Sonntag , 25. Oktober 2020
Apotheker Ulrich Steiger beendet eine Tradition. Er will künftig mehr reisen und sich um Haus und Garten kümmern. Foto: A/t&w

Abschied vom Einhorn

Lüneburg. Wieder erklingt der traurige Schlussakkord eines ewig alten Geschäfts, das an der Ecke Sand/Bäckerstraße ein Teil Lüneburgs ist: Die Einhorn-Apotheke schließt Ende März ihre Türen – nach einer fast 300 Jahre langen Geschichte. Apotheker Ulrich Steiger sagt: „Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen. Das Haus war 110 Jahre ein Familienbetrieb. Mein Großvater hatte das Haus damals übernommen.” Doch nachdem seine beiden Töchter andere berufliche Wege eingeschlagen haben und er selbst 72 Jahre alt sei, habe er sich entschlossen, das Haus zu verkaufen.

Einer der großen hiesigen Immobilienunternehmer habe es erworben. Steiger sagt weder etwas zum Namen noch zum Preis. Aber der dürfte sich im Millionenbereich bewegen. Relativ klar sei, dass keine neue Apotheke einzieht. Doch folgt ein Einzelhändler, dürften laut Steiger umfangreiche Umbauten anstehen, die mit Denkmal- und Brandschutz abzustimmen wären.

Steiger übernahm im Jahr 1991

Steiger, der nach seinem Studium 1976 als Angestellter seines Vaters in der Apotheke anfing und sie 1991 übernahm, geht einen Weg, den viele Geschäftsleute beschritten haben. Die Buchhandlung Perl ist ebenso Geschichte wie Papier-Oetke, das Hutgeschäft Bellmann und Porzellan-Fachhändler Mummert. Auch die Zahl der Apotheken nahm ab, um ein halbes Dutzend in den vergangenen Jahren.

Steiger nennt weitere Gründe für seinen Entschluss. Die Konkurrenz durch Online-Apotheken sei groß und werde durch zu erwartende Gesetzesänderungen noch steigen. Zudem gebe es weniger allein praktizierende Ärzte in der Innenstadt, die gingen lieber in Gemeinschaftspraxen in Randlagen mit Parkplätzen vor der Tür. Zudem habe nach seinem Eindruck die Fußgänger-Frequenz abgenommen, die Ursache sieht er unter anderem darin, dass der Sand seine Funktion als Zentraler Busbahnhof verloren habe.

Ein Blick um 1875 auf die Apotheke und den Sand. Die Arkaden folgten ein halbes Jahrhundert später. Quelle: Sammlung Boldt

Mehrere Filialen mit 72 keine Option

In der Vergangenheit habe er die Verkaufsfläche erweitern und daher die Arkaden nutzen wollen. Doch die Stadt als Eigentümerin der Fläche habe nicht zu erfüllende Summen gefordert. Auch ein Wachstum mit mehreren Filialen, wie es ein Kollege betreibt, sei mit 72 Jahren keine Option mehr. „Von meinen acht Mitarbeitern gehen einige in Rente, die anderen haben gute Chancen, eine neue Stelle zu finden”, sagt Steiger.

Mit seinem Abschied geht vielleicht noch eine Tradition zu Ende: Der Apotheker hatte seit 17 Jahren einen Kalender mit historischen Ansichten aufgelegt, der Erlös kam dem Guten Nachbarn zugute, der Hilfsaktion von Wohlfahrtsverbänden und LZ. Er hofft, dass sich ein Nachfolger findet: „Den würden mein Bruder und ich unterstützen.”

Ein Blick ins Geschichtsbuch

Hilfe für die kranke Menschheit

Im Mai 1723 entschied der Rat der Stadt, dass es neben der Raths-Apotheke eine weitere geben müsse. Sie sollten „miteinander wetteifern, der kranken Menschheit die besten und billigsten Arzneien zu liefern”, heißt es in einer Chronik. Ein Jahr später begann Johann Werner Müller, Pillen und Salben zu verkaufen. 1733 zog die Einhorn-Apotheke an den heutigen Standort. Es folgten mehrere Besitzer, bis 1905 Otto Le Roy und Ferdinand Steiger die Apotheke kauften. Damit begann die Ära Steiger. 1941 übernahm Erwin Steiger die Geschäfte, später dann sein Sohn Ulrich.
Die prägenden Arkaden des Hauses wurden 1926/27 errichtet. Damals war die Bäckerstraße die Fernstraße 4, es brauchte an der engen Stelle Platz für Fußgänger, die Stadt habe die Fläche quasi enteignet. Der Laubengang blieb, auch nachdem die Bäckerstraße 1968 zur Fußgängerzone wurde.

Von Carlo Eggeling