Mittwoch , 23. September 2020
Bundesweit und bis in die Schweiz wird vom Zweiten Deutschen Fernsehen die Christvesper in die deutschen Wohnzimmer übertragen – schon lange vorher wird in der Johanniskirche intensiv geprobt. (Repro: bol)

Schnee, Eis und ein Fernsehgottesdienst

Lüneburg. Frost und Schnee in und um Lüneburg. Aber das gibt es nicht in diesem Jahr, das gab es im Jahr 1969. Vor genau 50 Jahren durften sich die Menschen in Stadt und Landkreis über echtes Winterwetter freuen. Kurz vor den Feiertagen herrschte sogar klirrender Frost von bis zu minus 17 Grad Celsius. Die Elbe war zugefroren, Binnenschiffer saßen in den Elbehäfen fest, wie damals die Landeszeitung berichtete. Was war sonst noch los an Weihnachten vor genau 50 Jahren und fand den Weg in die LZ – wir haben es herausgesucht.

ZDF zeichnete Christvesper auf

„Das“ Ereignis des Heiligen Abends für die Stadt Lüneburg: Lüneburg ist im Fernsehen – heutzutage dank „Rote Rosen“ Normalität, 1969 noch etwas ganz Besonderes. Das Zweite Deutsche Fernsehen zeichnet um 18 Uhr die Christvesper in der St. Johanniskirche auf, um 22 Uhr wird der Gottesdienst deutschlandweit und sogar in die Schweiz übertragen.

Landessuperintendent Dieter Andersen hält die Predigt, die dann von Millionen Menschen im Land verfolgt wird, Kirchenmusikdirektor Volker Gwinner leitet die Kantorei, Helga Fromme den Kinderchor. Zum folgenden Gottesdienst um 23.30 Uhr muss die komplette Ausrüstung der Fernsehleute wieder entfernt sein, berichtet die LZ: Die folgende Predigt hält Horst Hirschler, damals Pastor in Lüneburg, später Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Über zahlreiche Weihnachtsfeiern berichtet die Landeszeitung in der Ausgabe von Heiligabend. Etwa über die der „ehemaligen Kriegsgefangenen“, die sich bei Halvensleben treffen. Auch über die Feier der „Stenografenjugend“, die im Haus der Jugend zusammenkommt, über des Fest der „Prövnerinnen“, der Stiftsbewohnerinnen, im St.-Benedikt-Stift und über das Fest der Schlesier in Dahlenburg, bei dem 50 Vertriebene dabei sind.

Noch übersichtlich ist das Fernsehprogramm des Jahres 1969 – Das Zweite zeigt an Heiligabend um 22 Uhr die Chrisvesper aus der Lüneburger St. Johanniskirche. Ebenfalls für Heiligabend angekündigt werden: „Wir warten aufs Christkind“ um 16 Uhr im Ersten, „Wenn die andern feiern…“ um 18 Uhr im Zweiten und ein Konzert mit dem Pianisten Vladimir Horowitz aus New York um 20.05 Uhr im Dritten.

Schwofen am 1. Weihnachtstag

Den Heiligen Abend zu Hause feiern – am 1. Weihnachtstag dann schwofen gehen – das scheint vor 50 Jahren noch mehr verbreitet als heute.

Über mehrere Anzeigenseiten werben Discos, Tanzlokales und Gäststätten um Gäste: Die „Los Serenados“ und „Don Roberto“ etwa hat der „Treff Hasenburg“ zum Weihnachtsball engagiert.
Beim Weihnachtsball der SV Eintracht im Lüneburger Schützenhaus spielen „the playboys“, in Mönchsgarten sorgen „Goofy, Jimmy, Horst und Bernd“ für Stimmung, „Die Domingos“ beim Feuerwehrball in Stoltes Gasthaus in Adendorf, die „Kokies“ in Rüter‘s Gasthaus in Salzhausen.

100 Zentner Briketts für Guten Nachbarn

Wer nicht so für das Tanzen ist, dafür lieber ins Kino geht, hat im Union, im Capitol und im Scala zur Auswahl: „Hurra, die Schule brennt!“, „Frankenstein sucht ein neues Opfer“ oder „Herzblatt. Wie sag ich‘s meiner Tochter?“. Und das Stadttheater bringt an Weihnachten „Die Blume von Hawaii“ und „Das Land des Lächelns“ auf die Bühne. Als Weihnachtsmärchen gibt es „Der gestiefelte Kater“.

So vieles ist anders im Jahr 1969 – geblieben ist: Schon vor 50 Jahren hat die LZ über die Hilfsorganisation „Guter Nachbar“ berichtet: 18 105,58 Mark waren bis Weihnachten auf dem Spendenkonto eingegangen – dazu von einer Lüneburger Firma 100 Zentner Briketts.

Von Ingo Petersen