Dienstag , 29. September 2020
Stanislaw S. (37) kam in Handschellen, angeklagt des Totschlags, und ging als freier Mann, weil er in Notwehr zugestochen habe. Foto: be

„Notwehr ist ein scharfes Schwert“

Lüneburg/Uelzen. Wer in der Trinkerszene des ZOBs hinter dem Uelzener Hundertwasserbahnhof angekommen ist, riskiert, als Täter oder als Opfer zu enden. Stanislaw S. (37) wurde vor drei Monaten zum Täter, als er einen Menschen tötete – ohne schuldig zu sein. Er erstach Oliver S. (27), als dieser ihn mit einer Flasche beziehungsweise dem abgebrochenen Flaschenhals angriff. Eine Bluttat in Notwehr, erkannte das Landgericht Lüneburg, verurteilte Stanislaw S. lediglich wegen eines Verstoßes gegen das Waffengesetz zu einer Geldstrafe von 900 Euro. Er habe sich zwar zu Recht mit einem Butterflymesser zur Wehr gesetzt, erläuterte der Vorsitzende Richter Franz Kompisch, dieses Messer aber zuvor unerlaubterweise bei sich getragen.

Zum Auftakt des kurzen Prozesses am Dienstag um 9.30 Uhr trug Stanislaw S. Handschellen. Mit Papieren verdeckte er sein Gesicht. Ein Kreuz baumelte an einer Kette von diesen Papieren herunter. Vielleicht dasselbe, das ihm bei dem tödlichen Kampf am 12. Oktober 2019 vom Hals gerissen worden war. Schon um 16.16 Uhr konnte er den Saal 121 des Landgerichts als freier Mann verlassen. Die 4. große Strafkammer brauchte nicht lange, um von der ursprünglichen Anklage eines Totschlags abzurücken. Und das, obwohl Zeugenaussagen widersprüchlich waren, ein Zeuge erst irrtümlich vor dem Amtsgericht Uelzen auftauchte und ein anderer wieder abzog, ohne ausgesagt zu haben – dafür hatte er sich mit einem Tritt gegen eine frisch gestrichene Tür im Landgericht verewigt.

Verhängnisvolle Geschenke

Die Geschenke zweier Ex-Freundinnen führten letztlich zu dem Verhängnis, das in einem Stich in den rechten Herzbeutel von Oliver S. (27) führte, an dem dieser starb: Ein Fahrrad, das Roman L. S. (32) an Oliver S. verliehen hatte und von dem beide annahmen, dass Stanislaw S. es gestohlen hätte. Und das Butterflymesser mit 10 Zentimeter langer Klinge, das in der Tasche jener dicken Winterjacke steckte, die Stanislaw S. an jenem kalten 12. Oktober anzog. Schwurgericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung kamen zu einer nahezu identischen Rekonstruktion des Tatgeschehens: Gegen 23.10 Uhr stellte Roman L. S. den vermeintlichen Fahraddieb Stanislaw S. zur Rede. Oliver S. eilte hinzu, „hart auf Zinne“, wie Richter Kompisch dessen Gemütslage beschrieb.

Der 1,86 Meter große und rund 95 Kilo schwere Mann bedrängte den gebürtigen Kasachen, dieser wich zurück. Der Jüngere packte den Älteren am Hals, zerschlug eine nahezu leere Wodka-Waldmeister-Flasche auf dessen Kopf, schlug ihn mit der Faust, in der sich noch der abgebrochene Flaschenhals befand. Stanislaw S. griff in seine Jackentasche zu dem sich einhändig öffnen lassenden Butterflymesser. Er stach dreimal in den Oberkörper des Gegners, konnte sich vor Gericht aber nur noch an zwei Mal erinnern. Obwohl die Stiche bis zu 16 Zentimeter in den Brustkorb von Oliver S. eindrangen, reagierte dieser erst nicht. „Stiche werden als dumpfer, nicht als schneidender Schmerz wahrgenommen“, erklärte der Rechtsmediziner Dr. Sven Anders. Hinzu käme das betäubende Adrenalin.

„Halten Sie sich von der Bahnhofsszene fern“

Als Oliver S. schließlich doch zusammensackte, war Stanislaw S. untröstlich, gab das Messer ab, rief einen Notarzt und blieb vor Ort, obwohl Roman L. S. wüste Morddrohungen gegen ihn ausstieß. Als die Polizei mit drei Streifenwagen eintraf, ließ er sich widerstandslos festnehmen.

Mit seinem Urteil folgte die 4. große Strafkammer weitestgehend den Plädoyers von Anklage und Verteidigung. Richter Franz Kompisch erläuterte: „Notwehr ist ein scharfes Schwert. Niemand muss Schläge mit einer Flasche oder eine Attacke mit einem Flaschenhals erdulden. Und der sich Verteidigende darf nicht nur das erforderliche, sondern auch das wirkungsvollste Mittel zur Abwehr einsetzen. Das ist das Risiko des Angreifers.“

Und den gerade vom Vorwurf des Totschlags freigesprochenen Stanislaw S. mahnte er: „Halten Sie sich von der Bahnhofsszene fern. Sie können mehr mit Ihrem Leben anfangen, als sich zu berauschen.“ Zumal mancher Rausch als Opfer oder Täter endet.

Von Joachim Zießler