Der Neue und der Alte: Baskal Yousef (l.) übernimmt die Geschäfte im Schallander von Manfred Vogt. (Foto: t&w)

Die Institution vom Stint

Lüneburg. Heute ist der Stint schick, Kulisse für unzählige Selfies, Dauerdrehort der Rote-Rosen-Crew, Lüneburgs Postkartenidyll. Das war vor vier Jahrzehnten ganz anders. Morgens kämpften die Männer von der Stadtreinigung gegen eine Flut von Plastikbechern auf dem Pflaster. Im Sommer standen Hunderte auf der Straße bei Bier, Wein und Limo. Tische und Stühle gab es nicht. Das Getränk bestellten die Gäste in den Kneipen, nahmen es mit raus, setzten sich auf die Stufen. Manfred „Manni“ Vogt war schon damals da. 1980 hatte er das Schallander übernommen. Er ist der dienstälteste Wirt der Meile. In der Silvesternacht feierte er noch als DJ mit ins neue Jahr, dann übernahm Baskal Yousef das „Glasbiergeschäft“. Damit endet eine Ära.

Damals war das Viertel derber, lange Haare, geflickte Jeans, abgewetzte Motorradjacken. In den 70er-Jahren gab es nur wenige Wirtschaften an der Straße mit dem Kopfsteinpflaster. Der Alte Kran war da, die Altdeutschen Bierstuben, inzwischen das Pons, die Pampelmuse, die dann Galerie hieß und heute Havn heißt. Die Brüder Winterberg eröffneten in einem Ladengeschäft das Schallander. So hieß der traditionelle Treff der Brauer, erinnert sich Hans Winterberg. „Damals waren Steakhäuser angesagt. Das haben wir zwei Jahre am Stint gemacht.“ Sie gaben das Lokal an Rolf Roßdeutscher ab, der das Potenzial der Straße erkannte, mehrere Gaststätten eröffnete und betrieb. Von denen trennte er sich, Manni Vogt übernahm das „Schalli“.Und damit eine Philosophie.

„Wir haben damals diskutiert, ob Soldaten bedient werden. Wurden sie nicht, es sei denn, sie hätten sich der Friedensbewegung angeschlossen.“ – „Manni“ Vogt

Die Zeiten waren links und friedensbewegt. Es ging um den Kampf gegen Aufrüstung und den sogenannten Nato-Doppelbeschluss. In der Kneipe arbeitete ein Kollektiv, Studenten, viele sehr politisch. „Wir haben diskutiert, ob Soldaten bedient werden“, erinnert sich der Wirt und grinst. „Wurden sie nicht, es sei denn, sie hätten sich der Friedensbewegung angeschlossen.“ Vogt hatte Verständnis und stand hinter der Entscheidung: „Ich hatte den Kriegsdienst verweigert, da war ich akzeptiert.“

Es war eine von ungezählten Diskussionen. Ich, der ich diese Zeilen schreibt, habe viele miterlebt. Ich habe ab 1982/83 neun Jahre lang im Schalli gekellnert und in der Küche gearbeitet. Es wurde endlos debattiert, wer welche Schichten übernehmen und wer überhaupt ins „Team“ durfte. Vogt sagt: „Die Mitarbeiter wurden sozusagen durchleuchtet, es musste passen.“ Es ging darum, wie sie sich politisch positionierten: gegen Atomkraft, gegen das Militär, mindestens kritisch gegenüber Kapitalismus und Staat.

Zum ersten Stintfest kamen 20 000 Leute

Die Studenten gingen, andere kamen. Vogt sagt: „Geblieben ist die Mitsprache. Auch heute diskutieren wir über Abläufe, über die Speisekarte. Ich wäre dumm, wenn ich das nicht nutzen würde. Junge Leute bringen Ideen mit, davon profitiere ich.“ Offenbar gefällt es auch denen, die hier jobben. Während andere Wirte klagen, weil sie keine Leute finden, sagt Vogt: „Wir haben im Service kein Problem.“

