Freitag , 25. September 2020
Die Menschen starren wie gebannt auf das riesige Feuer, das den Alten Hafen gespenstisch erleuchtet. Der Täter, Herbert Rademacher, sagte später: „Ich brauchte Geld, weil ich für die Familie etwas zu Weihnachten kaufen wollte“. Er fand nicht viel. Aus Wut zündelte er. Foto: mac

Brennende Geschichte

Lüneburg. Es ist ein kalter Abend im Wasserviertel. Adventlicher Lichterglanz fällt vom Alten Kaufhaus auf die Ilmenau. Zwei Tage vor Heiligabend, 22. Dezember 1959. In dem 88 Meter langen Bau mit seiner Barockfassade liegt das Ostpreußische Jagdmuseum. Forstmeister Hans-Ludwig Loeffke erledigt noch Korrespondenz, zu den Füßen sein Dackel Marjellchen. Ein Stück weiter arbeitet Goldschmiedemeister Professor Herbert Zeitner. Die beiden hat der Krieg nach Lüneburg gespült. Zeitner fertigt Schmuck, vielleicht kann er vor Weihnachten noch etwas verkaufen – das Wirtschaftswunder beschert den Menschen gut gefüllte Portemonnaies.

Das Haus, in dem die Stadt von alters her Handel treibt, beherbergt auch die Ateliers von Harald Illies, Sohn des verstorbenen Malers Arthur Illies. Viele Bilder stehen dort. Dahinter liegen Lagerräume. Der Naturwissenschaftliche Verein behütet seinen Fundus, Museumschef Gerhard Körner hat Teile seiner Sammlungen ausgelagert. Noch immer leidet das Haus am Wandrahm unter den Folgen der Bombardierung in den letzten Kriegstagen. Dazu hat ein Betrieb Holz gestapelt, eine Spedition nutzt hier Räume. Und in deren Schreibtisch steht die sogenannte Wiegekasse. Beute.

Der Grund, dass sich das adventliche Idyll gleich in ein Inferno verwandelt. Das ist 60 Jahre her und markiert einen der größten Kriminalfälle der Stadt. Einen, dessen Auswirkungen sich bis heute im Stadtbild erahnen lassen. Der damals die Stadt beben ließ. Um es in einem alten Bild zu sagen: In jedem Haus war die Angst zu Hause, dass ein unheimlicher Feuerteufel den roten Hahn aufs Dach setzen könnte.

Die Feuerwehr hatte den Kampf gegen die Flammen verloren. Das Alte Kaufhaus ist niedergebrannt. Foto: mac

Einer der größten Kriminalfälle der Stadt

An diesem Abend klettert ein Schatten an einem Blitzableiter empor, bis zum First des Spitzdaches. Eine Meisterleistung. Der Frost macht alles spiegelglatt, beißt in den Finger. Der Unbekannte gleitet durch ein offenes Fenster ins Haus. Geschafft.

„Ich brauchte Geld, weil ich für die Familie etwas zu Weihnachten kaufen wollte“, wird der Mann später sagen. Schmuck bei Zeitner, die Kasse der Spedition. Er schleicht über Stiegen und Flure. Eine Taschenlampe weist ihm den Weg, obwohl er das Gebäude gut kennt, er wohnt um die Ecke, hat hier als Kind gespielt. In der Wiegekasse findet er 250 Mark. Einbrecher Herbert Rademacher bebt vor Wut. So wenig! Ein Witz! In diesem Moment dürfte eine Grenze fallen. Er hat schon vorher gezündelt, doch nun will er offenbar mehr: Ein Streichholz, zwei Blatt Papier, das Holzlager. Das Inferno beginnt.

Zeitner in seiner Werkstatt bemerkt den Rauch, brüllt „Feuer!“ Marjellchen jault, Loeffke weiß, was Sache ist: Qualm. Nebenan im Staatshochbauamt macht Hausmeister „Kalli“ Ahrens seinen üblichen Kontrollgang. Er sieht gegenüber den Feuerschein und greift zum Telefon. Alarm! Herbert Rademacher hat das Haus verlassen. Er guckt zu, was geschieht.

„Ich bin dann mit ‚Oma‘ als zweitem Auto zum Stint“

Dieter Heidorn wohnt an der Bardowicker Straße. „Bei mir ging die Glocke“, erinnert sich der heute 78-Jährige. Damals lief ein Alarmierungssystem per Draht in die Häuser der Feuerwehrleute. Wer genau hinschaut, kann das Erbe an manchen Gebäuden noch erkennen: kleine rote Isolatorenkappen. Heidorn, frisch in der aktiven Wehr, schwingt sich auf sein Rad, strampelt zur Wache an der Katzenstraße. Dort, wo nun das Mosaique zu Hause ist, und im Wall Hinter der Bardowicker Mauer stehen die roten Wagen. „Ich habe schon gerochen, dass es brannte. Ich bin dann mit ‚Oma‘ als zweitem Auto über den Stint angefahren.“ Oma heißt der alte Tanker, weil nur ein sehr schwacher Motor brummt. „Die Flammen kamen schon aus dem Dach.“

Günther Chilian und sein Vater kämpfen auch an der Kaufhausstraße. Der heute 87-Jährige, zu Hause an der Henningstraße, stürmt unter feuerrotem Himmel los. Er weiß noch „wie wir Bilder vom Illies rausgeholt haben“. In der engen Straße ist es höllisch heiß: „Wir haben den Wagen zurückgenommen, auf der Motorhaube hat der Lack Blasen geworfen. Und wir hatten nicht die Technik von heute. Die Fahrzeuge: Vorkriegsmodelle. Auch nicht so einen Atemschutz.“
Sie stehen in der Gluthitze und können nur die Häuser gegenüber des Kaufhauses kühlen. Wasser, Wasser, Wasser.

