Nadine G. (l., im gelben Pullover) wurde wegen gefährlicher Körperverletzung und besonders schweren Raubes zu drei Jahren Haft verurteilt. Ihr Mittäter Alexander K. (r.) wegen schweren Raubes zu zwei Jahren und neun Monaten Haft. (Foto: A/be)

Der Teufel im Innern

Lüneburg. Der Prozess gegen zwei Drogenabhängige, die andere Abhängige in ihrer Wohnung überfallen hatten, um an Rauschmittel zu gelangen, war nach dem Empfinden des Rechtsanwaltes Ralf Pagels „ein Lehrstück, was Drogen aus einem Menschen machen können“. Nach dem Urteilsspruch von drei Jahren Haft für Nadine G. und zwei Jahren und neun Monaten Haft für Pagels Mandanten Alexander K. nickten beide Verurteilten – vielleicht ein Zeichen, dass auch sie aus U-Haft und Prozess Lehren gezogen haben.

Drogenparty als schiefe Ebene

In ihrem bisherigen Leben war ihnen das nicht gelungen. Nadine G. (38) rauchte schon als Zwölfjährige Heroin auf Alufolie, vier Vorstrafen hat sie auf dem Kerbholz, unter anderem wegen Betrugs und Urkundenfälschung. Alexander K. (36) zahlte im Clamart-Park 1,50 Euro, um mit einer Rivotril-Tablette einer Realität zu entgehen, in der der aus Kasachstan stammende Mann keinen festen Stand fand. 16 Vorstrafen sammelte er an, die meisten wegen Diebstählen. Zuletzt war er im April 2019 vom Amtsgericht verurteilt worden, weil er in der Penny-Filiale an der Hindenburgstraße eine Dose Bier und eine Packung Chips gestohlen und sich mit dem Kaufhausdetektiv geprügelt hatte.

„Der Fall ist ein Lehrstück, was Drogen aus einem Menschen machen können.“
Ralf Pagel, Verteidiger

Eine mehrtägige Party mit reichlich Drogen und Alkohol machte die schiefe Ebene rutschig, auf der Nadine G. innerhalb weniger Stunden gleich in zwei schwere Straftaten schlidderte, wie die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer rekonstruierte. Noch berauscht traf Nadine G. am 17. Juli 2019 vor der Tür eine Nachbarin, die Unterschriften sammelte. Das Ziel: der Rauswurf von Nadine G.

Nach eigenen Worten „angepisst“ bepöbelte sie Bekannte, die an einem ihrer Treffpunkte saßen. Einem Mann schlug sie das Käppi vom Kopf, dieser würgte und trat sie. Daraufhin zerschlug Nadine G. die Bierflasche in ihrer Hand, stach dem Kontrahenten mit dem abgebrochenen Flaschenhals ins Bein. Das trug ihr nun eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung ein.
Wenige Stunden später machte sie sich mit zwei, namentlich angeblich nicht bekannten Deutschrussen auf, um ein befreundetes Ehepaar auszunehmen. Nadine G. vermutete hinter rosa Kissen und anderen Verstecken reichlich Benzodiazepine, also Beruhigungsmittel, die eigentlich der Entwöhnung von Morphin und Heroin dienen sollen, oft genug aber wegen des Rausches geschluckt werden, den sie liefern. Diese Aussicht bewog auch Alexander K. mitzukommen. Die marode Wohnungstür wurde eingedrückt, das Pärchen bedroht. „Gibt ne Kugel in den Kopf, wenn du nicht 50 Euro gibst“, habe einer der beiden noch nicht identifizierten Deutschrussen gesagt. Nadine habe ihn gedrängt, hatte Alexander K. ausgesagt, ihr sein Taschenmesser mit 8,5 cm Klinge zu geben. Als er sich weigerte, sei sie in die Küche gelaufen, um ein Messer zu holen und zu drohen.

Entzug als letzte Chance

Das Opfer Michael O. beschrieb Nadine während der Tat so: „Als wenn der Teufel in ihr stecken würde.“ Ein Teufel, dem sie sich offenbar nicht stellen wollte, denn den Messereinsatz bestritt sie bis zum Schluss vehement, obwohl alle Tatzeugen sie in diesem Punkt widerlegten. Dies brachte ihr noch mahnende Worte des Vorsitzenden Richters Thomas Wolter ein: „Ihr Bestreiten macht keinen guten Eindruck. Verdrängen aus Stolz verhindert Selbsterkenntnis und damit, dass Sie sich ändern.“ Mit hochroten Wangen hörte die Verurteilte zu, begehrte aber nicht auf wie oft zuvor, was Wolter versöhnlich stimmte: „Dass sie jetzt ruhig bleiben, ist ein gutes Zeichen.“

Derweil kämpfte Alexander K. während der Urteilsbegründung gegen den Schlaf an. In der U-Haft kommt er zwar ebenso wie Nadine G. nicht an Drogen und Alkohol, wird aber mit „Substitutionsmitteln“ behandelt, also Schmerz- und Beruhigungsmittel wie Methadon, die den Entzug erträglich machen sollen. Dennoch bekam er das richterliche Lob für sein „sehr beeindruckendes“ Geständnis und das besondere Bonbon des Urteils mit. Beide wurden nämlich zu einer zweijährigen Therapie in einer Entziehungsanstalt verurteilt. Gelingt ihnen dort der Absprung von den Drogen, wird der Rest ihrer Strafe auf Bewährung erlassen. Eine Aussicht, die sie und ihre Verteidiger – Cornelia Kofalk und Ralf Pagels – bewog, das Urteil zu akzeptieren, obwohl die Anwälte zuvor deutlich geringere Strafen gefordert hatten.

Wie nüchtern die 2. große Strafkammer des Gerichts die Chance bewertet, dass beide die Abwärtsspirale in ihrem Leben stoppen können, zeigt, dass das Duo bis zum Therapiebeginn in Haft bleibt. „Denn“, so Richter Wolter, „mit der Freiheit kommen Sie noch nicht klar.“

Von Joachim Zießler