Friedhelm Gerstenkorn mit seiner Frau Alice im heimischen Wohnzimmer – bis heute ein Treffpunkt für viele Breetzer. (Foto: phs)

Vergnügt durch ein arbeitsreiches Leben

Breetze. Wer Zeit seines Lebens in Breetze wohnte, hatte Zeit seines Lebens Glück. Denn er hatte Friedhelm Gerstenkorn. Der konnte Waschmaschinen reparieren und landwirtschaftliche Geräte wieder flott machen, Wände mauern und Teiche säubern, Feuer bekämpfen und Klettergerüste zimmern, zudem Haare schneiden und ordentlich feiern. Und auch wenn heute vieles nicht mehr so geht – die Lust am Leben hat der 91-Jährige noch lange nicht verloren.

91

Jahre ist Friedhelm Gerstenkorn inzwischen alt – hilft aber immer noch dort, wo es die Kräfte zulassen.

Bescheiden wohnt der siebenfache Urgroßvater gemeinsam mit seiner gleichaltrigen Frau Alice mitten im Dorf. Das gemütliche Haus habe er 1956 selber errichtet, erzählt der gelernte Schlosser und lacht, „dabei ist es aber nicht geblieben“. Der Sohn lebt in Göttingen, die Tochter in Tespe, ob Aufbau, Umbau, Ausbau oder Sanierung: Überall hat er mit Hand angelegt. „Es gibt nichts, was mein Vater nicht kann“, sagt Birgit Lederer. Und davon hat nicht nur die Familie profitiert.

Nach der Schule Kühe hüten

Geboren in Breetze, besuchte Friedhelm Gerstenkorn die örtliche Volksschule. Sieben Jahrgänge gab es damals, berichtet er, alle in einem Klassenraum, mit einem einzigen Lehrer – und der legte öfter mal Hand an: „Ich musste nach Unterrichtsschluss immer gleich unsere Kühe hüten, hatte abends dann keine Lust mehr zu den Hausaufgaben. Das wurde am nächsten Morgen mit dem Rohrstock bestraft“, erzählt der 91-Jährige und lacht. Den Weg in Lohn und Brot hat er dennoch gefunden.

Mit 13 ging er bei einem Schlosser in Bleckede in die Lehre, reparierte Fahrräder und Autos, wurde mit 16 noch eingezogen und diente kurz. Dann wechselte er zur OHE, für die er fast 40 Jahre lang Lokomotiven instand setzte – und nebenbei noch unzählige andere Aufgaben erledigte: Seit 75 Jahren ist er Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, war zu seinen aktiven
29 Zeiten als Maschinist tätig und sammelte zudem an den Haustüren der Fördermitglieder die Beiträge ein, acht Jahre lang fungierte er als Ortsvorsteher, „und das als bekennender
29 SPD-Anhänger in einem christdemokratisch dominierten Ort“, sagt er und grinst, blies zudem ein Vierteljahrhundert lang das Tenorhorn im Bleckeder Posaunenchor. Und half, wenn Hilfe benötigt wurde.

„Sonntags saßen die Breetzer dann hier und ließen sich von mir die Haare kürzen. Man musste damals eben improvisieren.“
Friedhelm Gerstenkorn

Birgit Lederer erinnert sich: „Der Großbauer im Dorf hatte einen Mercedes. Immer, wenn der kaputt ging, kam mein Vater und reparierte ihn. Dafür durften wir uns das schicke Auto dann ausleihen, wenn wir in den Urlaub fuhren.“ Wiederherstellen konnte Friedhelm Gerstenkorn aber auch Schlepper und Schiffsmotoren, er wechselte Zahnriemen an Fahrzeugen und Kohlespulen in Waschmaschinen. „Und noch heute versucht er, den alten Aufsitzrasenmäher wieder flott zu machen“, sagt seine Tochter amüsiert, „und der Bauer ruft immer noch an, wenn die Pumpe kaputt ist.“ Nur zum Haareschneiden kommt keiner mehr vorbei. „Ja, das Haareschneiden“, sagt der Senior und lacht.

Selbst einen Spielplatz hat er eigenhändig gebaut

Schon sein Vater hatte Zuhause die älteren Herren des Dorfes empfangen, um ihnen die Frisur zu richten, der Sohn hatte das dann irgendwann einfach übernommen. „Sonntags saßen die Breetzer dann hier und ließen sich von mir die Haare kürzen“, sagt Friedhelm Gerstenkorn schmunzelnd und weiß doch selbst gar nicht so genau, was ihn für den Job eigentlich qualifizierte. „Man musste damals eben improvisieren.“ So wie beim Spielplatz: Mit viel Liebe hat der Bastler mit Säge und Rohrbiegemaschine die Klettergerüste gefertigt. „Die entsprachen aber nicht der Norm, und mussten später wieder abgerissen werden.“

Bei all der Arbeit blieb aber immer noch genügend Zeit für das Vergnügen – und das ist Friedhelm Gerstenkorn noch immer wichtig. Seine Tochter weiß: „Er würde liebend gerne noch häufiger feiern, will meine Mutter aber nicht allein lassen. Denn die möchte das alles nicht mehr so.“ Deshalb beschränken sich seine Ausflüge auf Familienfeiern und die Knobelabende der Feuerwehr. „Spielen kann er auch gut – und hat meistens Glück.“ Friedhelm Gerstenkorn lacht.

Von Ute Lühr