Sonntag , 25. Oktober 2020
Eberhard Schlabach verkauft seit 40 Jahren selbst gefertigte Kerzen. Sein Spitzname: Kerze. Eine richtige kleine Farm hat er beisammen. Dieses Jahr neu: Wolf, Schwan und Tucan. Foto: geo

Der Mann, den sie „Kerze“ nennen

Lüneburg. Dieses Jahr sind es die Schindeln auf seinem Dach. Einige Tausend Euro hat ihn die Investition gekostet. Doch selbst wer wie Eberhard Schlabach über Jahrzehnte hinweg einen Stand auf dem Lüneburger Weihnachtsmarkt vor dem Rathaus betreibt, muss sich jedes Jahr neu ins Zeug legen, um mit seiner Bewerbung einen der begehrten Plätze zu ergattern.

„Ich habe Glück“, sagt „Kerze“, wie seine Freunde Eberhard Schlabach nennen. „Ich kriege meinen Stand bisher jedes Jahr wieder.“ Der 64-Jährige zählt zu den Dinosauriern im Kunsthandwerkergewerbe Norddeutschlands. Seit 40 Jahren verkauft er seine handgemachten Kerzen auf Weihnachtsmärkten, um die 35 Jahre davon in Lüneburg. „Heute kommen Mütter mit ihren Kindern, die schon als kleine Mädchen mit ihren Eltern bei mir gewesen sind“, erzählt er.

Trotzdem: Wie jeder andere auch muss Schlabach jedes Jahr bis zum 28. Februar seine Bewerbung im Rathaus einreichen. Zwei Mitarbeiter prüfen jeden Interessenten unabhängig voneinander, und wer die meisten Punkte laut Vergaberichtlinien der Weihnachtsmarktsatzung bekommt, gewinnt.

Richtlinien werden von Jahr zu Jahr strenger

Die Kugeln zum Beispiel und die Engel an den – selbstverständlich echten – Tannengirlanden rund um seine Verkaufshütte bringen Punkte. Einen Bonus in der Bewertung bringt auch die Kerzenwerkstatt wochentags zwischen 12 und 17 Uhr für Kinder: Dort können sich die Kleinen Motive wünschen, Schlabach knetet sie dann vor ihren Augen.

Sich gar nicht erst zu bewerben braucht jemand, der Lauf- oder Blinklichter plant, selbst Lichtschläuche sind verboten. Eiszapfen, Winterzweige, Tannenbäume, Schneeflocken oder Schneematten aus Kunststoff, Schaumstoff oder Fließ – verboten. Werbung für Rabattaktionen – verboten. Schriftzüge auf Planen – verboten. Fahnen oder Banner – verboten. Bunte Beleuchtungen sind nur einer einzigen Anbieter-Kategorie erlaubt: den Kinderfahrgeschäften.

Eberhard Schlabach verkauft seit 40 Jahren selbst gefertigte Kerzen. Sein Spitzname: Kerze. Eine richtige kleine Farm hat er beisammen. Dieses Jahr neu: Wolf, Schwan und Tucan. Foto: geo

„Im Sommer kann ich meine Kerzen nicht verkaufen“

Pluspunkte dagegen bringt die Dekoration mit mindestens drei verschiedenen Weihnachtsschmuckelementen wie Kugeln, Tannenzapfen, Schleifen und Sternen, aber bitte nur in den Farben Gold, Silber und maximal einer dritten Farbe. Besonders gern sieht es die Stadtverwaltung, wenn die Preisschilder im selben Braunton wie die Außenfassade gehalten sind und ausschließlich in Rot und Weiß beschriftet. Seit Einführung des Punktekataloges 2010 werden die Richtlinien immer weiter konkretisiert, also strenger.

Die Betreiber passen sich an. Auch „Kerze“. Denn einmal nicht das Los zu ziehen, wäre für den Kleinunternehmer ein Desaster. Die vier bis fünf Wochen ab Ende November sind schließlich die einzigen Wochen im Jahr, in denen er Geld verdient. „Im Sommer kann ich meine Kerzen nicht verkaufen“, sagt der 64-Jährige. „Da ist es einfach zu warm.“ Und etwas anderes als Kerzen verkauft „Kerze“ eben nicht.

Sein Geschäft funktioniert so: Im April muss Schlabach entscheiden, was er bei den Großhändlern einkauft, um es im Dezember zu veräußern. Denn ausschließlich mit selbst gemachten Kerzen lässt sich nicht wirtschaften bei Lohnkosten von 11 Euro pro Stunde für die Verkäufer, einigen Tausend Euro für Auf- und Abbau sowie Standgebühren, ein paar Hundert Euro für Strom und den Tausender an den Schaustellerverband plus die Standgebühr von 90 Cent pro Tag und Quadratmeter. Imbisse und Getränkestände zahlen übrigens mehr: mindestens 2,55 Euro.

Den Sommer verbringt „Kerze“ unter der Woche in seiner Werkstatt, am Wochenende bei seinem Segelverein auf Fehmarn. Ende Oktober müssen alle Kerzen, alle Leuchtgläser und Porzellan-Windlichter gepackt sein. Ende November ist Aufbau, der Dezember bietet 15-Stunden-Tage und einen Kredit von mehreren 10 000 Euro, auf denen Schlabach für die Händlerware sitzt. Den zahlt er im Januar zurück.

Am Ende bleiben ihm wohl um die 2000 Euro im Monat

Der erste Monat des Jahres geht für Papierkram drauf, die Gewinn- und Verlustrechnung, die Lohnbuchhaltung. „Im Januar sehe ich, wie viel Geld ich habe. Das muss ich mir dann eisern für das Jahr aufteilen“, sagt Schlabach. „Ich arbeite das ganze Jahr für diese vier Wochen.“ Sein Konzept geht nur deshalb auf, weil er auf einem günstig erworbenen Resthof in Salzwedel lebt und genug Fläche für Werkstatt und Lager hat. „In Niedersachsen zu leben, könnte ich mir nicht leisten.“

Seine Angestellten sind gegen Arbeitsunfälle versichert, er selbst nicht. „Ist mir zu teuer.“ Ihm gehört noch eine Wiese, aus der er Pachteinnahmen erzielt. Was er übers Jahr durchschnittlich im Monat zur Verfügung hat, rechnet „Kerze“ eigentlich nie aus. Um die 2000 Euro, schätzt er, bleiben übrig.

Angst hat der gelernte Kunstschmied, Alt-Hippie und Freiheitsliebhaber nach 40 Jahren Weihnachtsmarktgeschäft und nur vier Wochen geregeltem Alltag im Jahr aber nur vor einem: dass ein Betreiber einen Stand ergattert, der ganz ähnliche Produkte anbietet wie er. Ansonsten ist „Kerze“ froh, dass in Lüneburg der Betrieb des Weihnachtsmarktes in den Händen der Stadt liegt. „Die ist nicht gewinnorientiert.“

Von Carolin George