Links: Ein Bild aus schweren Zeiten: Bis zu 163 Kilogramm brachte Dennis Bölte noch vor gut zweieinhalb Jahren auf die Waage. Rechts: Dennis Bölte aktuell beim Badminton: Sport ist eine Leidenschaft des 42-Jährigen. (Fotos: Hans-Peter Paschler/t&w)

Nur noch eine halbe Portion

Lüneburg. Domino-Steine, Trüffel-Pralinchen, Mandelsplitter oder anderer Süßkram, was nicht nur zu Weihnachten schmeckt, war eigentlich nie s eine Sache. Aber Herzhaftes, ordentlich Chips oder eine Bratwurst mit Pommes, gerne auch fettige Kloppse, das war ganz nach Dennis Böltes Geschmack. „Gerne viel und üppig“, räumt er ein. Das hatte Konsequenzen. Im Februar 2017 brachte der 1,68 Meter große Lüneburger stramme 163 Kilo auf die Waage. Doch innerhalb von zwei Jahren hat der 42-Jährige, der als Verlagskaufmann bei der LZ arbeitet, sein Gewicht halbiert. Der Weg, den er dabei gegangen ist, ist vielleicht Anregung und Ermutigung für andere Menschen. Zu sehen ist er auch in der Dokumentation „Weg mit dem Übergewicht“ im neuen Jahr auf 3sat.

Am Ende der Schulzeit habe er knapp 80 Kilo gewogen, erzählt Bölte. Während seiner zehn Monate bei der Bundeswehr legte er 20 Kilo drauf. Pommes mit Schnitzel oder Currywurst, viel Paniertes, auch mal als doppelte Portion. Dann passierte das, was viele Menschen mit Gewichtsproblemen erleben. Bölte versuchte einige Male, mit unterschiedlichen Diäten abzunehmen, die Kilos purzelten anfangs schnell, dann stagnierte die Abnahme – „und man verfällt in alte Gewohnheiten“. Sprich: Es wird wieder gefuttert – abends auch aus Langeweile, sagt er. Folge: Der Zeiger der Waage ging ständig wieder nach oben.

Beim Treppensteigen kam er schnell ins Schnaufen

Zu seinem Gewicht habe er immer gestanden, „ich habe ein gutes Selbstwertgefühl“. Was ihn aber zunehmend störte, war, dass er beim Treppensteigen schnell ins Schnaufen kam. Wandern in den Alpen, seine große Leidenschaft, war irgendwann nicht mehr möglich. „Und ich musste mir dauernd neue Klamotten fürs Motorrad fahren kaufen. Das war ärgerlich und teuer.“ Eher bedenklich waren auch für ihn: Blutdruck, Blutfettwerte, aber auch Insulinspiegel erhöhten sich, „wodurch das Diabetes-Risiko steigt“.

Dass er es aber jemals schaffen würde, richtig viel und langfristig abzunehmen, daran habe er irgendwann nicht mehr geglaubt. Sein Vater wies ihn auf einen Info-Abend im Lüneburger Klinikum hin, bei dem das Adipositas-Zentrum chirurgische Eingriffe zur Magenverkleinerung und das vorgeschaltete Konzept vorstellte. „Bei der Veranstaltung hat es Klick bei mir gemacht.“ Bölte sah eine Chance für einen Neustart. „Ich hatte das Gefühl, dafür lohnt sich ein Eingriff, denn danach verliert man erst einmal richtig Gewicht.“

„Ich habe mich dann für einen Eingriff angemeldet. Damit dieser von der Krankenkasse übernommen wird, muss man das sogenannte Multimodale Konzept mindestens sechs Monate durchlaufen, bestehend aus Ernährungsberatung, dem Führen eines Bewegungstagebuchs und einem psychologischen Gutachten.“ Bereits vor dem Info-Abend hatte er 5 Kilo abgenommen. Er aß weniger, ging schwimmen und fuhr mit dem Rad zur Arbeit. Die Ernährungsberaterin habe ihm maximal 1700 Kalorien pro Tag vorgeschlagen. Er beschloss außerdem, stärker auf proteinreiches Essen statt auf Kohlenhydrate zu setzen. Also mageres Fleisch, Fisch, dazu Gemüse als sättigende Mahlzeit zum Beispiel nach der Arbeit am Abend. Außerdem habe er wesentlich mehr Sport gemacht, weil‘s ihm Spaß machte zu radeln oder sich beim Aqua fit XXL auszutoben. Kalorien verbrennt man dadurch zwar nicht so viel, das zeigen Berechner auch im Internet auf – klarer Vorteil für Bölte war aber: „Ich habe danach bewusster gegessen, futtern aus Langeweile war nicht mehr.“ Der Lüneburger verlor weitere Pfunde.

