Samstag , 19. September 2020
Lars Werkmeister feilt mit seinem Team an einem Marketing-Konzept für Lüneburg. Eine Idee dabei: Stadtfest und Kinderfest könnten zusammengelegt werden. (Foto: A/t&w)

Wie verkauft sich die Stadt?

Lüneburg. Das Büro von Lars Werkmeister wirkt wie ein Sinnbild des Stadtmarketings: In die Jahre gekommen, beengt, der Schreibtisch wohl mal irgendwo ausgemustert und dann im Hochparterre der Villa an der Wallstraße gelandet. Geronnene Zeit. Dagegen kämpft die Moderne: Ein Whiteboard mit vielen bunten Karten, die Ziele und Aufgaben markieren. Der Chef der Marketinggesellschaft geht an, was seine Vorgänger nicht wirklich lieferten: ein Konzept. Wie will sich Lüneburg präsentieren? Wie will die Stadt Einheimische, aber eben auch auswärtige Kunden und Urlauber locken? Wie geht der Einzelhandel in eine Zukunft, die durch Konkurrenz von Handelsgiganten im Internet immer herausfordernder wird? Vor gut einem halben Jahr hat Werkmeister den Posten übernommen. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Viele verbinden mit der Lüneburg Marketing GmbH vor allem Veranstaltungen, doch auch Tourismus und Citymanagement, also die Betreuung des Handels, gehören dazu. Schon die Analyse macht klar, dass Herausforderungen anstehen. Werkmeister sagt, was für Wirtschaftsexperten selbstverständlich ist: Online-Händler ziehen dem Einzelhandel immer mehr Kunden ab. Gegen einen Punkt könnten Geschäftsleute nur schwer gegenhalten: den Preis. Vieles sei über Amazon und Co. deutlich billiger zu bestellen. Da helfe keine noch so gute Beratung.

Herausforderungen für den Handel

Das könnte in den kommenden Jahren weitreichende Konsequenzen haben: Landet in den Kassen der Einzelhändler weniger Geld, ist es fraglich, ob sie Personal und Laden in hochpreisiger Lage halten können, für die Stadt fallen Steuereinnahmen geringer aus. Was passiert mit den Häusern, wenn es zu Leerständen kommt? Das städtische Leben würde leiden. „Noch geht es Lüneburg gut”, sagt Werkmeister. Die Stadt wirke wie ein Magnet: eine wunderbare Kulisse, viele Fachgeschäfte.

Trotzdem wäre es sinnvoll, das „Geschäftsmodell” zu hinterfragen. Das gelte für die Politik ebenso wie für den Handel. Die Marketing GmbH könne analysieren, Wege aufzeigen, aber entscheiden müssten andere, wie sich die Region der Zukunft stellt. Werkmeister sieht das als Gemeinschaftsaufgabe an: „Das ist keine One-man-Show.”

Veranstaltungen

Feiern, Einkaufen und Geselligkeit

Hier tritt die Marketing GmbH als Organisator auf:

  •  Verkaufsoffene Sonntage: 29. März, 3. Mai, 27. September, 1. November
  •  Wohnmobiltage: 2. bis 5. April
  •  Salztage: 15. bis 17. Mai
  •  Stadtfest: 19. bis 21. Juni
  •  Sülfmeistertage: 2. bis 4. Oktober
  •  Nacht der Clubs: 7. November
  •  Weihnachtsstadt: 25. November bis 23. Dezember

Er nennt Beispiele: Wer zum Einkaufen an die Ilmenau kommt, wolle auf ein bequemes wie attraktives Umfeld treffen. Das beginne beim Parken, gehe weiter über die Beschilderung und Sauberkeit, setze sich bei Angebot und Preisen fort. Zu den Faktoren, die ein Publikum gerade aus dem Umland locken, zählt er verkaufsoffene Sonntage: „Da herrscht eine andere Atmosphäre, das Geld sitzt lockerer.”

Dazu kommen viele Kurzurlauber und Tagestouristen. Wer gut gelaunt durch Straßen und Gassen streift, guckt in Geschäften nach deren Angeboten. Seine Einschätzung: „Da werden eher kleinere Dinge gekauft, weniger Artikel, die 300, 400 Euro kosten.” Eben das könne sich auf das Sortiment auswirken – neue Ideen sind dann gefragt.

1,7

Millionen Euro setzen die 16 Mitarbeiter der Lüneburg Marketing GmbH im Jahr um.

Bilanz zieht Werkmeister auch für sein eigenes Haus. Gemeinsam mit Aufsichtsrat und den neun Gesellschaftern will er den künftigen Kurs festlegen. Dabei kann es auch darum gehen, Veranstaltungen anders zu sortieren. Denn auch die Gesellschaft hat mit stagnierenden bis sinkenden Einnahmen zu kämpfen. Die Stadt steuert 430 000 Euro zum Etat bei, dazu kommen Zuschüsse von Gesellschaftern und Mittel von Sponsoren. Inklusive der Tourist-Info setzen die 16 Mitarbeiter 1,7 Millionen Euro im Jahr um. Ein Teil davon erwirtschaften die Tourismus-Kollegen über Provisionen: Sie vermitteln Übernachtungsmöglichkeiten. Werkmeister sagt: „Wir spüren die Konkurrenz von Internetportalen wie Booking.com.” Eine Summe nennt er nicht, aber sie sei „schmerzhaft”.

Veranstaltungen wie das Stadtfest müssen sich selbst tragen, da geht es um einen Etat von 120 000 bis 150 000 Euro. Standgebühren, dazu Zuschüsse von Werbepartnern sind erforderlich. „Es ist schwieriger, Sponsoren zu finden”, sagt der Geschäftsführer. Unternehmen achten stärker darauf, wofür sie ihr Geld ausgeben. So besteht die Überlegung, Stadtfest und Kinderfest, das stark lokal getragen wird, zusammenzulegen.

Beachvolleyball auf dem Marktplatz?

Dabei gehe es nicht nur ums Geld: „Wir müssen uns fragen, wen wir mit welchen Veranstaltungen erreichen wollen. Beim Stadtfest vor allem Lüneburg und das Umland.” Das seien nicht nur die „Partygänger”, sondern auch Familien und Neubürger. Doch die wünschen sich etwas anderes als das Musikprogramm am Abend. Eine weitere Überlegung ist, wieder einen Rundlauf zu schaffen, also Markt und Sand besser zu verbinden.

Um Interessenten für die Wohnmobiltage zu gewinnen, arbeiten Werkmeister und seine Kollegen mit Fachzeitschriften zusammen. Die mobilen Camper seien eine gute Zielgruppe, weil sie finanzkräftig sind, in den Städten essen und einkaufen.

Zudem denkt Werkmeister über „kleinere Events” nach. Das können Tage der Stadtführer sein, Beachvolleyball auf dem Markt oder eine Gastromeile in einem Straßenzug sein. Für all das will er seine Gremien und die Akteure der Stadt gewinnen. Klar ist aber auch: „Wir können Angebote machen, entscheiden muss die Politik.”

Ein Event sei bereits da: „Dass am Wochenende so viele Leute kommen, liegt mit am Wochenmarkt und seinem großen Angebot. Davon profitieren alle.”

Von Carlo Eggeling