „Halli Galli“, das wir mitgebracht haben, um uns die Zeit zu vertreiben, lässt sie jedes mal aufschrecken, und sobald ich den Raum verlasse, ruft sie mir zu „Bitte nicht noch mal erschrecken!“. Wir beschließen, ins Bett zu gehen.

Dort warten Trudi die Gans und Buschel der Hase schon. Weder sie, noch die ausgestopften Tiere sind in der Zwischenzeit lebendig geworden. Wir können uns also beruhigt dazulegen. In dem gemütlichen Kubus bilanzieren wir: Unsere Nacht im Museum war sehr lustig, ziemlich gruselig und auf jeden Fall ein Erlebnis, das wir so schnell nicht vergessen werden. Und jedem weiterempfehlen würden, der diesen außergewöhnlichen Ort einmal ganz für sich haben möchte: Ob mit oder ohne Romantik.

Das Angebot

Durch den Schlafkubus von Sleeperoo können Gäste an Orten übernachten, an denen das sonst nicht möglich wäre. In ganz Deutschland stehen diese „Cubes“ an ausgewählten Stellen, allerdings immer allein. Seit Oktober 2019 gibt es auch in Lüneburg dieses Angebot, das über die Internetseite des Museums ab 130 Euro gebucht werden kann.

Die Adresse lautet www.museumlueneburg.de.

Von Lilly von Consbruch