Vogt war immer ein Motor an der Meile. Mit anderen heckte er das Stintfest aus: „Das war wohl 1986. Beim ersten Mal kamen mehr als 20 000 Leute. Damit hatte keiner gerechnet.“ Eine der Formationen hieß Clowns & Helden, die Jungs um Carsten Pape wohnten im Landkreis und hatten gerade ihren Hit „Ich liebe Dich“ gelandet. „Die Bühne stand mitten auf dem Stint. Es war so voll, dass eine andere Band mit den Verstärkern nicht rankam. Die DLRG hat sie über die Ilmenau gefahren.“

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Fußball gucken im Schalli: Manni Vogt (r.) und Gäste fiebern bei der WM 2002 mit der deutschen Elf gegen Irland, Endstand: 1:1. (Foto: A/t&w)

Schweinetrogrennen, Tauziehen der Wirte gegen Gäste, Kleinkünstler. Die Szene feierte sich selbst. Umsonst und draußen. Die Wirte hatten sich im Verein Kneipe und Kultur zusammengetan und die gewaltige Party organisiert. Die wuchs über die Jahre, auch über den Fluss rüber zum Fischmarkt. Später machten nicht mehr alle Kneipiers mit, Vogt fand im inzwischen verstorbenen Alfred Heger, damals Kolumnist der Lünepost, und im Grafiker und Musiker Thomas Laukat zwei Unterstützer, um weiterzumachen. Kleiner irgendwann. Was einmal ein zweites Stadtfest war, entschlummerte über die Jahre. Die schiere Größe war nicht mehr zu machen, alle Kosten mussten über den Verkauf von Getränken und Essen hereinkommen.

Doch auch das Viertel hatte sich gewandelt. Das Hotel Bergström prägte das Karree, es kamen neue Anwohner, die zwar mitten im Leben wohnen wollten, aber bitte nicht zu laut.

Und noch etwas machte dem Stint zu schaffen: Die Verkehrsberuhigung, 1993/94 umgesetzt, schuf Konkurrenz; die Schröderstraße blühte auf. Ähnlich wie zwanzig Jahre vorher am Stint wurden dort aus Geschäften Kneipen. Vogt sagt: „Die Leute wollten etwas Neues.“ Der Stint hing durch. Vogt sagt: „Einige hatten Existenzängste.“ Nicht alle seiner Kollegen überlebten. Neue kamen, mit ihnen Ideen. Die beste hatte Vogt: Er überzeugte die Stadt, dass er Tische und Stühle auf die Stint-Terrasse bauen durfte, ließ ein Geländer auf die alte Kaimauer setzen. Später pflanzte er den Ponton in den Fluss. Es war der Moment, in dem Touristen Platz nahmen. Sie stellen heute die Mehrheit, nicht mehr die Lüneburger.

Gericht musste Streit um Platz an der Sonne klären

Konnte Vogt die Terrasse anfangs allein bewirtschaften, weil er die Kosten getragen hatte, kamen später auch andere Wirte zum Zuge. Es war eine Auseinandersetzung, die Juristen klärten. Nun ernten auch andere auf dem Platz an der Sonne. Die Straße profitiert, die Stadt profitiert.

Aber es ist eben nicht mehr die Straße der Lüneburger Jugend im Meer der Plastikbecher. Übrigens hatte Vogt auch da eine kleine Lösung: Er hatte damals Platten quasi als Tische auf die Rollmülleimer gesetzt: in der Mitte ein Loch, durch die Plastikbecher in der Tonne landeten. Später forderte die Stadt ein Pfandsystem: „Das war kein gutes Geschäft für uns, drei leere Gläser zurück, fünf neue für draußen. Da stimmte die Summe nicht immer.“ Es sei den Politikern weniger um die Umwelt gegangen, eher darum, die Stadtreinigung zu entlasten.

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Beim Stintfest (hier 2005) war stets die Hölle los. (Foto: A/be)

Heute ist die Straße in Tag und Nacht geteilt. Unter der Sonne touristisches Idyll, bei Mondschein sind andere in den Nachtkneipen unterwegs. Oft schon vorher angetrunken, Alkohol gibt es billiger am Kiosk. Schlägereien in bestimmten Kneipen oder vor der Tür. Die Polizei kann ein Lied davon singen. Die Stadt hat über Sperrzeiten nachgedacht, bislang geht es ohne.

