Freitag , 25. September 2020
Tanja Sieg (l.) und Martina Bollow bedienen am Obst- und Gemüsestand, den sie zuvor ansprechend bestückt haben. Die Atmosphäre ist ein bisschen wie im Tante-Emma-Laden. Fotos: t&w

Ohne sie müssten viele hungern

Lüneburg. „Kelli“ ist die Nummer 5. Er steht am Verkaufstresen und grüßt in Richtung eines Mannes mit Rollator, der mit einem „Danke“ den Raum verlässt. „Der Gerd hätte auch nie gedacht, dass er einmal hier landet“, sagt Kelli in meine Richtung. Kelli, ein Hüne mit weißem Pferdeschwanz, dem man seine 81 Jahre nicht ansieht, ist seit Jahren Kunde der Lüneburger Tafel. Die Einrichtung hat am Freitag ihr 25-jähriges Bestehen gefeiert. Ein guter Grund, mal in der Ausgabestelle Im Tiefen Tal vorbeizuschauen, um hautnah zu erfahren, was Ehrenamtliche dort Großartiges leisten.

„Kelli“ ist Stammkunde bei der Lüneburger Tafel.

Es ist Dienstag, 14. Januar, kurz vor 10 Uhr. In der Redaktion meine übliche Zeit, den Computer hochzufahren. In der Ausgabe der Lüneburger Tafel sind Dörte Harendza-Schneider und Ille Meyer bereits seit über einer Stunde dabei, aus grünen Plastikkisten Milchpackungen, Joghurt, Butter, abgepackte Wurst und Käse, Plastikschälchen mit Salaten, Kartoffelpuffer und vieles mehr in den gekühlten Tresen zu packen.

Das Team ist eingespielt

Angela Zellmann sortiert Baguettestangen, dunkle Brotsorten und Brötchen ein. „Lass uns mal zur großen Kühlkammer gehen, da nehmen wir alles raus, was zum 14. und 15. Januar datiert ist“, sagt Konstanze Dahlkötter, Leiterin der Tafel, zu Dörte Harendza-Schneider. Vollgepackte rote Kisten stapeln die Frauen auf Rollplattwagen, schieben sie in den Verkaufsraum. Ware, die Tafel-Mitarbeiter bereits in der vergangenen Woche sowie am Montag bei Einzelhandelsgeschäften, Discountern, Bäckern, Marktbeschickern und im Zentrallager der Edeka in Zarrentin eingesammelt haben.

„Wenn Du noch Buletten brauchst, hinten sind noch welche“, sagt Dörte zu Ille – hier duzen sich alle, es ist ein eingeschworenes Team. Zehnerpackungen mit Würstchen geben sie durch die Durchreiche in die Küche zu Renate Kurzhals, die diese in Portionen zu je vier Würstchen in Tüten packt. Renate hat bereits Pappteller bereitgestellt, auf denen später Kuchen portioniert werden soll. Und sie hat Häppchen mit Wurst, Käse und Lachs belegt, denn gleich kommen die Männer mit dem Tafelbus, der den nächsten Schwung mit Ware bringt. Wer hier zupackt, wird verköstigt. Ansonsten ist die Arbeit Ehrensache.

Redakteurin Antje Schäfer hat den Helfern über die Schulter geschaut.

Zupacken – das hatte ich mir eigentlich auch vorgenommen. Aber: Dörte zeigt auf einen Karton mit Zehner-Packungen Eier. „Die könnten Sie da oben im Regal stapeln, da komm ich schlecht hin“, sagt sie freundlich. Mit Bedacht fange ich an, einzuräumen – und hab schnell das Gefühl: wenn alle in diesem Tempo hier zupacken würden, würde das nichts werden mit dem Ausgabe-Start um 12.30 Uhr. Angela übernimmt „noch eine Rutsche.“ Zack, zack geht das. Wie auch in der Obst- und Gemüseabteilung, wo Marina Bollow, Christopher Daams und Tanja Sieg die Waren überprüfen, ob etwas gammelig ist. Was nicht aussortiert wird, landet ansprechend geordnet in Kisten.

Bus ist bis unter die Decke vollgepackt

Punkt 11 Uhr rollt der Tafelbus vor die Tür. Hilmar Bohn, Gerd Meyer-Loges und Len Bobardt sind seit 8 Uhr unterwegs. Bis unter die Decke des Busses stapeln sich die grünen Plastikkisten. „Na, da will ich mal mit anpacken“, sage ich und Meyer-Loges entgegnet freundlich: „Viel zu schwer“ – und ich denke: auch hier muss es zack, zack gehen. Im Verkaufsraum stapeln sich in Nullkommanichts die Kisten vor den Tresen, die Ehrenamtlichen sortieren erneut ein. „Was machen wir mit dem Fleisch, Conny“, fragt Dörte. Es sind eingeschweißte Spareribs, Haltbarkeitsdatum 13. Januar. „Die gehen raus“, antwortet die Tafelleiterin, die klare Richtlinien dafür kennt, wie lange welche Waren über das Haltbarkeitsdatum hinaus noch konsumierbar sind.

Geschichte

Die Lüneburger Tafel wurde 1995 mit als eine der ersten Tafeln in Deutschland gegründet. 74 Ehrenamtliche engagieren sich dort. Es sind Mitglieder, Helfer sowie Menschen, die selbst in eine schwierige Lage geraten sind. Sie sammeln Waren bei Lebensmittelgeschäften, Discountern, Marktbeschickern sowie beim Zentrallager der Edeka in Zarrentin ein, um sie dann zu verteilen. Die Ausgabestelle ist an vier Tagen in der Woche geöffnet. Der Donnerstag ist ab 11 Uhr nur für Rentner ab 70 Jahre, ab 13 Uhr nur für Frauen.

