Wenn ein Schreibtisch im Büro plötzlich nicht mehr besetzt ist: Bei der Trauerbewältigung im Todesfall eines Kollegen können sich Unternehmern für ihre Beschäftigten Hilfe holen. (Foto: Adobe Stock)

Auf einmal blieb der Schreibtisch leer

Lüneburg. Drei Wochen sollten es sein, für die sich Uwe* von seinen Kollegen verabschiedete. Drei Wochen, in denen er die Renovierung seiner Wohnung voranbringen und sich noch ein wenig mehr um seine Mutter kümmern wollte als sonst. „Schönen Urlaub!“, wünschten ihm die Kolleginnen, als er die letzten Rechnungseingänge gebucht, seinen Computer heruntergefahren und seinen Schreibtisch aufgeräumt hatte. Drei Wochen später hätten sie ihn fragen wollen, für welche Farbe an den Wänden er sich entschieden hat. Stattdessen sahen sie Uwe nur noch auf einem Foto wieder.

„Uns hat das völlig unerwartet erwischt. Wir waren hilflos.“ Die Frau, die das sagt, ist die Vorgesetzte von Uwe gewesen, sie kannte ihn seit vielen Jahren. Trauer, das hat die Buchhalterin beim plötzlichen Tod ihres Kollegen erlebt, ist nicht nur etwas, das wir im Alltag nicht gewohnt sind. Sondern etwas, das im Arbeitsalltag noch sprachloser macht als im Privaten.

Wenn die Chance fehlt, sich zu verabschieden

Denn dort, wo dieser Mensch vorher gewesen ist, das System um ihn herum in größten Teilen nach seinem Tod einfach weiterläuft, da treffen sich auf einmal Bereiche des menschlichen Lebens, die wir ansonsten voneinander trennen. Funktionieren und fühlen, arbeiten und weinen, leisten und trauern.

„Wir hatten keine Chance, uns an den Gedanken zu gewöhnen, und keine Chance, uns zu verabschieden“, sagt Regine Martens*. „Das war heftig.“ Anders als bei einer schwerkranken Kollegin einige Jahre zuvor kam Uwes Tod plötzlich. Und seine Mutter wünschte sich eine Trauerfeier im engsten Familienkreis. „Uns fehlte das Ritual extrem“, sagt Martens. „Wir hatten keine Möglichkeit zu realisieren, dass er wirklich nicht wiederkommt.“

Die Lüneburgerin Heike Jost empfiehlt Betrieben, vorsorglich eine Art Leitfaden zu entwickeln, wie mit dem Tod eines Mitarbeiters umgegangen werden kann. „Das hilft ungemein“, sagt die Trauerbegleiterin beim Verein Ambulanter Hospizdienst Lüneburg. Wer schreibt das Kondolenzschreiben für die Angehörigen? Wer spricht mit der Familie? Wer sorgt für Blumen auf dem Schreibtisch des Verstorbenen, eventuell ein Kondolenzbuch oder auch ein Foto auf dem Schreibtisch? Wer kümmert sich um Fahrgemeinschaften zur Trauerfeier? Das mögen Kleinigkeiten sein. Sie helfen aber, in der akuten Situation reagieren zu können.

Trotz des Innehaltens muss der Betrieb weitergehen

Schließlich entsteht ein Spagat im Büro: „Bei aller Trauer muss es ja weitergehen“, sagt die 48-Jährige. „Die Arbeit muss gemacht werden. Gleichzeitig sollte der Tod nicht tabuisiert werden, und jeder sollte Raum bekommen, zu trauern.“

Psychologen sprechen in Bezug auf Tod und Trauer von der sogenannten Form, die sich ändert. Und dass die Akzeptanz der neuen Form unabdingbar dafür ist, mit dem Tod eines nahe stehenden Menschen umzugehen. Dafür sind Rituale ungemein wichtig: zum Beispiel Trauerfeiern, Kondolenzbücher.

Ist es einem Team wie bei Udo* nicht möglich, die Trauerfeier zu besuchen, kann eine eigene Gedenkstunde eine Möglichkeit des Abschiednehmens sein. Die Hamburger Beratungsstelle „Charon – Hilfen im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer“ organisiert solche Trauerfeiern für Firmen auch weit über die Grenzen Hamburgs hinaus.

„Rituale fördern das Miteinander und machen den Tod begreifbar. Sie geben Halt in Zeiten der Unsicherheit“, sagt Annika Schlichting (48), Leiterin des Bereichs „Trauer am Arbeitsplatz“ bei Charon. „Wenn ein Kollege stirbt, sind alle unsicher. Angehörige und Kollegen.“

Ein solches gemeinsames Erlebnis kann ein Team zunächst sehr zusammenschweißen. Doch gibt es einen Grat, an dem das Gefüge kippen kann: den Moment, an dem die Belastung der Kollegen durch das Auffangen der Arbeit des Verstorbenen zu viel wird. Wann darf ich sagen, dass es mir zu viel wird? Darf ich überhaupt nein sagen zu etwas, das mit dem Toten zu tun hat?

Ähnlich groß ist die Unsicherheit, wenn ein enger Angehöriger eines Kollegen verstirbt. „Wichtig ist, Angebote zu machen“, sagt Heike Jost. Anrufen anstatt zu sagen: Melde dich, wenn du etwas brauchst. „Sich zu melden, dafür haben die Trauernden keine Kraft. Sie sind darauf angewiesen, dass ihr Umfeld auf sie zukommt und immer wieder Angebote macht.“ Selbst, wenn jemand schon drei Mal nein gesagt hat: ein viertes Mal fragen. „Trauernde haben das Recht, Angebote abzulehnen“, macht Heike Jost klar. „Sie müssen in einer völlig neuen Realität klarkommen. Das ist wahnsinnig anstrengend.“

Wichtig ist, die Gefühle des Trauernden auszuhalten

Ebenso dringend empfiehlt Jost, keine Ratschläge zu geben. „Denn jede Trauer ist anders.“ Besser sei, den Trauernden zu fragen, was er braucht, ob er reden möchte oder nicht.

Nicht behaupten, zu wissen, wie sich der andere fühle – auch das ist wichtig. Nicht sagen: „Du bist so stark, du schaffst das schon“, erklärt Heike Jost, denn: „Die Trauernden wollen ja in diesem Moment gar nicht stark sein.“

So ist am Ende das wichtigste, nicht ständig dafür sorgen zu wollen, dass es dem Trauernden doch endlich besser gehen möge – sondern die Gefühle dieses Menschen auszuhalten.

*Name geändert.

Hintergrund

Unterstützung für Teams

Der Ambulante Hospizdienst Lüneburg bietet neben Sterbebegleitung auch Trauerbegleitung an. Es gibt zum Beispiel eine Kochgruppe für trauernde Männer, eine feste Gruppe und einen Gesprächskreis. Rat zum Umgang mit Trauer in einer Firma vermitteln die ausgebildeten Trauerbegleiterinnen des Hospizdienstes ebenfalls. Kontakt: (0 41 31) 77 28 74.

Die Beratungsstelle Charon in Hamburg leistet ihr Angebot im Bereich „Trauer am Arbeitsplatz“ auch außerhalb von Hamburg. Annika Schlichting ist zu erreichen unter (040) 22 630 300. Charon hat eine Broschüre mit dem Titel „Trauer am Arbeitsplatz – Unterstützung für Verantwortliche, Teams und Mitarbeitende“ herausgegeben, inklusive Checkliste, woran zu denken ist. Mehr Informationen auf www.charon-hamburg.de.

Von Carolin George