Donnerstag , 22. Oktober 2020
Svenja Marie Fürste über ihre Kinder: „Sie sagen weiterhin Papa zu mir, sie gehen mit mir in die Stadt oder im Park spazieren.“ Foto: t&w

Der lange Weg zum wahren Ich

Wichmannsburg. Lackierte Nägel, Schmuck an Handgelenk und Ohren, langes Haar – aber eine eindeutig männliche Stimme. Und Gesichtszüge mit leichtem Bartschatten, die nicht so recht passen wollen zu Bluse, Brüsten und Gebaren. Svenja Marie hieß vor gut einem Jahr noch Thomas. Seitdem hat sie einen Zusatzausweis, in dem der neue weibliche Vorname steht. Sie ist eine Transfrau: ein Mann auf dem Weg zur Frau. Ein langer und steiniger Weg.

Thomas wurde 1974 in Dannenberg an der Elbe geboren, ist in Lüchow aufgewachsen und zur Schule gegangen. Er war 12 oder 13 Jahre alt – am Anfang der Pubertät – als er merkte, dass er lieber ein Mädchen wäre. Beim Spielen mit der etwa gleich alten Tochter einer befreundeten Familie „haben wir die Rollen getauscht, auch die Klamotten“. Seiner Mutter hat Thomas damals erklärt: „Ich möchte Mädchenkleidung tragen. Weil ich mich darin wohler fühle.“ Das hat die Mutter vehement abgelehnt.

Doch das damals noch vage Gefühl, im falschen Körper zu leben, transident zu sein, blieb. Und es blieb sein Geheimnis. Thomas machte eine Ausbildung zum Schlosser, war zwölf Monate lang Pionier bei der Bundeswehr, arbeitete als Schlosser, verdiente sein Geld bei einem Pannendienst, einer Recyclingfirma, einem Schaustellerbetrieb. 2002 die Hochzeit, seine Kinder, zwei Mädchen und ein Sohn, sind heute 11, 13 und 18 Jahre alt.

Das Schlimmste war für ihn, allein damit zu sein

Leben konnte Thomas seine Transidentität in all den Jahren immer nur stundenweise. Wenn er allein zu Hause war, zog er sich Frauenkleider an, stand vor dem Spiegel und hatte „ein gutes Gefühl“, das Svenja Marie auch heute noch schwer in Worte fassen kann: „Geborgenheit vielleicht – es macht etwas sehr Positives mit der Seele.“ Davon zehrte Thomas dann bis zum nächsten Mal, „wenn es wieder sein konnte“ – oft haben Wochen dazwischen gelegen.

Das Schlimmste war für ihn, allein damit zu sein. Anvertraut hat sich Thomas in all den Jahren niemandem. Aus Unsicherheit, aber viel mehr noch aus Angst. Angst vor Demütigungen, wie sie ein früherer Kollege in einer ähnlichen Situation erlebt hat: „Ich war 18 oder 19 Jahre alt und in der Ausbildung in Lüchow“, erzählt Svenja Marie. „Er wurde ausgegrenzt und ausgelacht. Die Reaktionen der anderen waren so verletzend, dass ich mir damals gesagt habe: Das willst du nicht.“

Damals, Anfang der 90er-Jahre, hat das Transsexuellengesetz, das 1981 in Kraft getreten ist, noch ein Probejahr für Transfrauen und Transmänner vorgeschrieben. Männer, die eine Hormontherapie machen, ihren Namen ändern und das Geschlecht „weiblich“ in ihren Ausweis eintragen lassen wollten, mussten ein Jahr lang als Frau leben – öffentlich, in Frauenkleidern, mit Schminke, Schmuck und allem, was sonst noch dazugehört: „Das sollte mehr Sicherheit bei der Entscheidung geben.“

Seine Frau hat ihn zur Rede gestellt

Das Probejahr ist inzwischen abgeschafft. Das Gesetz soll grundlegend reformiert werden, doch die Neuregelung kommt seit Jahren nicht voran. Svenja Marie hat den „Alltagstest“ dennoch gemacht. Freiwillig, denn die Zweifel sind nie ganz gewichen: „Wenn man Hormone nimmt, verändert dies den Körper dauerhaft. Deswegen wollte ich das vorher ausprobieren.“

Vor gut einem Jahr hat Thomas die Probezeit als Svenja Marie begonnen, versteckt sich nicht mehr, trägt Frauenkleidung, Ohrringe, ihren neuen Vornamen – und kann endlich über ihre Transidentität reden. Den Zeitpunkt hat Thomas aber nicht selbst gewählt: Im Frühjahr 2018 hat seine Frau ihn zur Rede gestellt. Sie hatte Frauenkleidung und -unterwäsche entdeckt, die Thomas online bestellt und zwischen den kurzen Glücksmomenten sorgsam versteckt hielt.