Heidorn atmet noch heute hörbar auf: „Wir hatten Glück mit dem Ostwind. Wäre das anders gewesen, wäre alles Am Werder weggewesen. So zogen die Funken rüber zum Viskulenhof.“ Mit Wassereimern verhindern zunächst die Nachbarn Schlimmeres. Und nicht nur da: „Die Kleingärtner am Moldenweg haben ihre Lauben mit Wasser besprüht gegen den Funkenflug.“

Zum Glück konnte die Feuerwehr die umliegenden Häuser vor dem Brand bewahren. Foto: mac

Auch Wasserkanonen aus Hamburg helfen nicht

Kreisbrandmeister Heinrich Thiede, eine Legende, weiß, welchen Kampf er seine Männer kämpfen lässt. In der engen Stadt darf das Feuer nicht ins Laufen geraten. Das ist bis in unsere Tage die größte Herausforderung für die Helfer, etwa als das Lösecke-Haus 2013 brannte und Bagger den Komplex abrissen, um Nachbarhäuser zu bewahren.

Thiede, der Tischlermeister aus der nahen Lünertorstraße, der Kreisbrandmeister heißt, weil die Stadt noch kreisfrei ist, hat eine Drehleiter an der Barockfassade positioniert, er bekommt in der Nacht Hilfe aus den Orten um die Stadt, aus dem Landkreis Harburg, Wasserkanonen aus Hamburg. Zu spät: Als Dach und Decken des Kaufhauses einstürzen, das Feuer Luft zieht, hat Thiede den Kampf verloren. Die Feuerwehrmänner können nur alles drum herum vor den Flammen bewahren.

Das schaffen sie. Sie arbeiten auf einer Bühne. Das Spektakel lassen sich die Lüneburger nicht entgehen. Die Generation Selfie hatte ihre Ahnen: Blödmänner, die im Weg stehen, die Arbeit behindern, Sprüche machen. Sie alle ahnen nicht, dass es der Auftakt ist für jemanden, der nun seine Berufung gefunden zu haben meint: Herbert Rademacher.

Er wird die Stadt fünf lange Wochen in Atem halten. Es wird brennen. Dass es einen Zusammenhang gibt, erkennt die Polizei erst nach und nach. Auf Rademacher kommt sie erst spät. Durch einen Zufall.

Zeitleiste: Sechs Wochen unheimlicher Spuk

■ 22. Dezember 1959 Einbruch und Brandstiftung im Alten Kaufhaus
■ 28. Dezember 1959 Einbruch und Brandstiftung im Soltauer Kleinbahnhof, Einbruch im Wandrahm-Museum
■ 29. Dezember 1959 Einbruch und Brandstiftung in der Ratsbücherei
■ 14. Januar 1960 Einbruch und Brandstiftung im Gasthaus „Zur Krone“ in der Heiligengeiststraße
■ 27. Januar 1960 Brandstiftung im Viskulenhof
■ 6. Februar 1960 Festnahme in Kehl am Rhein
■ 14. Juni 1960 Prozessbeginn am Landgericht Lüneburg
■ 4. Juli 1960 Verurteilung vor der Großen Jugendstrafkammer des Landgerichts Lüneburg zu einer Gesamtstraße von 15 Jahren Zuchthaus.

Diese Aufstellung ist nur ein kleiner Teil der Straftaten von Herbert Rademacher, zuvor hatte er schon eine ganze Reihe von Einbruch-Diebstählen und kleinen Brandstiftungen begangen.

Serie
Der Feuerteufel von Lüneburg
In einer dreiteiligen Serie erinnert die LZ an eine unheimliche Brandserie, die am 22. Dezember 1959 begann.

Der 19-jährige Herbert Rademacher wurde im Sommer 1960 verurteilt, die Brände gelegt zu haben. Neben dem Alten Kaufhaus, gehören die Ratsbücherei, die Krone an der Heiligengeiststraße, der Soltauer Bahnhof An der Wittenberger Bahn und der Viskulenhof zu den Tatorten. Dazu kommen weitere kleine Brände, eine Reihe von Einbrüchen und der Überfall auf einen Bundeswehrsoldaten, dem Rademacher sein Schnellfeuergewehr wegnahm. Der Schaden wurde damals auf drei Millionen Mark geschätzt, vermutlich eher zu niedrig.

Rademacher sagte damals bei der Polizei und vor Gericht sehr detailliert aus, in einer Kladde hatte er zudem seine Taten dokumentiert. Die Serie beruht auf Gesprächen mit Zeitzeugen, einige Treffen liegen schon lange zurück, vor allem aber auf Artikel aus dem Archiv der LZ. Herausragend zu nennen ist eine packende Dokumentation von Helmut Pless, die der ehemalige Chefredakteur unter dem Namen Claus Heinrich veröffentlicht hat.

Von Carlo Eggeling