Mittwoch , 28. Oktober 2020
Vom 28. auf den 29. Dezember legt Rademacher einen Brand in der Ratsbücherei. Foto: mac

Das große Rätselraten

Lüneburg. Feuerwehrchef Heinrich Thiede ist schon in der Feuernacht klar: „Das riecht nach Brandstiftung.“ Doch wer das Alte Kaufhaus zwei Tage vor Weihnachten 1959 angesteckt haben könnte, da hat niemand eine Idee. Bis in den nächsten Tag ersticken die Feuerwehrleute Glutnester. Das 1308 als „Häringshus“ und 1741 von Stadtbaumeister Häsler erneuerte Kaufhaus ist ein Trümmerhaufen, lediglich die Barockfassade steht noch. Welch ein Verlust. Mit einer ironischen Komponente: Jahre später zieht die Feuerwehr von der viel zu engen Wache an der Katzenstraße um in einen Neubau, gebaut in die Ruinen des Alten Kaufhauses, die Wache zählt zu den modernsten im Land. Das ist eine andere Geschichte, aber ein Erbe Herbert Rademachers, des „Feuerteufels von Lüneburg“.

Der 19-Jährige legt binnen weniger Wochen verheerende Brände in der Stadt. Niemand hat ihn unter Verdacht. Ein Kleinkrimineller. Während Polizei und Stadtverwaltung rätseln, wer hinter der Tat steckt, hat der Brandstifter, der vis-à-vis an der Lüner Straße wohnt, seine 250 Mark Beute umgesetzt in Weihnachtsgeschenke. Seine Schwester bekommt Seife und schöne Düfte.

Einträge beginnen am 13. Mai 1959

Der Fürsorgezögling, wie es damals heißt, hat eine Menge auf dem Kerbholz, er ist vorbestraft. Als die Polizei später auf seine Spur kommt, findet sie ein blaues Notizbuch, darin hat er fein säuberlich notiert, worauf er stolz ist. Brandstiftungen, Einbrüche, Überfälle. 53 Taten. Die Einträge beginnen am 13. Mai 1959. Im Forst Tiergarten reichen Moos und Streichhölzer – 800 Quadratmeter Wald lodern.

So geht es weiter. 20. August: Einbruch ins Autohaus am Lambertiplatz, 750 Mark, Rademachers höchste Beute. Zwei Tage später Kaufhaus Hedemann, entdeckt, Flucht. Einbrüche in das Ibus-Werk in der Goseburg, die Werkskantine der Bundesbahn. 9. Oktober: Garbersbau. Er scheitert, als er einen Tresor aufschweißen will. Aus Ärger legt er ein Feuer, kein großer Schaden.

Skurril wirken Einbrüche wie am 15. November bei Opel-Storck an der Schrangenstraße. Die Beute: zwei Mark, Rademacher scheitert, als er ein Auto starten will. Nicht nur da, das passiert ihm öfter, vermutlich zehn Mal. Bei DKW-Stein arbeitet er sich eine Stunde an einem Wagen ab – im Schaufenster. Dann scheint ihn die Wut zu packen. An der Schrangenstraße zündelt er, ohne große Folgen.

Ein Polizist ertappt Rademacher

Die Polizei findet keinen Zusammenhang. Die beiden Feuerwehrmänner Günther Chilian und Dieter Heidorn, heute 87 und 78 Jahre alt, erinnern sich noch an einen Vorfall, der erst später bekannt wird und der Rademacher hätte stoppen können. Am 5. November steigt Rademacher Am Werder in das Angel- und Souvenir-Geschäft von Gisbert Höffgen ein. Ein Polizist erwischt den Ganoven – und unterschätzt ihn. „Komm mal mit auf die Wache!“, sagt er auf der Brausebrücke zu dem schmächtigen Bengel. Der tut folgsam, springt aber hinter den Polizeimeister und drückt ihm den Lauf einer Pistole in den Rücken. „Lass doch den Quatsch“, mahnt der Beamte. Rademacher sagt: „Marsch, weiter!“ Als der Polizist sich umdrehen will, drückt Rademacher ab. Der Schuss aus seiner Gaspistole geht daneben. Der 19-Jährige läuft davon. Der Polizist schweigt, alles kommt erst später ans Licht.

Die beiden Senioren grinsen noch heute, als sie davon erzählen. Doch das hält nicht lange an, sie haben die roten Nächte über Lüneburg nicht vergessen. Nicht einmal eine Woche nach dem Kaufhaus-Brand, in der Nacht vom 28. auf den 29. Dezember, schlagen gegen 1.20 Uhr erst Flammen aus dem Soltauer Bahnhof, heute liegt dort der Ilmenaugarten. Das bekommt die Truppe in den Griff. Doch die Feuerwehrleute wie Heidorn sind kaum aus den Stiefeln, dann beginnt eine Katastrophe: Feuer in der Ratsbücherei.

Große Schätze reihen sich in Holzregalen aneinander

Einsatzleiter Adolf Kruse sieht sofort, was los ist: Eine aufgeknackte Seitentür, durchwühlte Schreibtische. Brandstiftung. Rund 50.000 Bände stehen hier, aus dem Mittelalter bis in die Neuzeit. Dazu Musikalien. Nur ein Teil lagert feuersicher. Große Schätze reihen sich in Holzregalen aneinander. Nahrung für die gierigen Flammen. Löschschaum reicht nicht, Wasser marsch!