„Ich war vollkommen unvorbereitet, habe anfangs Ausreden gesucht“, erinnert sich Svenja Marie. „Aber sie hat nicht locker gelassen, wollte das genau wissen. Es habe ein paar Tage gedauert, bis ich mich Stück für Stück öffnen konnte.“ Nein, schockiert habe seine Frau nicht reagiert, sie habe ja schon etwas geahnt. Auch sie habe dann einige Tage gebraucht, um die neue Situation zu verstehen und zu verarbeiten. Eins sei aber ziemlich schnell klar gewesen: „Eine Beziehung mit mir wollte sie nicht mehr. Weil sie nicht auf Frauen steht.“

„Ich bin eigentlich gar kein Mann“

Seit eineinhalb Jahren lebt das Paar getrennt: „Wir telefonieren häufig, haben eine freundschaftliche Basis. Wenn meine Frau etwas vorhat und es spät wird, schlafe ich dort und kümmere mich um die Kinder. Wir haben einen normalen Umgang – nur, dass man sich nicht mehr alles erzählt.“

Wie haben die Kinder reagiert? „Meine Frau und ich haben es ihnen gemeinsam erklärt.“ Für die 18-jährige Tochter ist die Transidentität des Vaters noch immer ein schwieriges Thema, sagt Svenja Marie: „Sie hat gerade die Pubertät hinter sich und ihre eigene Identität definiert – da kommt der Vater und sagt: Ich bin eigentlich gar kein Mann.“

Seine volljährige Tochter habe anfangs nur schwer akzeptieren können, dass der Vater „anders“ sei. Inzwischen sei sie aber nicht mehr so extrem ablehnend. Mit den beiden jüngeren Kindern sei es einfacher: „Sie sagen weiterhin Papa zu mir, sie gehen mit mir in die Stadt oder im Park spazieren. Auch für die Klassenkameraden scheint das zum Glück kein Problem zu sein – soweit ich das weiß.“

Normale Gespräche sind wieder möglich

Für viele Erwachsene ist es das durchaus. Von den Freunden und Bekannten, die Thomas hatte, ist für Svenja Marie „fast niemand mehr da“. Die meisten hätten sich zurückgezogen und zum Teil auch offen gesagt, dass sie „damit nichts zu tun haben“ wollten. Zwar haben sich mittlerweile einige der alten Freunde mal wieder gemeldet, nachdem sie „ein bisschen Zeit gebraucht“ hätten, normale Gespräche sind wieder möglich, „aber es sind nicht mehr die Freundschaften, die es mal waren“.

Nein, einsam sei sie nicht, sagt Svenja Marie. Doch ein Gefühl der Isolation klingt doch immer wieder durch in ihren Beiträgen in den sozialen Medien. So schrieb sie auf Twitter unter einem Foto, das den stimmungsvollen Lüneburger Weihnachtsmarkt zeigt: „Und dann stehst du da, zwischen all den Freunden und Verliebten … allein“.

Seit knapp drei Jahren arbeitet Svenja Marie bei einem Lüneburger Großhandelsunternehmen, liefert Speisen, Getränke, Bürobedarf aus. Der Arbeitgeber, die Kolleginnen und Kollegen und auch die Kunden wissen Bescheid. Probleme gab es bisher nicht. „Aber ich kann verstehen, dass sich einige damit schwertun, dass ich jetzt die Damen-Toilette benutze. Und wenn Kunden mit mir nicht klarkommen, kann es für meinen Chef natürlich auch schwierig werden.“

Einmal im Monat besucht sie eine Psychologin

Für den Nebenjob in einer Lüneburger Tankstelle hat sich die 45-Jährige als Svenja Marie beworben – und keinerlei Voreingenommenheit erlebt: „Die Stationsleiterin wollte nur wissen, wie sie mich ansprechen soll. Alles andere ist ihr egal. Und wenn es Probleme gibt, soll ich mich bei ihr melden.“ Ja, die Kunden gucken, einige tuscheln auch, „und wenn ich einen schlechten Tag habe, denke ich schon mal: Guck woanders hin. Aber ich verstehe auch, dass die Leute verunsichert sind“.