Vogt, nun 68 Jahre alt, hat alle Wendungen der Meile erlebt. Die verändert sich stets. Waren die Gäste damals mit Knobi-Brot, Croque Monsieur und Bauernsalat mit Schafskäse aus der badelakengroßen Vorbereitungsküche zufrieden, wünschen sie sich jetzt saisonale Angebote aus der Region. Die Küche ist im ersten Stock, zehnmal so groß – statt einer „Küchenschabe“ werkelt dort nun im Sommer eine Handvoll Kollegen. Gehörten damals vielleicht 15, 20 Leute zum Team, sind es heute im Sommer gut 50.

Das „Glasbiergeschäft“ ist kein Kollektiv mehr, sondern ein gut organisierter Betrieb. Doch die Tradition bleibt. Stammgäste wie Pit, Jürgen, Else und manchmal ich sind geblieben. Es gibt Erinnerungen – an die Partys nach Art des Hauses, die Stammtische, die Fußballabende. Dazu legendäre „Kabinengespräche“ mit Fußballgrößen der Region. Oft Kumpels von Manni, der einst in der Eintracht spielte und dann lange nebenbei als Jugendtrainer Nachwuchstalente förderte.

Rückzug auf Raten

Aber der Wandel steht ständig vor der Tür. Vogt zeigt rüber zur Kaufhausbrücke, auf der im Sommer Dutzende sitzen, die Musik, Wein und Bier mitbringen. Was in Berlin und Hamburg Cornern heißt, nennt sich hier Bridgen. Der Wirt sagt: „Das sind vielleicht die Kunden von morgen.“ Es könnte eine Aufgabe seines Nachfolgers Baskal Yousef sein, eben die anzusprechen. „Aber das muss er selbst entscheiden.“ Der 30-Jährige kenne die Szene, er hat seine Ausbildung als Restaurantfachmann im Schalli durchlaufen, arbeitet seit fünf Jahren im Lokal.

Ganz allein ist er nicht. Im Vertrag haben die beiden geregelt, dass Manni ihm noch ein Jahr als Geschäftsführer zur Seite steht. Beratend, seine Kontakte nutzend. Von einem Lebenswerk verabschiedet er sich also nicht gleich ganz. Der Seniorchef, ein Wort, das er sicher nicht mag, möchte aber mehr Zeit mit seiner Familie verbringen, mehr Zeit auf dem Fußballplatz mit Nachwuchskickern. Und Kreta, seit Jahrzehnten seine Lieblingsinsel, will er noch besser kennenlernen, verrät Vogt und lächelt zufrieden.

Szenen vom Stint aus vergangenen Jahren

Lüneburger Kneipenlatein

Stammgast Reinhard liebte sein Guinness. Schön im Glas mit einem irischen Kleeblatt gezapft. Nun ging Reinhard nach diversen Bieren gern mal weiter. So wechselte er mit seinem Glas nach nebenan ins Café Flip. Nix für Tresenmann Ingolf. Der folgte mit einem Plastikbecher, schüttete das schwarze Bier in den Becher: „So geht das nicht, das Glas nehme ich mit.“

Arne ist Archäologe. Er kam nach Wochen von einem Einsatz in der Wüste zurück. An seiner Seite eine neue Dame. Kommentar des Kellners: „Wo hast Du denn die ausgegraben?“ Kam bei der Begleitung nicht so gut an.

Eine Legende war Fidel. Der zapfte 20 Bier vor, obwohl kein Gast da war: „Die kommen gleich.“ Dauerte dann doch noch eine Stunde. Schön war die Truppe, die pikiert forderte: „Können Sie mal die Aschenbecher leeren?“ Konnte Fidel. Unter deren Tisch. Fidel, eigentlich Wolfgang Tillmanns, war der Liebe wegen nach Lüneburg gekommen und ein Sprachengenie; er las Bücher auf Russisch, Französisch, Spanisch. Eines Abends saß eine Gruppe Japaner an der Theke und versuchte, auf Englisch und Deutsch Bier zu bestellen. Fidel antwortete auf Japanisch. Das überraschte eine der Frauen so, dass sie vom Stuhl fiel. Als Fidel – nicht wohlhabend, aber reich an Freunden –, starb, haben wir gesammelt, um seine Beerdigung zu finanzieren.

Von Carlo Eggeling