Eine Hundertschaft der Polizei durchsucht Ende Juli 1989 den Wald in der Göhrde nach Spuren der Täter, die das Ehepaar Reinold getötet hatten. Foto: A/be

Verwirrung um die Göhrde-Morde

Lüneburg. Die Überschrift auf den Online-Seiten des NDR klingt spannend: "Göhrde-Morde: Ermittlungen vor dem Aus". Allerdings trifft sie so nicht zu. Sowohl bei der Polizei als auch bei der Staatsanwaltschaft in Lüneburg reagierten Sprecher am Dienstagmorgen erstaunt. Von beiden Seiten hieß es: "Es wird nichts eingestellt, es geht weiter." Das muss es schon aus juristischen Gründen, denn Mord verjährt nicht.

Wie berichtet, steht Kurt-Werner Wichmann im Verdacht, ein Serienmörder zu sein. Als relativ sicher gilt - unter anderem aufgrund von DNA-Spuren -, dass der ehemalige Gärtner, der später für die Manzke-Gruppe arbeitete, im Sommer 1989 die Brietlingerin Birgit Meyer aus ihrem Haus entführte und später ermordete. Ihre Überreste wurden erst im Herbst 2017 auf Wichmanns Grundstück gefunden. Auch für die Göhrde-Morde soll Wichmann verantwortlich sein. In einem Wald an der Kreisgrenze am Forsthaus Röthen starben zwei Paare.

Gegen Wichmann kann nicht mehr ermittelt werden, er hatte sich 1993 das Leben genommen. Da die Ermittler davon ausgehen, dass er einen Komplizen hatte, haben sie aus verschiedenen Gründen einen engen Verwandten Wichmanns ins Visier genommen. Der Mann bestreitet die Taten. Die Polizei hatte eine sogenannte Clearingstelle eingerichtet, in der mögliche weitere Taten gesammelt werden. Inzwischen sind bundesweit mehr als 200 Fälle eingegangen. Das bedeutet aber nicht, dass Wichmann tatsächlich für alle Morde in Betracht kommt, es werden lediglich Spuren abgeglichen.

"Ein Datum zu nennen, wäre Kaffeesatzleserei"

Allerdings mit mageren Ergebnissen. Sowohl von Polizei und als auch Staatsanwaltschaft heißt es, dass man bislang keinen Treffer gelandet habe. Gleiches gilt für einen weiteren Komplex. Die Ermittlungsgruppe Göhrde um ihren Leiter Jürgen Schubbert hatte im April 2018 Haus und Grundstück Wichmanns in der Vrestorfer Heide quasi auf links gedreht und rund 400 Asservate sichergestellt. Auch hier konnte bislang kein entscheidender Hinweis auf ein anderes Verbrechen entdeckt werden.

"Es stimmt nicht, dass die Ermittlungen vor dem Aus stehen", sagt Polizeisprecher Mathias Fossenberger. "Die Kriminaltechnik im Landeskriminalamt überprüft noch Asservate." Ähnlich äußert sich Wiebke Bethke. Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagt: "Wir können gar nicht absehen, bis wann das LKA die Spuren ausgewertet hat, das müssen wir abwarten. Ein Datum zu nennen, wäre Kaffeesatzleserei."

Die LZ hatte schon vor Monaten geschrieben, dass die Ermittlungsgruppe voraussichtlich im Laufe des Jahres 2020 einen Schlussstrich ziehen dürfte - eben weil man alle Hinweise abgearbeitet hat. Selbst wenn die sechs Beamten dann kein eindeutiges Ergebnis erzielen, ist das Verfahren nicht "tot". Es geht dann ins neu geschaffene Sachgebiet Cold Cases über, für das die Ermittlungsgruppe den Kern darstellt. Im Fokus der Fahnder steht eben der Verwandte Wichmanns, den sie als Komplizen sehen und der in einem Markt in der Region arbeitet.

Beide Teams arbeiten weiter

Würden Akten zugeklappt, "heißt das nicht, dass wir sie nicht wieder aufmachen", sagt Wiebke Bethke. Denn neue DNA-Verfahren oder Hinweise könnten dazu führen, dass es neue Indizien gibt, die gegen den Beschuldigten sprechen.

Dieses Verfahren rund um die Göhrde-Morde führt die Polizeidirektion Lüneburg. Die Inspektion ein Haus weiter hat zwei andere Ermittlungsgruppen eingerichtet. Dabei geht es um zwei Morde Ende der 1960er-Jahre. Im Tiergarten wurde die Hausfrau Ilse Gerkens erschossen, als sie nach nach Hause radelte. Später starb die Schülerin Ulrike Burmester. Das Mädchen wurde vergewaltigt, ihre Leiche lag später an der Elbe. Auch hier könnte Wichmann der Täter sein, allerdings herrschen daran Zweifel. Beide Teams arbeiten weiter, heißt es von Polizeisprecher Kai Richter. Doch es gebe keine konkreten neuen Ansätze.

Von Carlo Eggeling