Büchereichef Gustav Luntowski und Museumsleiter Gerhard Körner raffen aus dem Haus, was geht. Bürger tragen Bücher ins Freie. Der Bundesgrenzschutz kommt. Major Rudi Happel lässt Reihen bilden, um triefende Bücher ins Freie zu bringen. Glück im Unglück: Die beiden unschätzbar wertvollen Sachsenspiegel, Rechtsbücher aus dem Mittelalter, werden gerade in einer Sonderausstellung im Gewandhaus im Rathaus gezeigt.

18.353 Bücher haben Schaden genommen, schreibt die Landeszeitung später. Die Versicherungssumme von 188.000 Mark ist zu gering. Das Stadttheater wird zur großen Trocknungshalle für die Werke. Nicht alles in dieser Nacht: Einbruch im Museum am Wandrahm – der Bardowicker Münzschatz und ein paar andere Sachen fehlen. Zum Teufel, was passiert gerade?

Durch das Gebälk zogen Patrouillen

„Es wurde immer aufgeregter in der Stadt“, berichtet Heidorn. „An öffentlichen Gebäuden wurden Wachen eingerichtet.“ Chilian ergänzt: „Am Rathaus stand ein Tanklöschfahrzeug, das Dach wurde von unten mit Taschenlampen abgeleuchtet.“ Durch das Gebälk des Verwaltungssitzes seien Patrouillen gezogen.

Regierungspräsident Krause, Oberbürgermeister Hillmer und Stadtdirektor Bötcher setzen 5000 Mark Belohnung aus. Die Polizei zieht mit einer Sonderkommission ins ehemalige Café Kuhl an der Apothekenstraße. In der Stadt herrschen Angst und Misstrauen. Heidorn sagt: „Jeder hat jeden skeptisch angeguckt: Bist du das?“

Obwohl überall Polizei unterwegs ist und jeder aufpasst, geht die Einbruchsserie munter weiter. Rademacher ist der Schatten, den keiner fasst. Er spaziert in ein Autohaus, eine Kneipe, die Sonnen-Apotheke. Dann, am 14. Januar 1960, ist die Krone dran. Drei Brandherde, die Feuerwehr rettet die Geschäftsführer-Familie Rengel mit ihrer kleinen Tochter mithilfe einer Drehleiter. Der 400 Jahre alte Komplex der Kronen-Brauerei leidet, überlebt aber. Die Stimmung wechselt von aufgeregt in hysterisch. In der LZ fordern Leserbriefschreiber eine Bürgerwehr und die Todesstrafe durch Erhängen. Was alles nichts hilft.

Wieder kommt die Gaspistole zum Einsatz

Rademacher muss die Tage sehr genießen. Er narrt alle. Am 20. Januar klettert er – wie wohl schon öfter – über einen Zaun der Scharnhorst-Kaserne, heute Universität. Das Militär reizt ihn. Das spielt später noch einmal eine Rolle. Dummerweise wollte ihn die Bundeswehr nicht, sogar die Nationale Volksarmee in der DDR lehnt den Bewerber ab, er könne sich erst als Arbeiter in der Produktion bewähren. In dieser Nacht trifft er auf einen Wachtposten. Den übertölpelt er. Wieder kommt die Gaspistole zum Einsatz. Ein Schuss, Rademacher schnappt sich das Schnellfeuergewehr des Mannes. Einen zweiten Soldaten verscheucht er mit der Waffe im Anschlag, er flieht unerkannt in die Anlagen am Bockelsberg.

Im Café Kuhl schieben die Polizisten die Teile hin und her. Einbrüche, Brände, ein Überfall. Leider fehlt ihnen der Polizeimeister, der seinen Überfall auf der Brausebrücke für sich behalten hat. Er könnte die Richtung weisen. So bringen die Beamten das Puzzle nicht zusammen.
Und Rademacher? Fühlt sich wahrscheinlich unantastbar. Macht weiter. Ein paar Tage hat er noch. Es brennt wieder.

Von Carlo Eggeling

Teil 1: Brennende Geschichte

Serie

Der Feuerteufel von Lüneburg

In einer dreiteiligen Serie erinnert die LZ an eine unheimliche Brandserie, die am 22. Dezember 1959 begann.

Der 19-jährige Herbert Rademacher wurde im Sommer 1960 verurteilt, die Brände gelegt zu haben. Neben dem Alten Kaufhaus gehören die Ratsbücherei, die Krone an der Heiligengeiststraße, der Soltauer Bahnhof An der Wittenberger Bahn und der Viskulenhof zu den Tatorten. Dazu kommen weitere kleine Brände, eine Reihe von Einbrüchen und der Überfall auf einen Bundeswehrsoldaten, dem Rademacher sein Schnellfeuergewehr wegnahm. Der Schaden wurde damals auf drei Millionen Mark geschätzt, vermutlich eher zu niedrig.

Rademacher sagte damals bei der Polizei und vor Gericht sehr detailliert aus, in einer Kladde hatte er zudem seine Taten dokumentiert. Die Serie beruht auf Gesprä-chen mit Zeitzeugen, einige Treffen liegen schon lange zurück, vor allem aber auf Artikeln aus dem Archiv der LZ. Herausragend zu nen-nen ist eine packende Dokumentation von Helmut Pless, die der ehemalige Chefredakteur unter dem Namen Claus Heinrich veröffentlicht hat.