Sonntag , 25. Oktober 2020
Norbert L. (72) versteckt in Saal 12 des Landgerichts sein Gesicht. Der pensionierte Dannenberger Polizist ist angeklagt, die Töchter seiner heutigen Ehefrau missbraucht zu haben - was er bestreitet. (Foto: be)

Quälende Erinnerungen

Lüneburg. „Ich hatte bisher gedacht, dass Empathie meine Stärke ist.“ Der Stoßseufzer von Richter Thomas Wolter konnte die Zeugin nicht beruhigen. Die heute 25-Jährige sollte schildern, wie sich ihr Stiefvater (72) zwischen 2008 und 2013 an ihr vergangen haben soll. Je expliziter sich die Nachfragen dem Kerngeschehen der sieben angeklagten Taten näherten, desto mehr wand sich die Zeugin. „Mein Magen verkrampft, der Kopf ist leer. Genauer kann ich mich nicht erinnern.“

Es steht Aussage gegen Aussage

Prozess um Kindesmissbrauch sind immer Gratwanderungen. Vor allem dann, wenn die Taten lange zurückliegen. Manchmal wird die Suche nach der Wahrheit dann zu einer Qual. Denn die juristische Notwendigkeit, konkrete Taten zu konkreten Zeiten einem konkreten Täter zuzuordnen, trifft auf das menschliche Gedächtnis, das Erinnerungen – insbesondere demütigende – anders abspeichert.

„Es war, als Luca Toni Torschützenkönig wurde“, versuchte sie, eine der Taten zeitlich einzugrenzen. Das war in der Saison 2007/2008. „Er schoss 42 Tore“, ist sie sich auf Nachfrage des Richters sicher. Nur: Es waren 24. Was angesichts der angeklagten Taten wie eine Nebensächlichkeit wirkt, kann bei der Bewertung der Aussage zu dem Schluss führen, sie wäre nicht verlässlich.

Vor der 2. großen Jugendkammer steht Aussage gegen Aussage. Denn Norbert L., ein pensionierter Dannenberger Polizist, bestreitet, die Töchter seiner jetzigen Ehefrau missbraucht zu haben.

Die ältere der beiden Schwestern hat sich 2016 entschlossen, „mein gesamtes Leben aufzuräumen.“ Nach zwei abgebrochenen Ausbildungen und einem Klinikaufenthalt „wollte ich nicht mehr zwischen Rastlosigkeit und Lebensmüdigkeit schwanken, sondern endlich ein geregeltes Leben führen“.

Sie berichtete ihrem leiblichen Vater in einem Brief vom Missbrauch im Arbeitszimmer – immer wenn die Mutter zum Dienst im Kriminal- und Ermittlungsdienst gefahren war. Erst nach mehreren Taten, bei einem weiteren Übergriff diesmal im Wohnzimmer habe sie „in einem Moment der Klarheit realisiert, dass es unglaublich falsch war“. Sie sei aufgestanden und gegangen. Wortlos, wie auch alle anderen Taten abgelaufen seien.

„Nichts, was ich gewalttätig nennen würde“

Die 25-Jährige schilderte ihren Stiefvater nicht als Monster. „Da war nichts, was ich heute als gewalttätig beschreiben würde.“ Distanzierend nennt sie ihren Stiefvater den „Täter“. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag zog sie zu ihrem Vater. Das Verhältnis zur Mutter ist offenbar problematisch: „Wir können schwer miteinander reden.“

Schwer fielen die Worte auch dem Vorsitzenden Richter Wolter, der sich für nachdrückliche und „fiese“ Nachfragen entschuldigte. „Wir sind unparteiisch.“
Doch das konnte der Zeugin die Scham nicht nehmen: „Es ist unangenehm, auszusprechen, was geschehen ist.“

Von Joachim Zießler