Geplante Operation doch wieder abgesagt

Die Monate veränderten ihn gewichtsmäßig. Von vornherein war ihm jedoch bewusst: Weiter so wie bisher essen und dann darauf setzen, dass die OP es schon richten wird, kommt nicht in Frage. Für ihn war wesentlich, „dass man selbstverantwortlich seine Gewohnheiten umstellt“.

Im November 2017 erfolgte eine Magenspiegelung, die dem Eingriff vorgeschaltet ist. Bölte ließ sie machen – und sagte dann die OP ab. Mehr als 30 Kilo hatte er bis zu diesem Zeitpunkt verloren, für ihn stand fest: „Ich probiere erst einmal konservativ weiter abzunehmen.“

Auf 1800 Kalorien pro Tag hatte er sich „eingeschossen“, per Rechner im Internet ermittelt, was er und wie viel er essen darf. Dazu gehört schon Disziplin. In Sachen Bewegung und Sport drückte er richtig auf die Tube. Er spielte zweimal pro Woche Badminton, radelte täglich, zog seine Bahnen im Schwimmbad. Sein persönliches Erfolgsprogramm bescherte ihm zwei Etappensiege: Bis Ende 2017 nahm er 50 Kilo ab, im Jahr danach noch einmal 35 Kilo. Seither hält er sein Gewicht. Das steht ihm nicht nur gut, finden Freunde und Kollegen, sein Abnehmerfolg beschert ihm auch Glücksmomente: 2018 reist er seit Jahren erstmals wieder zum Wandern in die Berge. Oben auf einem Berg in den Pinzgauer Alpen angekommen, hat er nicht nur einen grandiosen Blick, „es ist auch phänomenal, dass ich den Auf- und Abstieg auf 2500 Meter wieder schaffe“. Oder mal flugs mit dem Rad nach Hitzacker hin und zurück, gut 100 Kilometer.

Eine ganz neue Lebensfreude

Ein Leben also mit Verzicht, Kalorien-Disziplin und Schweiß? „Ab und zu muss man sich schon etwas gönnen dürfen. Aber statt der Tafel Schokolade dann nur einen Riegel, statt einer ganzen Tüte Chips mal eine Handvoll.“ Essen habe für ihn einen anderen Stellenwert bekommen. „Man hat eine ganz andere Lebensfreude, wenn man sich wieder bewegen kann.“ An den Weihnachtstagen wird er beim Essen natürlich auch mal über die Stränge schlagen, dafür in den Tagen danach zum Ausgleich auf kleinere Portionen setzen.

Von Antje Schäfer

TV-Doku mit Bölte auf 3sat

Mehr als die Hälfte der Erwachsenen bundesweit ist übergewichtig, fast ein Viertel sogar krankhaft (adipös). Die Folgen können Gefäß- und Herzleiden, Diabetes, Bluthochdruck oder Gelenkerkrankungen sein. Konservativ abnehmen ist langwierig und erfordert Disziplin, eine Alternative können chirurgische Magenverkleinerungen sein. Hilfe bekommen Betroffene in Lüneburg unter anderem beim Adipositas-Zentrum im Klinikum. Kontakt: Stefanie Wirtz (04131) 772694

Die Dokumentation „Weg mit dem Übergewicht“ ist am Donnerstag, 9. Januar, 20.15 Uhr, auf 3sat zu sehen. Petra Cyrus stellt neueste Erkenntnisse und Therapien in der Adipositas-Forschung vor und begleitet Übergewichtige wie den Lüneburger bei ihrem Kampf gegen die Kilos, teilt der Sender mit. Im Anschluss, ab 21 Uhr, folgt der Wissenstalk „scobel – Übergewicht: Makel oder Krankheit“. Gert Scobel räumt mit Gästen Vorurteile über „dicke Menschen“ auf und hinterfragt die Normierung von Körpern in einer Gesellschaft, in der Perfektion alles ist.