In Gärten wie in dem von Gert von Harling tummeln sich noch Kaninchen. In Feld und Flur sind ihre Bestände dagegen eingebrochen. Foto: A/kre

Das Verschwinden der Wildkaninchen

Lüneburg. Wer in der Region Lüneburg Wildkaninchen sehen will, muss in die Stadt kommen – mit den größten Chancen auf den Friedhöfen. Und obwohl die geselligen Fellbündel auch im Landkreis genug sandigen, lockeren Boden für ihre unterirdischen Baue finden würden, sind ihre Populationen dort „faktisch erloschen“, wie Kreisjägermeister Hans-Christoph Cohrs bedauert. Dem Kaninchen geht es in ganz Niedersachsen schlecht. Der Jagdbericht verzeichnet mit 13 228 erlegten, beziehungsweise anderweitig verendeten Wildkaninchen die niedrigste Jagdstrecke in Niedersachsen seit 1956 – seit die Zahlen aufgezeichnet werden. „Und in diesem Fall ist der Wolf nicht schuld“, sagt Dr. Egbert Strauß von der Tierärztlichen Hochschule Hannover.

Seit Jahren geht die Zahl der Tiere zurück. In einem Ausmaß, dass Strauß, der verantwortlich für die Wildtiererfassung in Niedersachsen ist, das Phänomen als „besorgniserregend“ bezeichnet. So stark, dass das Wildkaninchen in dem von der Uni Kiel angelegten Wildkataster Schleswig-Holstein sogar als „potenziell gefährdet“ eingestuft wird. Gefährdet? Eine Art, die lange nicht nur in Australien als Plage galt? Hans-Christoph Cohrs erinnert sich noch gut daran, wie er als junger Mann mit einem Frettchen den elterlichen Hof in Betzendorf verließ, und „schon nach einer halben Stunde hatte ich zwanzig Karnickel erbeutet“.

Glückliche Zeiten für Jäger, aber lange vorbei. Der Jagdbericht Niedersachsen verzeichnet für das Jagdjahr 2018/19 im Landkreis Lüneburg nur noch 53 erlegte, beziehungsweise tot aufgefundene Tiere.

Nie war die Jagdstrecke (einschließlich tot aufgefundener Tiere) bei den Wildkaninchen in Niedersachsen so niedrig. Grafik: Jagdbericht Niedersachsen 18/19

40 bis 60 Prozent der befallenen Tiere sterben

Was musste passieren, damit eine Art, deren Vermehrungsrate mit fünf bis sieben Würfen von fünf bis neun Jungtieren pro Jahr legendär ist, derart in die Knie ging? Sie musste auf Feinde treffen, die sich noch schneller vermehren: Viren. 1952 infizierte ein Tierarzt in einem Park südlich von Paris erstmals Kaninchen mit Myxoma-Viren. Die zu den Pockenviren zählenden Einzeller lassen die Schleimhäute anschwellen und 40 bis 60 Prozent der befallenen Tiere verenden. Grund für die damalige Aktion waren die hohen Fraßschäden durch die in Mitteleuropa zur Plage gewordenen Wildkaninchen. Eigentlich sind sie hier nicht heimisch, waren ursprünglich auf der iberischen Halbinsel und Nordafrika verbreitet. In Deutschland wurden die ersten Kaninchen 1149 erwähnt. Das Kloster Höxter hatte einige Exemplare in Frankreich erstanden.

Das Myxoma-Virus und die Jahrhundertwinter 1978-80 ließen die Bestände einbrechen, zeichnet der aktuelle Jagdbericht das Verschwinden der Kaninchen nach. Ende der 80er-Jahre hatten sich die Populationen erholt. Dann forderte die weltweit durch Tiertransporte verbreitete „Chinaseuche“ RHD (Rabbit Haemorrhagic Disease) einen weiteren hohen Blutzoll. Das Virus stört die Blutgerinnung und führt zu Blutungen auch in den Atemwegen und Organschwellungen. Bisher ist die Krankheit unheilbar.

In der Folge sank die Jagdstrecke in Niedersachsen seit den 90er-Jahren um 85 Prozent. Hier spielen nach den Untersuchungen der Uni Kiel natürlich auch die intensivierte Landwirtschaft, die weniger Rückzugsmöglichkeiten für Kaninchen lässt, eine Rolle. Und es kommt noch schlimmer. Die neue Virusvariante RHDV-2 hat sich nach den Beobachtungen von Dr. Strauß bereits an der Küste und auf Borkum verbreitet – und sie kann, anders als der Ursprungsstamm, auch den Feldhasen infizieren. Bei einer Sterberate zwischen 20 und 100 Prozent ein „bedenkliches Szenario“, wie Strauß findet. Das RHD-Virus war in Australien eingesetzt worden, um der dortigen Kaninchenplage Herr zu werden.

Trockenheit kam Tieren zugute

In der Region Lüneburg geht es dem Feldhasen noch gut, hat Kreisjägermeister Cohrs beobachtet. „Das trockene Jahr kam ihm zugute. Die Jungtiere sind in den Sassen genannten Mulden, in denen sie aufwachsen, Regen und Kälte schutzlos ausgeliefert. Nach dem trockenen Jahr haben Scheinwerferzählungen nun wieder viele Hasen belegt.“

Beim Wildtier-Kataster Schleswig Holstein hofft man auf eine Erholung der Wildkaninchen-Bestände in den nächsten zehn Jahren. Das würde auch die Überlebenschancen anderer, zum Teil seltenerer, Arten verbessern. So sorgte der Myxoma-Seuchenzug für ein Beinahe-Aussterben des Luchses in Spanien, der sich von den Kaninchen ernährt.

Von Joachim Zießler