Die 80-jährige Hausbesitzerin in ihrem nun verpfuschten Wintergarten. Foto: be

Pfusch als Geschäftsmodell

Reppenstedt. Edelgard Müller* (80) steht in ihrem Wintergarten und guckt verzweifelt nach oben. Wo bis vor wenigen Wochen noch ein Glasdach Licht durchließ, ver sperren nun dilettantisch verschraubte Rigips-Platten den Blick. Oben auf dem Glasdach wurden grob zugeschnittene Holzplanken verlegt, darauf billige Bitumendachschindeln, die nirgends abschließen. Es klaffen Lücken. Es sieht aus wie Heimwerker-Pfusch. „Aber tatsächlich ist das Betrug“, sagt Antje Freudenberg, Pressesprecherin der Lüneburger Polizei. Mehr als 30.000 Euro hat die Rentnerin bezahlt, damit ein Leck in ihrem Wintergarten gestopft und der feuchte Keller getrocknet wird. Hat ihren Sparvertrag aufgelöst. Und muss nun wohl noch mal dieselbe Summe aufbringen, um die Schäden zu beheben, die die Betrüger im Haus hinterlassen haben.

Die vermeintlichen Handwerker hatten Zeitungsannoncen geschaltet, in der sie Keller- und Dachsanierungen anboten. Edelgard Müller rief die angegebene Handy-Nummer an. Ein betagter Firmenwagen fuhr vor, „Wolf Bausanierung Dach - Wand - Keller“ prangte am Fenster, der Ford Transit hatte ein Osnabrücker Kennzeichen. Zwei Wochen „arbeiteten“ vier Männer in dem Haus. „Der Chef ließ sich Kurt nennen, hatte aber einen slawischen Vornamen“, sagt Tochter Martina Müller*, die das Quartett immer nur kurz zu Gesicht bekam. Dem feuchten Keller begegneten die Männer, indem sie Lackfarbe über den PVC-Boden pinselten, eine Mauer außen freigruben, um sie wieder zuzuschaufeln. An anderer Stelle legten sie Plastikplanen an die Mauer. Dort läuft das Regenwasser nun so ungehindert herunter, dass die Luftfeuchtigkeit im Kellerinnern bei 35 Prozent liegt. Die gläserne Terrassentür und den Sonnenschirm machten sie kaputt. Im Wintergarten leckt das Wasser nun massiv durch, ein offenbar ungeeigneter Kleber wird unter den Bitumendachschindeln nicht einmal fest. „Vermutlich muss alles wieder abgerissen werden“, sagt die Tochter der Geschädigten.

Vertrauen erschlichen

Vor dem Haus steht ein von dem Quartett georderter Container, gefüllt mit reichlich gemischtem Bauschutt. Wenn eine Deponie den Müll überhaupt abnimmt, dürften die Gebühren auch hoch sein. „Die Miete für den Container bleibt auch an uns hängen“, sagt Martina Müller. Sie ist wütend über die Dreistigkeit der Täter. „Einer zeigte mir während einer Kaffeepause Fotos, die angeblich seine am Down-Syndrom erkrankte Tochter zeigten. So erschlich er sich Vertrauen. Erst im Nachhinein ist mir aufgefallen, dass er auf keinem dieser Fotos selbst zu sehen gewesen war.“

Mittlerweile stellte sich heraus: Die Täter haben innerhalb weniger Wochen 16 Kleinanzeigen in drei Varianten aufgegeben, gaben sich mal als Kellersanierer, mal als Dachrinnenreiniger oder Dachdecker aus. Als Kontaktmöglichkeit war immer dieselbe Handy-Nummer angegeben. Vermutlich sind noch andere Menschen in der Region auf die Masche hereingefallen.

Die Täter nahmen die betagte Hausbesitzerin richtig aus, forderten in drei Tranchen „Anzahlungen“ oder „Vorkasse“. Edelgard Müller hob ihre gesamten Ersparnisse ab, löste sogar ihren Sparvertrag auf. „Und das Geld haben sie nur dann gefordert, wenn außer meiner Mutter niemand im Haus war“, erzählt Martina Müller. Am Mittwoch vor Weihnachten wurde das Quartett massiv, baute sich vor der alten Dame auf und forderte ultimativ Geld. „Meine Mutter hat sich richtig bedroht gefühlt“, sagt Martina Müller.

"Die kommen nicht wieder“

Anschließend stiegen die Männer mit den Worten, „kurz in die Mittagspause zu fahren“, in ihren Transporter und verschwanden. Anrufe bei allen drei angegebenen Handy-Nummern liefen ins Leere. Die Reppenstedter erstatteten Anzeige.

Anfang des Jahres tauchten die Männer überraschend erneut auf, forderten weiteres Geld, etwa „die Mehrwertsteuer“. Zeitgleich fuhren Polizisten vor, die in dem Fall ermitteln, und nahmen die Personalien der Männer auf. Anschließend höhnten die vermeintlichen Handwerker in Richtung der Reppenstedterin: „Ihr habt doch gar nichts gegen uns in der Hand.“ Dann zogen sie ab. Dass das Quartett nicht festgenommen wurde, irritierte Edelgard Müller. „Das geht nicht ohne Haftbefehl“, erklärt Antje Freudenberg, zudem habe keine Fluchtgefahr bestanden. „Aber wir ermitteln weiter. Derzeit wird geprüft, ob der Fall an das Betrugsdezernat oder sogar an das für organisierte Kriminalität abgegeben wird.“

Lange hegte Edelgard Müller die Hoffnung, dass der Pfusch in ihrem Haus doch noch behoben wird. „Die kommen nicht wieder“, erwartet dagegen ein anderer Ermittler. Er vermutet, dass die Täter „Berufs- und Gewohnheitsverbrecher“ seien, die im gesamten norddeutschen Raum ihr Unwesen trieben.

Niemals in bar zahlen

„Eine derartige Masche kommt häufiger vor“, sagt Antje Freudenberg. Meist seien es reisende Tätergruppen aus Osteuropa oder Irland, die vorgeben, „gerade in der Nähe auf einer Baustelle zu arbeiten, aber Zeit zu haben“. Nach Ausführung schludriger Arbeiten forderten sie von den meist älteren Opfern Bargeld – und verschwinden. Die Polizeihauptkommissarin rät deshalb, immer vorab ein schriftliches Angebot einzufordern. „Das können die meisten Täter gar nicht leisten.“ Außerdem solle man niemals Handwerker in bar und auch keine Vorkasse bezahlen, rät Antje Freudenberg, „denn damit ist man gleich im Zivilrecht, das heißt, man muss den Tätern nachweisen, dass sie schlecht gearbeitet haben, damit man sein Geld wiedersieht.“

Nachdem sie einen Anwalt beauftragt hat, weiß Edelgard Müller nun: „Das wird sich alles hinziehen.“

* Namen geändert

Von Joachim Zießler