Seit Oktober 2018 ist Svenja Marie in professioneller Obhut. Auch das regelt das Transsexuellengesetz. Einmal im Monat besucht sie eine Psychologin, die ihr – als Voraussetzung für eine Hormontherapie – zunächst die Transidentität attestieren musste und sie jetzt auf dem weiteren Weg begleitet: „Es tut gut, jemanden zum Aussprechen zu haben, jemanden, der zuhört und auch konkrete Ratschläge geben kann.“ Sie habe sich in der Öffentlichkeit anfangs oft unsicher gefühlt, erzählt Svenja Marie. Mithilfe der Psychologin sei es ihr gelungen, dem „Spießrutenlauf“ zu entkommen. „Ich erschaffe mir ein Bild im Kopf, stelle mir einen sonnigen Tag in der Stadt vor.“ Mit dieser Vorstellung vor Augen könne sie die Blicke anderer Menschen komplett ausblenden – und damit auch ihre eigene Nervosität.

Ende September konnte Svenja Marie die Hormontherapie beginnen. Täglich reibt sie sich die Arme mit einem Gel ein, wie man es von der Ultraschalluntersuchung kennt. Es riecht wie ein Desinfektionsmittel, aber nur, bis es eingezogen ist. Das Östrogen muss sie bis an ihr Lebensende nehmen. Es wird den Körper langsam verändern: Der Bartwuchs lässt nach, die Gesichtszüge werden weicher, die Muskelmasse nimmt ab, das Körperfett verteilt sich anders und die Brüste wachsen. Aber es wird lange dauern, Monate, Jahre, bis sie den „Theaterbedarf“ im BH nicht mehr braucht.

Ihre Stimme verändert das Östrogen-Gel nicht

„Ich durchlebe noch einmal so etwas wie eine Pubertät“, sagt die Transfrau. Nur eben in weiblicher Form. Ihre Stimme verändert das Östrogen-Gel nicht. Um auch wie eine Frau zu klingen, trainiert sie ihre Stimmbänder bei einer Logopädin. Auch dazu wird sie wohl Jahre brauchen.

Frühestens nach anderthalb Jahren in Hormonbehandlung kann eine Transfrau eine sogenannte „geschlechtsangleichende Operation“ beantragen. Dabei werden die Hoden und Teile des Penis entfernt, aus verbliebenem Gewebe formen Chirurgen eine Vagina. Ein massiver Eingriff, an den die 45-Jährige durchaus „mit einem mulmigen Gefühl“ denkt – „aber die Freude auf das Ergebnis überwiegt“. Und im Moment ist sie sicher, dass sie das auch will. Im Januar wird sie die offizielle Namens- und Personenstandsänderung beantragen.

Offen über ihre Transidentität reden zu können, empfindet sie als „befreiend“. Das sei früher, in der Zeit der Ausbildung und den folgenden Jahren, undenkbar gewesen. „Heute darf man so leben wie ich. Es hat sich viel getan in der Gesellschaft.“ Und auch in der eigenen Familie. Svenja Maries Mutter sage heute: „Es ist dein Leben. Du musst damit glücklich sein.“

Von Klaus Bohlmann

Beratung in Lüneburg

Checkpoint Queer

Transidente oder transsexuelle Menschen fühlen sich ihrem biologischen Geschlecht nicht zugehörig. Man geht davon aus, dass einer von 100 Menschen betroffen ist. Daniel Masch von der Lüneburger Beratungsstelle Checkpoint Queer berät und begleitet knapp 100 Transmenschen aus dem Raum Lüneburg/Dannenberg/Uelzen. Kontakt: TransLG@checkpoint-queer.de