Philip Zlotos (vorn M.) schöpfte kurz vor Weihnachten Kraft im Kreise seines Teams für die zweite Operation. Die 2. Fußball-Herren des TSV Adendorf unterstützt ihren Teamkameraden und steht immer hinter ihm, hat extra für ihn diese Shirts drucken lassen. Foto: t&w

Zlotti ist im Kampf gegen den Krebs nicht allein

Adendorf. Als Philip Zlotos das Foto bei Instagram sieht, ist er tief berührt: Seine Fußballmannschaft steht aufgereiht mit dem Rücken zur Kamera auf dem Rasen. Jeder Spieler trägt ein weißes T-Shirt, auf dem hinten groß „Zlotti“ und eine 16 in schwarzer Schrift zu lesen sind – Philips Spitzname und seine Rückennummer bei der 2. Herren des TSV Adendorf.  Eine Geste, mit der sein Team ihm sagen will: „Wir stehen nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz zusammen.“ Und die ihm mental hilft: Seit Mitte September weiß der 28-Jährige, dass er an Hodenkrebs erkrankt ist. Nach drei Chemotherapien und einer zweiten Operation kurz vor Weihnachten erholte er sich während der Feiertage zu Hause. Die OP lief sehr gut, lässt er die LZ wissen.

Viel Respekt bei Instagram für seine Offenheit

Rückblende: Die Diagnose trifft Philip als er, wie er sagt, gerade auf der Überholspur ist, richtig Spaß am Leben hat. „Es lief an der Uni, parallel im Job und ich hatte gerade angefangen, mich in zwei Ausschüssen der Gemeinde Adendorf und im Fußballvorstand des TSV zu engagieren“, zählt Philip auf. „Und dann haut es dir komplett die Füße weg.“ Schnell fasst er einen Entschluss: Bevor die anderen reden, rede ich lieber selbst. „Du musst ja auf einen Schlag alle Termine absagen, klar kommen da Fragen auf und so habe ich die Krankheit publik gemacht.“ Auf seinem öffentlichen Instagram-Account teilt er seitdem Ängste und Sorgen, aber auch Hoffnungen, lässt seine Follower an jedem medizinischen Schritt seiner Krebs-Therapie teilhaben. „Ich bekomme dafür unglaublich viel Feedback aus ganz Deutschland. Vor allem Genesungswünsche, aber auch Fragen.“ Er freut sich über jeden weiteren Kontakt unter „philip_1602“.

Zlotos sieht Lücken in der Krebsvorsorge für Männer

Auch bei seinen Kumpels im Verein muss er kein Blatt vor den Mund nehmen. „Ich kann ihnen sagen, dass ich gestern im Bett lag und geweint habe.“ Harte Fußballer, weicher Kern, wird bei dem Treffen mit der Mannschaft in der Kabine des Vereinsheims Adendorf schnell klar. „Wir haben sehr viel Respekt dafür, wie er mit der Krankheit umgeht. Ich könnte das nicht“, versichert Trainer Mike-Philip Masanek.

Die Idee für das Foto kam nach dem Training beim Biertrinken. „Wir wollten symbolisch zeigen, dass wir zu ihm halten, egal was passiert“, ergänzt Matthias Einhoff. Für die gesamte Mannschaft steht fest: „Er setzt sich immer so viel für uns und den Fußball hier ein, das wollen wir ihm zurückgeben“, verspricht Masanek. Die Kicker sind es auch, die regelmäßig bei Philip vorbeischauen – im Krankenhaus oder Zuhause.

Eine Achterbahn der Gefühle

Philip Zlotos wirkt unglaublich optimistisch. „Ich bin ein sehr abgeklärter Mensch, versuche immer, alles zu verstehen, was da mit mir passiert. Das hilft mir“, versichert der Adendorfer. Er sieht große Lücken in der Krebsvorsorge für Männer (siehe Info-Kasten) und will nach seiner Diagnose unbedingt aufklären: „Mädchen gehen mit 14 Jahren zum Frauenarzt und ab dann regelmäßig zur Vorsorge“, zählt er auf, „und für Männer gibt es vor der Prostatauntersuchung ab 45 Jahren nichts, das ist viel zu spät. Man wird nicht sensibilisiert.“ Er weiß: Hätte er sich abgetastet, hätte man früher handeln können. Sein Aufruf bei Instagram zum Selbstcheck der Hoden hat einem Freund bereits geholfen. „Oft haben Männer ja auch ein Egoproblem mit dem Arztbesuch“, glaubt Philip.

Bei ihm sind es unerträgliche Bauchschmerzen, mit denen er Mitte September schließlich zum Arzt geht. „Die kamen ganz plötzlich an einem Wochenende, beim Ultraschall wurde dann tatsächlich etwas entdeckt“, erinnert sich der Fußballer. Zwei Tage später folgt die erste Operation, ein Hoden wird entfernt, kurz darauf startet die Chemotherapie. Seitdem erlebt Philip sowohl körperlich als auch seelisch eine Achterbahn der Gefühle. „An manchen Tagen denke ich schon darüber nach, dass die anderen feiern gehen und ich selbst keine Kraft habe.“

Die Tumormarker sind zurückgegangen

Doch alles in allem verträgt er die Chemo gut, drei Zyklen hat er bereits geschafft. „Das sind 63 Tage“, erklärt Philip. Zwischendurch darf er zum Krafttanken nach Hause. Und es zeigen sich erste ermutigende Erfolge: „Der Tumormarker ist zurückgegangen.“ Die Haare sind ihm durch die Therapie ausgefallen – doch er hat vorgesorgt. „Ich habe sie mir vorher schon auf vier Millimeter runterrasiert und als es richtig losging, den Nassrasierer angesetzt.“

Dass seine Fußballkumpels ihn für seine Glatze hochnehmen, kann er verzeihen. „Die dürfen frotzeln“, sagt er lächelnd. Denn eines ist für ihn klar: Neben seiner Familie weiß er, dass er auf diese Jungs zählen kann.

Von Kathrin Bensemann

Hodenkrebs ist selten, wächst aber rasant

Urologe rät zur regelmäßigen Selbstkontrolle

Hodenkrebs tritt in den meisten Fällen bei jungen Männern auf, etwa im Alter zwischen 18 und 40 Jahren - und ist eine eher seltene Tumorart. „Bundesweit liegt die Erkrankungsrate bei 1 zu 10.000“, erklärt der Lüneburger Urologe Dr. Henner Scheil. Ein Vorsorge-Programm gebe es nicht und sei auch schwierig. „Denn Hodenkrebstumore wachsen rasant, da müsste man vierteljährlich gucken.“ Deshalb rät er Männern, sich regelmäßig abzutasten und bei der geringsten Auffälligkeit zum Urologen zu gehen. „Meist ist da nichts, wenn aber doch, ist der Krebs im Frühstadium gut heilbar.“

Die Ursachen des Hodenkrebses sind wissenschaftlich noch nicht endgültig geklärt. Aber: „Es gibt durchaus Faktoren, die die Entstehung begünstigen“, erläutert Dr. Scheil. So hätten Männer, bei denen ein Hodenhochstand vorliegt oder vorgelegen hat, ein erhöhtes Krankheitsrisiko.