Dienstag , 22. September 2020
Der Feuerteufel in Handschellen: Herbert Rademacher im Juni 1960 im Landgericht. Foto: mac

Ein feuriges Finale

Lüneburg. Die Stadt kommt nicht zur Ruhe über den Jahreswechsel 1959/60. Die Einbruchsserie und die Feuer stehen in einem Zusammenhang. Das wird den Ermittlern in ihrer Zentrale, dem ehemaligen Café Kuhl an der Apothekenstraße, langsam klar. Doch noch bringen sie die Spuren nicht zusammen. Dass der Überfall auf den Soldaten in der Scharnhorstkaserne, dem der Täter ein Schnellfeuergewehr abnimmt, auch dazugehört, ahnen sie nicht. Das Phantom Herbert Rademacher bewegt sich mit unheimlicher Sicherheit durch die Stadt.

Dieter Heidorn und Günther Chilian, zwei Feuerwehrmänner, die damals gelöscht haben, erinnern sich. „Ich kannte ihn vom Sehen“, sagt Heidorn, der damals fast in einem Alter mit Rademacher war. Aber dass er der Feuerteufel von Lüneburg sein könnte, daran habe er nicht gedacht.

Ein paar Wollreste, Streichhölzer. Voilà.

Heidorn muss bald wieder raus. Denn Rademacher setzt einen flammenden Schlusspunkt. Wieder muss es groß werden. Altes Kaufhaus, Soltauer Bahnhof, Ratsbücherei und die Krone – da hat der 19-Jährige bereits zugeschlagen. Nun wird es noch näher an seinem Zuhause an der Lüner Straße sein.

Der Viskulenhof erhebt sich mächtig an der Ilmenau. Ein mittelalterliches Handelshaus der Familie Viscule. Der Komplex dient einigen Firmen: Eine Maschinenstrickerei verdient ihr Geld, auch eine Schallplattenproduktion, Sämereien und Getreide lagern dort. Von gegenüber grüßt traurig die Brandruine des Alten Kaufhauses. Zwei Tage vor Weihnachten hatte Rademacher dort sein Unwesen getrieben.

Fünf Wochen später, am 27. Januar, steigt Rademacher in den Viskulenhof ein. Ein paar Wollreste, Streichhölzer. Voilà.

Beute scheint ihm dieses Mal egal. So sagt er es später aus. Ebenso, dass er aus seiner Dachkammer auf die Flammen blickt: „Das wurde schnell zu langweilig.“ Er habe sich ins Bett gelegt, der Schaden fiel nicht so aus wie gewünscht.

Denn in dieser Nacht sind Heidorn und seine Kameraden rechtzeitig zur Stelle, um zu löschen und den mittelalterlichen Schatz der Stadtgeschichte zu retten.

Wer steckt hinter all diesen Taten?

Die Polizisten an der Apothekenstraße hingegen kommen nicht voran. Wer steckt hinter diesen vielen Taten? Bande? Einzeltäter? Worin liegt das Motiv? Dazu Druck von oben, immer mehr. Überstunden, wenig Schlaf. Man kann sich das vorstellen, wie der Frust wächst. Mehr als 200 Spuren arbeiten sie ab, heißt es später in der LZ. Sie fügen das Puzzle nicht zusammen.

Kommissar Zufall kommt ihnen zu Hilfe. Doch der hat‘s zunächst schwer. Ein Betrunkener meldet sich ein paar Tage nach dem Brand: „In meinem Kleingarten ist ein Gewehr vergraben.“ Ja ja. Erst am Morgen entscheidet ein Kommissar: „Dem gehen wir nach.“ In der Kolonie finden die Beamten tatsächlich das Schnellfeuergewehr, das dem Soldaten abgeknöpft wurde und zudem den Bardowicker Münzschatz aus dem Museum. Eindeutige Verbindungen. Der Kleingärtner ist der Stiefvater Herbert Rademachers.

Durchsuchung an der Lüner Straße. Doch Herbert ist nicht zu Hause. Er bricht in der Nacht zum 5. Februar erneut bei DKW-Stein Vor dem Bardowicker Tore ein. Beute 30 Mark und Zigaretten, ein Auto bringt er wieder nicht in Gang. Frust und Allmachtsfantasie: Er tippt mit einer Schreibmaschine ein Bekenntnis: „Filen Dank, Fuertufel“. Die Polizei fügt Akten des Jugendamtes, Beweise und Ermittlungen zusammen. Endlich.

Großfahndung, bundesweit.

Herbert sitzt derweil mit seiner Schwester in einer Spelunke Am Berge. Hoch die Tassen. „Honkitonky“ nennen Lüneburger die „Johannisklause“, heute verkauft dort ein Schokoladengeschäft Süßes. Ein Streifenwagen fährt vor, Rademacher klettert aus dem Toilettenfenster. Da steht ebensowenig ein Polizist wie am Bahnhof. Bundesweite Fahndung? Rademacher löst eine Fahrkarte. Tschüs Lüneburg.

Rademacher, der das Militär so liebt, will zur Fremdenlegion, harte Einsätze für Frankreich. Am Rhein bei Kehl ist ein paar Stunden später Schluss. Bundesgrenzschützer Rudolf Leffner fällt der aufgeregte 19-Jährige auf. Er hält ihn fest und hört ein Geständnis: „Ich bin der Feuerteufel von Lüneburg.“ Die LZ druckt am 6. Februar ein Extrablatt. Da wird noch vermutet, dass Rademacher auch der Brandstifter sein könnte.

