Bonjour Tristesse: Wegen der Reparaturen bleibt die Adendorfer Eishalle in diesem Winter leer. Für AEC-Geschäftsführer Finn Sonntag ist das ein harter Schlag. (Foto: t&w)

Viel zu viele Nackenschläge

Adendorf. Am 20. November musste Finn Sonntag einen Gang antreten, den er niemals machen wollte. Den zum Amtsgericht Lüneburg. In der Hand hatte er einen dicken Umschlag mit 35 Din-A-4-Seiten – der Insolvenzantrag für die Spielbetriebsgesellschaft, die den Geschäftsbetrieb der ersten Herren von Eishockey-Regionalligist Adendorfer EC regelte. Dieser war nötig geworden, weil die Gesellschaft den durch die defekte Eishalle in Adendorf bedingten kompletten Saisonausfall finanziell nicht überstanden hätte (LZ berichtete).

„Mir ging es schon die Tage vorher schlecht“, erzählt Sonntag, „als ich dann vor der Tür des Amtsgerichtes stand, war diese noch verschlossen. Ich war zu früh da. Dann habe ich den Umschlag in den amtlichen Briefkasten gesteckt. Auf der Rückfahrt war ich völlig down.“

In den letzten etwa 15 Jahren ist Leistungs-Eishockey im Herren-Bereich mit dem Namen Finn Sonntag fest verknüpft. Der Adendorfer war der Macher, der Motor. Ohne ihn, das kann man so kategorisch sagen, hätte der AEC bis zuletzt ganz sicher nicht in der Regionalliga gespielt. Er hat die Kader zusammengestellt, Gelder aufgetrieben, mit Sponsoren verhandelt, Kontakt zu den Verbänden gehalten, Werbung und Pressearbeit gemacht und, und, und. Es gab eigentlich nichts, was er nicht gemacht hat.

Noch vor wenigen Wochen, kurz vor dem eigentlichen Saisonstart, war Sonntag geradezu euphorisch. Nicht nur, weil die nächste Eiszeit vor der Tür stand, sondern auch, weil die Spielbetriebsgesellschaft fast frei von Verbindlichkeiten war, die Sonntag in den Jahren von 2012, als er in der UG die Geschäftsführung übernahm, bis jetzt durch maßvolles Wirtschaften abgebaut hatte – einige zehntausend Euro. „Wir hätten weitgehend unbelastet in die Saison gehen können“, erklärt er.

Beim Einkaufen kommt der Anruf vom Aus

Doch dann der erste Nackenschlag: fehlerhafte Chemie in der Kälteanlage. Nach dem ersten Schock das Aufatmen, nach einer Reparatur sollte die Saison Anfang Dezember beginnen. „Ich hatte innerhalb von zwei Tagen den neuen Spielplan fertig. Eigentlich war alles okay.“ Eigentlich, denn wenige Wochen danach kam das endgültige Aus: Korrosionsschäden an einem Druckbehälter der Kälteanlage – Saison-Aus. „Ich war gerade beim Einkaufen, als ich den Anruf bekam“, berichtet Sonntag, „ich war nur noch eine Hülle, bin sinnbildlich zusammengesackt.“

Natürlich hat sich Finn Sonntag in den Wochen seitdem gefangen. Aber wirklich gut geht es ihm, der den Eishockey-Sport in Adendorf lebt, immer noch nicht. „Die Arbeit für den AEC hat meinen Alltag geprägt. Ich bin morgens oft um sechs Uhr aufgestanden, habe den Laptop hochgeklappt und die Mails bearbeitet. Jetzt ist da gar nichts. Da wird man schon ein bisschen depressiv. Das Leben ist aus dem Takt“, sagt er.

Seitdem die Spiele in der Regionalliga und auch anderen Ligen laufen, ist er an den Wochenenden oft unterwegs, schaut sich Partien an. Tut das nicht weh mit Blick auf die eigenen Misere? „Nein“, anwortet er, „ich kann Eishockey schon genießen. Neulich war ich bei den Hannover Indians am Pferdeturm. Ganz viele Leute aus der Szene kamen auf mich zu und haben mich aufgebaut. Man trifft die Eishockey-Familie. Der Zuspruch tut gut.“

Wie es nun weitergeht, kann der 46-Jährige nur noch sehr bedingt beeinflussen. Er hofft, dass das Insolvenzverfahren nach Plan abgeschlossen wird und der AEC mit der jetzigen Spielbetriebsgesellschaft in der kommenden Saison weitermachen kann. Das aber haben nun der Insvolvenzverwalter und die Gläubiger in der Hand.

Gelänge es, die jetzige Gesellschaft zu erhalten, würde Sonntag als Geschäftsführer weitermachen. Juristisch spricht dagegen nichts, weil die Insolvenz durch höhere Gewalt verursacht wurde und nicht durch schuldhaftes Verhalten des Geschäftsführers. Im Falle einer Liquidation würde er für den Aufbau einer neuen Gesellschaft nicht zur Verfügung stehen: „Dann bin ich raus. Diese Gesellschaft, so wie sie sich jetzt darstellt, ist mein Baby. Jetzt bei null anzufangen, mit allem, was an Arbeit, Verhandlungen und bürokratischem Aufwand da drinsteckt, das wäre mir zu viel.“

Spielbetriebsgesellschaft ist sein Baby

Doch auch wenn Finn Sonntag immer noch etwas geplättet ist, er hat sein Feuer für das Adendorfer Eishockey längst nicht verloren: „Ich wäre nicht Finn Sonntag, wenn ich nicht weiterkämpfen würde. Ich habe hier schon Schlimmeres erlebt.“

Einen Regionalliga-Startplatz hat der niedersächsische Eissport-Verband (NEV) dem AEC schriftlich garantiert. Die Spieler, die jetzt in diversen anderen Vereinen spielen, um sich fit zu halten, wollen wiederkommen. Selbst die drei Kontingentspieler Geordie Wudrick, Cole Sonstebo und Eriks Ozollapa haben das signalisiert. Die Gemeinde Adendorf will die Eishalle erhalten und grundsanieren. Und zwischen den Zeilen lässt Sonntag während des Gesprächs durchblicken, dass er schon an bestimmten Rahmenbedingungen für eine neue Saison arbeitet, wenn das Insolvenzverfahren den entsprechenden Ausgang nimmt.

Wird also vielleicht doch noch alles gut? Sonntag zuckt mit den Schultern. „Ich hoffe es. Was ich aber sicher weiß, ist, dass wir uns bei unserem nächsten Heimspiel richtig was einfallen lassen würden.“

Von Matthias Sobottka