Der Lüneburger Philosoph Fritz Heinemann an seiner Schreibmaschine. Foto: privat

Lüneburgs vergessener Philosoph

Lüneburg. Wäre es nach Ela Griepenkerl gegangen, müsste heute keinem Lüneburger erklärt werden, wer Fritz Heinemann war. Die damalige Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) hatte vor 30 Jahren vorgeschlagen, die neue Universität nach dem Denker zu benennen. Es kam anders. Auch deshalb ist Fritz Heinemann der vergessene Philosoph Lüneburgs.

Vor 50 Jahren starb er. Anlass genug für die GCJZ, ihn mit einer Broschüre zu ehren. Am Sonnabend wird die Gesellschaft zusammen mit der Stadt und dem Museum den jüdischen Philosophen in einer Gedenkfeier in Erinnerung rufen. Sie findet um 18 Uhr im Marcus-Heinemann-Saal des Museums statt – benannt nach dem Großvater von Fritz. Anreisen werden aus London Mark Heineman, der Enkel des Lüneburgers hat auf ein „n“ in seinem Namen verzichtet, und eine Großnichte aus Marburg.

Philosoph war ein Johanniter

Im Herbst 2017 hatte Maja I. Schütte-Hoof die Idee, den Scheinwerfer auf den ins Dunkel des Vergessens abgleitenden Philosophen zu richten. Es folgten umfangreiche Recherchen zu dem am 8. Februar 1889 in der Oberen Schrangenstraße 11 geborenen Sproß des Heinemann-Clans. 1907 machte Fritz sein Abitur am Johanneum – mit herausragenden Leistungen in Sprachen und Mathematik. Er studierte in Cambridge, Marburg, München und Berlin. 1921 wurde er Dozent und 1930 außerordentlicher Professor für Philosophie in Frankfurt.

Drei Jahre später entziehen die Nazis ihm wie Tausenden anderen Deutschen jüdischen Glaubens die Lehrbefugnis. Es begann die Odyssee des damals europaweit bekannten Philosophen. Er hatte sich als Kritiker des Existentialismus, den Begriff hatte er selbst geprägt, einen Namen gemacht. Über Amersfoort (Niederlande) und die Pariser Sorbonne landete er am Manchester College in Oxford. 1937 holte er Frau und Sohn nach.

„Oft heißt es, dort hätte er eine neue Heimat gefunden“, sagt Maja I. Schütte-Hoof und schüttelt den Kopf: „Der Neuanfang war äußerst schwierig. In den sieben Umzugskartons voller Material, die ich von der Uni Oxford bekommen habe, finden sich viele Bettelbriefe.“

Die eigenen leidvollen Erfahrungen fanden ihren Widerhall in Heinemanns philosophischem Denken. Schütte-Hoof: „Die damaligen 'Ismen', wie Nihilismus, Atheismus und Szientismus, waren für ihn die Dämonen seiner Zeit.“ Zudem habe er schon sehr bald nach dem Krieg nach den Ursachen dieser Katastrophe gesucht, sagt Prof. Heike Düselder, die Leiterin des Lüneburger Museums.

Skepsis gegenüber reiner Ratio

Mit seiner Skepsis angesichts des von ihm so empfundenen „Bankrotts des rechnenden Verstandes“ könnte Fritz Heinemann in der Ära des Klimawandels wieder Aktualität gewinnen. „Nicht nur in dem Punkt“, ergänzt Hans-Wilfried Haase, Pastor im Ruhestand, der das Layout der Broschüre beisteuerte: „Fritz Heinemann sah den Menschen nie als nur rationales Wesen, vielmehr im jüdischen Gott einen notwendigen Gegenpol.“ Die Fundamentalismen unserer Zeit würde er dagegen auch unter Dämonen abbuchen.

Auf 112 Seiten fächert die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit das bewegte Leben von Lüneburgs vergessenem Philosophen auf. Grußworte seiner Nachfahren zeigen die menschliche Seite des ehemaligen Johanniters, der auch in den Garten nie ohne Hemd und Krawatte ging. Beiträge von Wissenschaftlern belegen sein Gewicht als Denker.

Die Broschüre über Fritz Heinemann kostet 6 Euro und ist in der Buchhandlung am Markt, im Lüneburger Museum und bei Hans-Wilfried Haase erhältlich.

Von Joachim Zießler