Die Feuerwehrleute Chilian und Heidorn erinnern sich, wie die Stadt aufatmete und mit welcher Spannung man auf den Prozessbeginn wartete. Am 12. Juni 1960 bleibt keiner der 120 Plätze frei in Saal 121 des Landgerichts. Draußen stehen die Menschen Schlange. Landgerichtsdirektor Holst führt die Verhandlung. Rademacher gibt sich cool, lächelnd erzählt er von seinen Taten, wie er nachts über die Dächer tänzelte – an allen Patrouillen vorbei. Einbrüche, Feuer. Überfälle.

Er fällt in der Schule auf, büxt aus

Ein Strafprozess bedeutet immer auch einen Blick auf den Lebenslauf des Angeklagten: Am 2. Juli 1940 geboren, der Vater stirbt im Krieg, die Mutter heiratet einen langjährigen Untermieter. Als Elfjähriger stiehlt er ein paar Tauben aus einem Schlag. Er fällt in der Schule auf. Fürsorgeerziehung nahe Melle, er reißt aus, wird verlegt, büxt wieder aus. Diebstähle, eine Verurteilung mit 14 Jahren, Vollzug in Vechta. Nächste Dieberei, wieder Vechta. Auch erste Brände soll er als Jugendlicher gelegt haben: Zwei Gartenlauben an der Ilmenau liegen in Schutt und Asche, um Einbruchsspuren zu tilgen.

53 Taten legt der Staatsanwalt Rademacher im Feuerteufel-Prozess zur Last. Plötzlich widerruft der Angeklagte seine Geständnisse. Er merkt, was ihm droht: lange, lange Knast. Er wird weinerlich. Gutachter kommen zu Wort. Am 4. Juli fällt um 20.04 Uhr das Urteil nach Erwachsenenstrafrecht: 15 Jahre Zuchthaus. Er hat Glück, dass sich keine Sicherungsverwahrung anschließt. Richter Holst hofft, dass die harte Strafe zu einer Einsicht führt.

Teil einer Ausstellung

Offenbar nicht. Einer der Gutachter hatte prophezeit, dass Rademacher gefährlich bleiben werde. Er wird Recht behalten.

Rademacher verbüßt mustergültig zwei Drittel seiner Freiheitsstrafe. Ein paar Monate in Freiheit, überfällt er am 18. August 1971 die Sparkasse in Halle bei Holzminden. Er schießt sich den Weg frei, entkommt zunächst mit 3780 Mark, wird gefasst. Das Urteil: neun Jahre Haft, dazu der Rest als Feuerteufel und anschließende Sicherungsverwahrung. Rademacher sitzt in Celle. Zeigt bei einem gescheiterten Ausbruchsversuch noch einmal, wie gut er klettern kann. Aber er bleibt hinter Gittern.

Bei der Lüneburger Feuerwehr ist Rademacher ein Teil der Ausstellung in dem kleinen Museum gewidmet. Chilian und Heidorn, die vor 60 Jahren beim Brand des Kaufhauses gelöscht haben, kennen die Geschichte. Sie ist bis heute nicht vergessen.

Von Carlo Eggeling

Tod mit 56 Jahren

Am Ende ein Leben als Lagerarbeiter

In drei Teilen hat die LZ über den „Feuerteufel von Lüneburg“ berichtet. Hedi Wegener hat noch weitere Informationen. Die ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete hat vor ihrem Einzug ins Parlament als Sozialarbeiterin gearbeitet. Sie leitete die Führungsaufsichtsstelle im Landgerichtsbezirk Lüneburg. Sie schildert: „Eine schwierige Rechtskonstruktion. Die bösen Buben der
29 Sicherungsverwahrung und Forensik bekommen auch heute noch eine spezielle Aufsicht und Kontrolle, deren Verstoß gegen die Auflagen sogar strafbewährt ist.“

Zu den „Kunden“ der Kirchgellersenerin gehörte auch Herbert Rademacher, der am Schluss in Celle einsaß. Dort soll der Mann, der die Ratsbücherei angesteckt hatte,– fast eine Ironie des Schicksals – die Bibliothek für die Häftlinge betreut haben.

Nach seiner Freilassung betreute Hedi Wegener den ehemaligen Brandstifter. Rademacher zog in einen Ortsteil von Eschede im Landkreis Celle. Sie sagt: „Er ist nicht wieder straffällig geworden.“ Er habe ihrer Erinnerung nach sein Geld als Lagerarbeiter verdient. Er habe geheiratet und mit seiner Frau und zwei Kindern zusammengelebt. Er sei überraschend im 1996 im Alter von 56 Jahren gestorben.

Zeitleiste

Sechs Wochen unheimlicher Spuk

  • 22. Dezember 1959 Einbruch und Brandstiftung im Alten Kaufhaus
  • 28. Dezember 1959 Einbruch und Brandstiftung im Soltauer Kleinbahnhof, Einbruch im Wandrahm-Museum
  • 29. Dezember 1959 Einbruch und Brandstiftung in der Ratsbücherei
  • 14. Januar 1960 Einbruch und Brandstiftung im Gasthaus „Zur Krone“ in der Heiligengeiststraße
  • 27. Januar 1960 Brandstiftung im Viskulenhof
  • 6. Februar 1960 Festnahme in Kehl am Rhein
  • 14. Juni 1960 Prozessbeginn am Landgericht Lüneburg
  • 4. Juli 1960 Verurteilung vor der Großen Jugendstrafkammer des Landgerichts Lüneburg zu einer Gesamtstrafe von 15 Jahren Zuchthaus.

Diese Aufstellung ist nur ein kleiner Teil der Straftaten von Herbert Rademacher, zuvor hatte er schon eine ganze Reihe von Einbruch-Diebstählen und kleinen Brandstiftungen begangen.

Teil 1: Brennende Geschichte

Teil 2: Das große Rätselraten