Matthias Farr im Gespräch mit Angela Ketzenberg (vorne), Warda Elhamad und Franziska Schuhart (r.), Mitarbeiterinnen der Empfangsgruppe. Foto: t&w

Die Persönlichkeit zählt, nicht die Behinderung

Lüneburg. Einen Menschen in seiner ganzen Individualität zu sehen und seine Bedürfnisse wie auch seine besonderen Kompetenzen zu erkennen, ist Matthias Farr wichtig. Diese Sichtweise teilt er mit der Lebenshilfe, für die jeder Mensch einzigartig und wertvoll ist. Farr ist zurzeit auf Kennenlern-Tour in 41 Einrichtungen der Lebenshilfe Lüneburg-Harburg, denn er ist der neue Geschäftsführer der gemeinnützigen Gesellschaft.

Der „Hamburger Jung“ verpflichtete sich nach seinem Abi-tur als Zeitsoldat für zwölf Jahre. 1989 nahm er das Studium zum Diplom-Kaufmann auf, das er 1991 abschloss. Deutschland war inzwischen wieder vereinigt, die Truppenstärke wurde reduziert. „Und ich konnte vorzeitig meiner Abschied einreichen“. Für ihn sei mit der Wiedervereinigung sein Auftrag, Deutschland im Kriegsfall gegen den Osten zu verteidigen, Vergangenheit gewesen, begründet er.

Mehr als 20 Jahre an der Waldorfschule unterrichtet

Farr bricht zu neuen Ufern auf. Seit seinem 17. Lebensjahr haben ihn Leben und Werk von Rudolf Steiner fasziniert, dem Gründer der ersten Waldorfschule. „Ich zog die Kampfstiefel aus und die Eurythmie-Schuhe an“, formt er ein Bild. Eurythmie ist eine Bewegungskunst, die Steiner 1912 entwickelte und die 1919 als zentrales Fach im Lehrplan der Waldorfschule aufgenommen wurde. Farr studiert von 1994 bis 1996 Waldorfpädagogik in Kiel. „Ein Studium Generale. Es wurde viel künstlerisch gearbeitet, was einen zu einem selber führt“, schwärmt er.

Als Geschäftsführer und Lehrer ist er von 1996 an 21 Jahre lang an der Waldorfschule in Hamburg-Farmsen tätig, außerdem als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Hamburg Waldorfpädagogik unterwegs. Die Begegnung mit Schülern an dieser Schule sei wunderbar gewesen. „Es ging immer um die Individualität des Kindes und wie man diese am besten fördern kann.“ Darauf richte eben auch die Lebenshilfe ihren Blick. „Die Persönlichkeit des Menschen steht im Vordergrund, nicht seine Behinderung.“

Doch bevor er hier ankert, macht Farr noch einen Umweg. 2017 wird er Vorstandsmitglied der Securvita BKK, die anerkannte alternative Heilmethoden zu ihrem Leistungskatalog zählt. „Ich wollte eine neue Herausforderung, aber wir haben nicht zusammengepasst“, kommentiert er heute.

Inklusive Gesellschaft bleibt wichtigste Aufgabe

Nun also die Lebenshilfe Lüneburg-Harburg, einer der größten Arbeitgeber in der Region. Nahezu 1000 hauptamtliche Mitarbeiter gibt es, mehr als 2000 Menschen werden von ihnen betreut. Farr möchte, wie er sagt, mittendrin sein. Sucht den Kontakt, zum Beispiel mittags in der Kantine. Auf ihn und sein Team warten große Zukunftsaufgaben. „Wir müssen schauen, wie unter der Vorgabe inklusive Gesellschaft unsere Angebote künftig aussehen sollen.“ Farr sieht Chancen, Grenzen und Möglichkeiten. Federführend sei die Lebenshilfe zum Beispiel im Bereich Wohnen, das zeige sich an dem Projekt Bunte Hanse, bei dem Menschen mit und ohne Behinderung unter einem Dach wohnen (LZ berichtete).

Dem neuen Geschäftsführer liegt aber auch am Herzen, noch mehr Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen. Dazu wolle er auf Unternehmen in der Region zugehen und für einen sozialen Umgang werben. „Der ist in allen Bereichen unserer Gesellschaft neben der Klimafrage die wichtigste Zukunftsaufgabe“, ist Farr überzeugt.

Zur Sache

Zahlen und Fakten

Die Lebenshilfe Lüneburg-Harburg ist eine gemeinnützige GmbH, sie wurde 1974 gegründet. Heute nutzen mehr als 2000 Menschen mit und ohne Behinderung die Einrichtungen und Dienste. Weitere Eckdaten im Überblick:
▶ 41 Standorte hat die Lebenshilfe Lüneburg-Harburg von der Kita bis zur Werkstatt.
▶ 933 Menschen mit Handicap arbeiten an sechs Werkstatt-Standorten, es gibt 960 hauptamtliche Mitarbeiter.
▶ 271 Menschen leben in den 7 Wohnheimen und 28 Wohngruppen.
▶ 190 Menschen werden ambulant in der eigenen Wohnung begleitet.
▶ 255 Kinder lernen und spielen in den Kindertageseinrichtungen der Lebenshilfe.
▶ Mehr als 270 Kinder profitieren in ihrem Zuhause von der Mobilen Frühförderung. Viele Kinder und Erwachsene nutzen zudem die Angebote der Mobilen Assistenzdienste (zum Beispiel Schulassistenz und Freizeitangebote).
▶ 46 Millionen Euro Gesamtumsatz und sonstige betriebliche Erträge hat die gemeinnützige GmbH 2018 erwirtschaftet. Dieser Umsatz setzt sich aus staatlichen Vergütungen (Eingliederungshilfe und Jugendhilfemitteln), Produktionsumsätzen, Spenden und anderen Erträgen zusammen.

Von Antje Schäfer