Montag , 28. September 2020
Julia Wedau blickt glücklich in die Zukunft, nachdem sie von ihrem Vater Jörg eine Niere gespendet bekommen hat. Foto: t&w

Endlich wieder Pommes

Lüneburg. Es ist einer der glücklichsten Momente im Leben von Julia Wedau, als am Tag nach der Operation die Ultraschalluntersuchung erfolgt: „Da konnte man sehen, dass die Niere gut durchblutet und vom Körper angenommen wurde“, sagt die 25-Jährige und lächelt ihren Vater Jörg an. Der 57-Jährige hat ihr kurz vor Weihnachten eine Niere gespendet – für die junge Frau ein geschenktes zweites Leben.

Julia Wedau wurde mit einem Herzfehler geboren, bekommt einen Herzschrittmacher gleich am Tag nach der Geburt. Ein Eingriff mit Komplikationen, die nicht ohne Folge bleiben. Die Medikamente hätten auf die Nieren geschlagen, berichtet die Frau. Als sie 17 ist und wieder mal zur regelmäßigen Kontrolle des Schrittmachers in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) geht, stellen die Ärzte fest, dass Julia Wedau nierenkrank ist. Man macht ihr deutlich, dass sie durch eine eiweiß- und kaliumarme Ernährung die Dialyse hinauszögern könnte. Pommes – die Julia gerne mag –, sind neben anderem gestrichen. Doch sie nimmt für sich aus einem Besuch der Dialyse-Station in der MHH mit, dass das regelmäßige Hängen an den Geräten ihr Leben einschränken würde.

Arzt klärt über eine Lebendspende auf

Und das möchte sie möglichst lange hinausschieben. „Denn das Arbeiten in den Werkstätten der Lebenshilfe im Bereich Montage macht mir viel Spaß, das Pflegen von Freundschaften und soziale Kontakte sind mir wichtig“, hält sie fest. Also Diät. Sie fühlt sich eigentlich pudelwohl, ist oft mit dem Rad unterwegs, als sie im Dezember 2018 einen Routine-Check in der Lüneburger Dialyse-Praxis bei Dr. Jochen Griesche-Philippi hat. Dann der Schock. Die Untersuchung ergibt: Ihre Nieren haben jeweils nur noch eine zehnprozentige Funktionsfähigkeit. Eine Organtransplantation wird unabdingbar. Der Facharzt erläutert seiner Patientin auch die Möglichkeit einer Lebendspende.

In Deutschland ist neben einer postmortalen Organspende auch die Lebendspende unter bestimmten Bedingungen möglich (siehe Kasten). „Die Blutgruppen von Spender und Empfänger müssen allerdings passen“, sagt Jörg Wedau und seine Tochter ergänzt: „Bei uns hat es gepasst.“ Es ist eine große Chance. Denn bundesweit warten derzeit 8000 Patienten auf eine Niere, jährlich werden mal gerade 2000 transplantiert – 600 dieser stammen aus einer Lebendorganspende. Die Wartezeit bis zur Transplantation kann Jahre dauern, nicht jeder Patient überlebt sie.

Für Jörg Wedau steht schnell fest, dass er seiner Tochter eine Niere spenden wird. Doch es dauert bis zu dem Eingriff. Julia wird außerdem auf die Liste von Eurotransplant gesetzt, die die Vergabe von Spenderorganen in verschiedenen europäischen Ländern organisiert. Zahlreiche Untersuchungen der Tochter laufen in den ersten Monaten von 2019. „Im August fuhren wir beide nach Lübeck, wo in psychologischen Einzelgesprächen abgecheckt wurde, dass die Lebendspende aus freien Stücken erfolgt. Ein entsprechendes Gutachten geht dann an eine Kommission, die entscheidet, ob gespendet werden darf“, berichtet der Vater. Seine Tochter schaut in dabei liebevoll an: „Ich habe damals viel über meinen Vater nachgedacht, fand es wunderschön, dass er das für mich machen wollte.“

Erster Termin für Eingriff wird verschoben

Und sie wünschte sich so sehr, dass der Eingriff endlich erfolgte – zumal sich ihr Zustand so verschlechterte, dass sie im vergangenen November an die Dialyse musste. Dreimal pro Woche, jeweils vier Stunden. Danach ist sie „platt, müde und verzagt“. Dann die Nachricht vom Transplantationszentrum am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH): Am 2. Dezember soll der Termin sein. Julia, ihr Vater und ihre Mutter – die Eltern leben getrennt – fahren nach Lübeck. Damit die Werte für die OP gut sind, kommt die junge Frau noch einmal an die Dialyse. Als sie danach ins Krankenzimmer geschoben wird, schauen ihre Eltern angespannt. Der Termin wurde verschoben aufgrund vieler akuter Fälle. „Ich war fix und fertig“, erzählt sie mit einem Zittern um die Mundwinkel, ihre Stimme vibriert und die Augen glitzern feucht.

Tochter und Vater sind inzwischen fit

„Zwei Wochen später ging‘s dann wirklich los.“ Erst wird ihrem Vater die Niere entnommen, dann der Tochter transplantiert. Am Tag nach dem Eingriff habe der behandelnde Arzt nach der Untersuchung gesagt, „dass ich mit Papas Niere einen 100er gewonnen habe“, sagt sie und strahlt ihren Spender an. Der wird bereits sechs Tage nach dem Eingriff pünktlich zu Heiligabend aus der Klinik entlassen, Julia kann am 30. Dezember nach Hause, feiert mit neuer Niere ins neue Jahr. Beide fühlen sich fit. Jörg Wedau, Verwaltungsbeamter bei der Bundeswehr, wird kommende Woche wieder seinen Dienst antreten. Julia muss noch etwas pausieren. Was ihr ein Lächeln ins Gesicht zaubert, ist ein nun wieder mögliches kleines Glück: „Endlich darf ich wieder Pommes essen, sogar Riesen-Portionen.“

Von Antje Schäfer

Hintergrund

Was erlaubt ist und was nicht

Lebendspenden sind bei Niere und Leber (Transplantation von Teilen) möglich, „in Deutschland zwischen Verwandten ersten und zweiten Grades oder dem Empfänger nahestehenden Personen wie dem Ehepartner oder Jugendfreund“, erläutert Jochen Griesche-Philippi, Lüneburger Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie. Dass Lebendspenden von anderen nicht gestattet sind, hat den Hintergrund, dass Missbrauch wie Organkäufe vermieden werden sollen. Laut Gesetz ist die Transplantation von Organen lebender Spender nur zulässig, wenn kein postmortal gespendetes Organ für den Empfänger zur Verfügung steht. „Die Spende muss außerdem freiwillig sein, das wird über ein psychologisches Gespräch evaluiert.“

Zu den Vorteilen einer Lebendspende im Vergleich zu einer postmortalen Spende gehört laut Griesche-Philippi unter anderem die bessere Organqualität und die bessere Verträglichkeit des Organs beim Empfänger. Außerdem funktionieren die gespendeten Nieren besser und halten länger. „Ganz wesentlich ist aber auch, dass man durch eine Lebendspende keine Wartezeit auf ein Spenderorgan von zirka acht Jahren hat.“