Tobias L. (26) versteckt sich zum Prozessauftakt hinter einer Aktenmappe. Auf Antrag seines Verteidigers Herbert Lederer schloss das Landgericht die Öffentlichkeit in dem Prozess um Missbrauch von Kindern aus. (Foto: t&w)

Hinter verschlossenen Türen

Lüneburg. Ihr jugendliches Alter bot sieben Jungen keinen Schutz vor der Gier ihres Trainers. Tobias L. (26), der bei der DLRG und dem MTV als Betreuer aktiv wa r, soll die damals 10- bis 15-Jährigen sexuell missbraucht haben. Nun schützt das jugendliche Alter der Opfer den Angeklagten zumindest vor dem Licht der Öffentlichkeit. Die 5. große Jugendkammer schloss auf Antrag des Verteidigers die Öffentlichkeit von dem Prozess aus – vor allem, damit das, was den Jungen widerfahren ist, nicht vor aller Augen ausgebreitet wird.

Bevor Zuschauer und Presse verbannt wurden, mied der Angeklagte die Augen der Dutzenden Zuschauer – unter ihnen Eltern von Kindern, denen er sich als Trainer oder Betreuer genähert hatte. Konsequent drehte sich der Angeklagte von den Zuschauern weg, hin zur Richterbank. Solange Pressefotografen im Saal 121 des Landgerichtes waren, verdeckte er sein Gesicht mit einer Aktenmappe. Als die Vorsitzende Richterin Silja Precht den Ausschluss der Öffentlichkeit verkündete, huschte ein Lächeln über das Gesicht des mutmaßlichen Täters. Dagegen murrten Zuschauer, als von „schutzwürdigen Interessen des Angeklagten“ die Rede war.

Seit dem 17. Juli 2019 sitzt der 26-Jährige in U-Haft. Seit damals erschüttert der Fall Lüneburg. Nach den polizeilichen Ermittlungen suchte Tobias L. auf vielfältige Weise die Nähe Heranwachsender. Er war seit 2015 Trainer und Betreuer bei der DLRG, begleitete an der Grundschule Hasenburger Berg als pädagogischer Mitarbeiter eine Fußball-AG, engagierte sich bei der Kreis- sowie Stadtsportjugend und trainierte junge Fußballer beim MTV Treubund. Zudem studierte der gebürtige Münsteraner, um später als Lehrer tätig sein zu können.

Student soll Nacktbilder verschickt haben

Zwischen Juli 2015 und Februar 2019 soll der Mann sieben Jungen im Alter von elf bis fünfzehn Jahren sexuell missbraucht haben, heißt es in der Anklageschrift. Zudem fanden Ermittler bei ihm kinderpornographisches Material. Er soll Nacktbilder verschickt und empfangen haben. Zunächst war die Polizei davon ausgegangen, dass sich der 26-Jährige bei Nachtwachen am Reihersee an fünf Jungen vergangen haben soll, nach Wochen der Ermittlungen können auch zwei MTV-Nachwuchskicker missbraucht worden sein. Unter Verdacht geriet der Student bei der DLRG, als die Schwester eines betroffenen Jungen eine WhatsApp-Nachricht des Trainers las, die ihr zweideutig vorkam. Als er sich unter Beobachtung fühlte, offenbarte sich der Mann einer Vereinskollegin, der Verein informierte die Polizei.

Überall galt der 26-Jährige als sehr engagiert, wurde bei der DLRG dafür von Eltern gelobt. Manchen kam das Engagement aber auch schon früh verdächtig vor, etwa der Mutter eines MTV-Nachwuchskickers. „Training und Spiele hier, Tagesausflüge dort – es schien, als hätte er gar kein Privatleben.“ In E-Mails an die Eltern der kleinen Fußballer, die der LZ vorliegen, erklärte Tobias L. die Kabine zur „Elternfreien Zone“. Auch legte er mehrmals nahe, dass Duschen nach dem Spiel für die 9-11-Jährigen „langsam eine Überlegung“ sein könnte.

Gericht stellt auch den Angeklagten unter Schutz

Grundsätzlich will der Student, der sich von Kindern und Eltern „Tobi“ nennen ließ, in dem Verfahren aussagen. „Scham“ würde ihm dabei aber Äußerungen zu seiner Sexualität erschweren, begründete Rechtsanwalt Herbert Lederer seinen Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit. Zudem gelte es, die „Prangerwirkung des Prozesses zu reduzieren“ und der „Gefahr der Stigmatisierung“ seines Mandanten zu begegnen.
Die Staatsanwaltschaft erkannte dementgegen lediglich ein besonderes Schutzbedürfnis der Opfer, wollte die Anklage deshalb mit anonymisierten Namen vorlesen. Die 5. große Jugendkammer nahm darüber hinausgehend aber auch noch den mutmaßlichen Täter unter den Schutz des § 171 b des Gerichtsverfassungsgesetzes, der aus öffentlichen Verhandlungen solche hinter verschlossenen Türen macht.

Von Joachim Zießler