Gerd Schlüschen (l.) und Harald Ahrendt haben seit 2015 mehr als 200 Fahrräder repariert. Foto: phs

Etwas mehr als eine kleine Werkstatt?

Vögelsen. Eigentlich war die LZ gestern mit Harald Ahrendt und Gerd Schlüschen in der Fahrradwerkstatt in Vögelsen verabredet, um über ihre akute Raumnot zu sprechen: Ehrenamtlich reparieren sie seit mehr als vier Jahren Räder für Flüchtlingsfamilien.

Eigentlich hatten die beiden schon kommen sehen, dass sie die Werkstatt an der Bardowicker Straße in wenigen Wochen räumen müssen – und sie mit Werkzeug, Fahrrädern und Ersatzteilen auf der Straße stehen. Doch just an diesem Tag verkündet der Eigentümer der Räume, Hans-Hermann Garbers, dass die beiden Rentner noch bis Jahresende in der Garage schrauben können. Für Flüchtlinge – ja, aber seit einiger Zeit auch für alle anderen bedürftigen Menschen in der Region.

Wer ein kaputtes Fahrrad zu Ahrendt und Schlüschen bringt, kriegt es zum Materialpreis repariert oder gleich ein gebrauchtes Neues zum kleinen Preis – jeden Donnerstag, von 15 bis 17 Uhr, sind die Garagentüren geöffnet. Was als Flüchtlingshilfe begann, richtet sich inzwischen an eine breitere Zielgruppe: Studenten, Rentner, einkommensschwache Familien. „Die müssten sonst auf ein Fahrrad verzichten, weil sie sich das nicht leisten könnten“, sagt Hobbyschrauber Gerd Schlüschen. Sein Kollege nickt: „Wenn ich von Hartz IV lebe – wie soll ich denn so eine Reparatur bezahlen?“

Konkurrenz für das Gewerbe

Flüchtlinge kommen in der Region immer seltener an. Immer seltener wurde daher in den zurückliegenden Monaten auch die Werkstatt aufgesucht. Über 300 Menschen kamen im Sommer 2015 in der Samtgemeinde Bardowick unter, rund 100 warten laut Rathauschef Heiner Luhmann im Augenblick auf eine Aufenthaltserlaubnis – 32 weniger als die Quote des Landes vorsieht. Die Fahrradwerkstatt nun auch für andere bedürftige Menschen zu öffnen, schien Ahrendt und Schlüschen da ein logischer Schritt zu sein.

Doch genau der birgt auch Probleme: Die Samtgemeinde könne das Projekt nur dann in gewohnter Weise unterstützen, wenn dieses nicht „am allgemeinen wirtschaftlichen Verkehr“ teilnehme, erklärt Luhmann. Die Verwaltung hatte bislang Räume und Kosten für die Versicherung gestellt. „Aber das Projekt ist schon ein bisschen mehr geworden als nur diese kleine Werkstatt“, sagt Luhmann, inzwischen könnte es womöglich als Konkurrenz für das Gewerbe empfunden werden. Ahrendt und Schlüschen sehen das anders: Ihre Kunden verfügten nicht über die finanziellen Mittel, sich Hilfe in einer professionellen Fahrradwerkstatt zu suchen, eine Konkurrenzsituation sei daher ausgeschlossen.

Verein „Lydias Haus“

Seit Herbst letzten Jahres ist das Angebot nun unter dem Dach des Vereins „Lydias Haus“ angesiedelt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Samtgemeinde den Mietvertrag für den Hof in Vögelsen, zu dem auch die Werkstatt zählt, aufgehoben. Dort waren 2015 rund 30 Flüchtlinge untergebracht worden – doch Kontrollen hätten ergeben, dass am Haupthaus umfangreiche Investitionen zu tätigen seien, erklärt Luhmann. Da habe sich die Samtgemeinde – auch mangels Bedarf – von dem Haus verabschiedet. Der Inhaber des Gebäudeensembles prüft derzeit eine mögliche Nachnutzung, etwa als Wohnprojekt, wird daher schon bald zeitaufwendige Renovierungsarbeiten durchführen lassen. Bis Ende des Jahres kann die Werkstatt also noch bleiben – was dann passiert, ist unklar.

Seit einem halben Jahr suchen Ahrendt und Schlüschen in Bardowick nach neuen Räumen für die Werkstatt: eine Doppelgarage, eine Scheune oder ein Stall – Hauptsache mit Stromversorgung. „Aber wenn die Leute 600 bis 700 Euro Miete haben wollen: Wie sollen wir das bezahlen?“, fragt sich Ahrendt. Schlüschen hofft weiterhin, dass es eine finanzielle Hilfe von der Samtgemeinde gibt.

Von Anna Petersen