Donnerstag , 24. September 2020
Norbert L. (72) versteckt in Saal 12 des Landgerichts sein Gesicht. Der pensionierte Dannenberger Polizist ist angeklagt, die Töchter seiner damaligen Lebensgefährtin und heutigen Ehefrau missbraucht zu haben - was er bestreitet. Foto: be

Die ignorierte Brücke des Richters

Lüneburg/Dannenberg. Den Blick geradeaus erlaubt sich der Angeklagte nicht. Denn genau dort, fünf Meter vor ihm, sitzen die Nebenklägerinnen. Die beiden jungen Frauen sind die Töchter seiner Ehefrau. Sie werfen Norbert L. (72) vor, sie zwischen 2008 und 2013 sexuell missbraucht zu haben. Damals waren sie zwischen 12 und 15 Jahre alt.

Der Dannenberger muss die Blicke seiner Stieftöchter ertragen. Diese müssen dagegen die Bürde schultern, vor Gericht noch einmal das auszusagen, was sie schon vor der Polizei zu Protokoll gegeben haben. Dass der damalige Lebensgefährte und heutige Ehemann ihrer Mutter sie beim Fernsehen und im Kinderbett betatscht und mit dem Finger vergewaltigt hat. Dass er erst von ihnen abgelassen habe, als er Angst hatte, sie könnten sich ihrem jeweils ersten Freund offenbaren. Denn der pensionierte Polizist bestreitet in dem Kindesmissbrauchsprozess die Taten. „Es gibt nichts zu gestehen“, sagte seine Verteidigerin Silke Jaspert.

Kritik an dem Vorab-Gutachten

Eigentlich waren die Aussagen der Frauen, die heute Anfang 20 sind, schon für den ersten Verhandlungstag vorgesehen. Doch ein Befangenheitsantrag durchkreuzte den Zeitplan. Anwältin Jaspert wollte die Gutachterin Dr. Petra Hänert ablösen lassen. Aus Sicht der Anklagebank habe die Rechtspsychologin in einem Vorab-Gutachten über die Glaubwürdigkeit der Schilderungen der Zeuginnen den 72-Jährigen vorverurteilt, weil sie zweimal den Indikativ statt des Konjunktivs verwendet hat. Die Gutachterin hatte geschrieben: „Gibt es signifikante Hinweise, dass es zu sexuellen Übergriffen gekommen ist“ statt richtigerweise „…gekommen sein könnte.“ Zudem bestritt die Anwältin die fachliche Qualifikation der Gutachterin. Sie rügte, dass Konflikte der Frauen mit ihrer Mutter und mögliche Rache-Motive nicht erörtert worden seien und auch eine nicht ausreichende Dokumentierung der Aussagen.

Anderthalb Stunden statt der geplanten 30 Minuten rang die 2. große Jugendkammer mit der Frage, ob die Gutachterin ausgewechselt werden müsse – und wies den Antrag dann ab. Dass in einem 26-seitigen Gutachten zwei Mal fehlerhafterweise der Indikativ verwendet werde, weise nicht auf eine innere Voreingenommenheit der Sachverständigen hin, sagte der Vorsitzende Richter Thomas Wolter. Mangelnde Sachkenntnis sei bei der Gutachterin, die in Kiel und Hamburg Studenten ausbildet und als Spezialistin für die Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Zeugen gilt, nicht zu erkennen. Aussagen der jungen Frauen, dass Norbert L. Taten abgebrochen habe, wenn er ein Motorgeräusch hörte und mit den Worten weggegangen sei: „Jetzt kommt Mama nach Hause“, seien mitgeschnitten worden. Zum nächsten Verhandlungstag am 15. Januar sollen die Aussagen dann auch in verschriftlichter Form vorliegen.

Ein Geständnis wäre ein erhebliches Plus

Dann müssen auch die beiden Belastungszeuginnen aussagen. Weil der Angeklagte nicht über die Brücke zu einem Geständnis gehen wollte, die ihm Richter Wolter baute. „Treffen die Vorwürfe zu, würden Sie sich und den Frauen einen Gefallen tun. Ein Geständnis, dass den Frauen die Aussage erspare, wäre ein erhebliches Plus.“ Manchmal würden Täter Taten nur deshalb leugnen, gab der Vorsitzende Richter zu bedenken, weil sie mit ihrem Selbstverständnis nicht vereinbar seien. Wie es bei dem „ehemaligen Ordnungshüter“ auch denkbar sei.

Doch Norbert L. schüttelte mit geröteten Wangen nur den Kopf, starrte dabei vor sich hin auf den Boden des Saales 12 des Landgerichts. Dorthin, wo niemand zurückguckt.

Von Joachim Zießler