Weitere Informationen zur Einrichtung gibt es auf www.lueneburger-tafel.de im Internet.

In der Küche packt Stefanie Marquardt Berliner, Butterkuchen und Mandelstriezel „von gestern“ – jeweils drei Stücke – in Tüten. Renate hat Schoko-, Butterkuchen und Blaubeer-Sahne-Stücke auf die Pappteller verteilt, die dann mit Frischhalte-Folie umhüllt werden. Am Tisch sitzen die Tafelbusfahrer und lassen sich das Frühstück schmecken, bevor sie zur zweiten Tour aufbrechen. Auf die Frage, warum sie sich bei der Tafel ehrenamtlich engagiert, sagt Renate: Vor zwei Jahren sei sie in die Rente gegangen. „Ich wollte etwas Sinnvolles tun.“ Die Tafel stehe für einen nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln und versorge Menschen damit, die diese brauchen. „Es ist erschreckend, wie viele das sind.“

Lange Schlange schon vor dem Öffnen

Hinter den 400 Kunden, die pro Woche die Tafel ansteuern und „die in schwierigen wirtschaftlichen Situationen sind, stehen 1200 Menschen“, sagt die Leiterin der Tafel. Jeder benötigt einen Tafelausweis, der dienstags zwischen 11 und 13 Uhr von ihr ausgestellt wird. Grundlage ist ein geringes Einkommen, das sich an den Hartz-IV-Sätzen orientiert. Der Schritt zur Tafel sei für manchen erst eine Überwindung, erfährt sie in Gesprächen immer wieder, wie auch manche erschütternde Lebensgeschichte.

Kurz vor 12 Uhr stehen bereits 50 Kunden vor der Tafel. Mancher hat eine Plastiktasche mit Aufschrift eines Discounters dabei. Kelli – „das ist mein Spitzname“ – steht ziemlich vorn an. Er hat kein Problem mit ein paar Fragen. Er sei ein „Kriegskind. Ich weiß, was Verzicht ist.“ 860 Euro Rente habe er, davon müsse er Miete, Gas, Strom und Fernsehen bezahlen. Fürs tägliche Leben blieben da noch 300 Euro. Die Tafel sei eine gute Einrichtung. Inzwischen kenne er hier so manchen Kunden. „Früher war mancher von denen selbstständig und gut situiert. Dann ist etwas passiert und es ging abwärts.“

Ohne Ausweis geht erstmal nichts

Dörte und Angela scannen an diesem Tag die Ausweise der Kunden ein, können so am Computer Namen und Familienstand sehen. Dann gibt es eine Marke mit einer Nummer und der Kunde zahlt einen Euro. Damit soll dem Gefühl begegnet werden, dass Almosen verteilt werden. Eine junge Frau mit einer kleinen Tochter rückt nach langem Warten schließlich auf. Sie hat noch keinen Ausweis, muss sich also erst registrieren lassen. Danach erhält sie die Nummer 56. Sie lächelt, die vielleicht zwei Jahre alte Tochter drückt den Teddy an sich. Dörte versucht der Türkin zu erklären, dass sie vielleicht doch noch mal für zwei Stunden nach Hause gehen sollte. So lange wird es dauern, bis Nummer 56 aufgerufen wird.

Kelli lässt sich Eier, Jogurt, Fleischsalat einpacken. Gerne auch Sahnehering. Ille bietet ihm mit einem Augenzwinkern „Stinke-Käse“ und Corned Beef an. „Möchten Sie Spareribs, Würstchen?“ Da sagt der Mann nicht Nein. Dann geht er zum Gemüsestand.
„Was macht Dein Arm?“, fragt er Martina. Die 37-Jährige war vor Jahren schwer erkrankt, ihr rechter Arm ist seither gehandicapt. Er schmerzt auch an diesem Tag. Martina bezieht eine Erwerbsminderungsrente. Warum sie bei der Tafel ehrenamtlich arbeitet? „Als ich im Rollstuhl saß, hat man etwas für mich getan. Nun möchte ich etwas zurückgeben.“

Zur Sache

Gratulationen

Oberbürgermeister Ulrich Mädge würdigt die Hilfe: „Ehrenamtliches Engagement, wie es bei der Lüneburger Tafel seit 25 Jahren vorgelebt wird, ist ein Plus für jede Stadt und jede Gesellschaft. Mit dem unermüdlichen Einsatz für ihre Mitmenschen leisten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen großen Dienst für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Stadt. Die Lüneburger Tafel tut dabei doppelt Gutes: Sie hilft Menschen und sie rettet Lebensmittel und zeigt damit, wie wir mit kostbaren Ressourcen umgehen sollten. Für diesen Einsatz danke ich allen, die sich dort engagieren oder engagiert haben und gratuliere herzlich zum Jubiläum.“

Jochen Brühl, Vorsitzender der Tafel Deutschland, dankt der Lüneburger Tafel unter anderem mit folgenden Worten: „Seit 25 Jahren bauen Sie eine Brücke zwischen Überfluss und Mangel. Sie retten Lebensmittel und helfen Menschen.“ Eine Tafel über so lange Zeit am Leben zu halten und mit Leben zu erfüllen, brauche eine gute Organisation, „ein noch besseres Miteinander und viele unterschiedliche Talente. Ich gratuliere Ihnen zu dieser täglichen Meisterleistung.“

Von Antje Schäfer